Colman Domingo ist eines der heißesten Eisen im Hollywood-Feuer. Kein Wunder, dass er nun auch von Netflix in der Hauptrolle einer Serie besetzt wurde. Doch tut sich der Schauspieler mit The Madness wirklich einen Gefallen?
The Madness – Die Story
Endlich ins Rampenlicht
Colman Domingo – ein Name, der inzwischen die Lauscher spitzen lässt. Doch obwohl seine Filmografie lang und gespickt mit einigen preisgekrönten Titeln ist, spielte der inzwischen 55-Jährige lange Zeichen in der zweiten Reihe. Ob Lincoln, Ma Rainey’s Black Bottom, If Beale Street Could Talk oder Selma – Colman war dabei und sein Gesicht ist auch immer positiv in Erinnerung geblieben, der tatsächliche Durchbruch gelang ihm jedoch erst mit seiner Mentoren-Rolle für die Zendaya-Figur in Euphoria. Im Anschluss rückte er für Hauptrollen in den Fokus und erntete für seine Auftritte in Rustin und Sing Sing reichlich Lob und Anerkennung.
Nun aber geht es mit The Madness wieder zurück ins Seriengeschäft, wo er neben Euphoria unter anderem schon in Fear the Walking Dead maßgeblich mitwirkte. Wobei man schon sagen muss, dass dieses Netflix-Projekt nun eher ein Hybrid zwischen Serie und Film ist, denn eigentlich ist diese Miniserie hier – wie viele Vertreter der Gattung – ein in Häppchen servierter, stundenlanger Spielfilm.
One-Man-Show mit politischem Subtext
Nun aber zur Story: Ein Mann, der eines Mordes verdächtigt wird und Reißaus nimmt, um seine Unschuld zu beweisen – da klingelt doch was… Richtig! Die Prämisse dieser Miniserie erinnert doch mehr als offensichtlich an den Harrison Ford- Klassiker Auf der Flucht, der mit seinem Erscheinen damals das Genre ordentlich durchgerüttelt hat. Und eines kann man in diesem Vergleich direkt nach wenigen Szenen resümieren: Es könnte kaum einen besseren Darsteller geben, der sich diesem schweren Duell stellen könnte, als Colman Domingo. Der US-Amerikaner hat eine wahnsinnige Präsenz, strahlt aber auch eine Gelassenheit aus, die man ihm selbst in den brenzligsten Situation noch voll abkauft. Daraus bedingt sich, dass man ohne irgendwas über die Zusammenhänge zu wissen, als Zuschauer nie Zweifel an der Unschuld des Protagonisten hat und seinen Weg mit viel Interesse mitzugehen bereit ist.
Was aber offenkundig The Madness vom Neunziger-Thriller-Klassiker unterscheidet, ist die Hauptfarbe des Flüchtigen. Ja, in Auf der Flucht hat dies keinerlei Bedeutung gehabt. Hier jedoch ist es für die tiefere Ebene der Geschichte unabdingbar, dass der Handlungsträger POC ist. Denn es geht in dieser Story, die von falschen Verdächtigungen und Vorverurteilung handelt, natürlich um das Thema racial profiling und ethnische Diskriminierung seitens der Behörden in den USA. Immer wieder ertappt man sich beim Zusehen dabei, die Frage stellen zu wollen: Was wäre wenn der Verdächtige hier ein Weißer wäre? Doch das ist hier keinesfalls plump, bevormundend oder mahnend implementiert. Vielmehr speist sich ein wesentlicher Teil der Stimmung aus dieser ethnischen Disposition.
Hochspannung in düsteren Bildern
Spannung ist das A und O in Thriller-Produktionen und die ist in The Madness definitiv geboten. Sei es durch das Mitfiebern mit Muncie oder durch das Mitraten um die Hintergründe und das sich heraus schälende Verschwörungskonstrukt. Auch die Frage, ob der Protagonist nicht auch ein Stück weit paranoid ist/wird, schwingt als Damoklesschwert noch mit. Die acht Folgen sind zwar schon ziemlich lang für diesen Thriller, aber es ist zum Glück mehr als das Interesse am Hauptdarsteller, was das Publikum bei der Stange hält. Denn nach dem Auftakt wird die Flucht immer mehr zu einer Art Odyssee, bei der an verschiedenen Stationen (quasi in der Folgenstruktur) Personen auftauchen, die zur Lösung des Rätsels beitragen. So wird aus dem passiven Flüchtigen im Verlauf immer mehr ein aktiv Ermittelnder. Und die Unterstützer auf seiner Reise sind allesamt spannend geschrieben, gut besetzt und einprägsam, trotz kurzer Screentime, gespielt.
Audiovisuell ist The Madness auch weit weg vom Netflix-Einheitsbrei. Denn der Look ist deutlich näher am trostlos-entsättigten Nordic-noir-Stil dran als am vielkritisierten Digital-Look zahlreicher Eigenproduktionen des Dienstes. Das zieht zwar qua fehlender Farben die Stimmung eher in Richtung Pessimismus, verleiht dem Sujet auf der Kehrseite aber auch mehr Schwere und Nachdruck. Genauso verhält es sich mit der an klassische Film-noir-Soundracks erinnernde Musikkulisse, die perfekt zum düster-morbiden Flair passt.

© Netflix
Unser Fazit zu The Madness
The Madness ist ein exzellenter Paranoia-Thriller mit einem Hauptdarsteller, dessen Aura einfach jede und jeder erliegt. Eine flott gepacete One-Man-Odyssee mit politischer Ebene, präsentiert ins kalten Bildern. Der Umgang mit den Themen Fake News, Verschwörungs-Fanatismus und Vorverurteilung ist smart in die Handlung eingebaut ohne mit dem mahnenden Zeigefinger daher zu kommen. Das macht aus dieser Miniserie gen Ende des Jahres noch ein waschechtes Highlight und ein Must-See bevor man den Strich unter die Jahrescharts ziehen kann.
The Madness streamt bei Netflix.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

