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    Spider-Noir

    Jan Wernervon Jan Werner22. Mai 2026Keine Kommentare6 min Lesezeit
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    © Prime Video
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    Während man auf den dritten Teil von Sony’s Spiderverse-Animations-Saga im Kino warten muss und im MCU Tom Holland nochmal alles auf Null stellt, wagt sich eine weitere Marvel-Spinne ins Geschehen. Nach Peter Parker und Miles Morales spielt Nicolas Cage in Spider-Noir die Spider-Man-Inkarnation Ben Reilly. Und auch sonst ist hier einiges anders als gewohnt… Aber auch gut?

    Spider-Noir – Darum geht’s in der Prime-Serie

    Spider-Noir erzählt die Geschichte von Ben Reilly (Nicolas Cage), einem alternden und vom Pech verfolgten Privatdetektiv im New York der 1930er Jahre, der sich mit seiner Vergangenheit als einziger Superheld der Stadt auseinandersetzen muss.

    Key-Art © Amazon Prime Video

    Die ganze Bandbreite der Comic-Welt in wenigen Wochen

    Von wegen Superhelden-Fatigue: Nachdem im März – Mai-Zeitraum mit Daredevil: Born Again, Invincible und dem The Boys-Finale gleich drei absolute Tentpoles der jeweiligen Dienste parallel liefen, stehen nur mit Supergirl und Spider-Man: Brand New Day schon die Kino-Pendants in Lauerstellung, um im Sommerfenster die Quote zu wahren. Dann kommen noch X-Men ’97 wieder, HBO legt im August mit Lanterns nach und Vision: Quest ist auf dem Weg zum Doomsday auch noch fest für 2026 eingeplant. Doch, wie gerade gesagt: The Boys ist vor erst zu Ende. Gen V wurde nach zwei Staffeln eingestellt und bis Vought Rising kommt, wird es noch dauern.

    Entsprechend sucht man bei Prime nach einem Newcomer in dieser Sparte, um den eben weiterhin lodernden Durst nach Comicverfilmungen zu bedienen. Und warum da nicht auf etwas aufbauen, was von einem „Konkurrenten“ schon quasi austariert wurde? Denn tatsächlich ist die Idee von Nicolas Cage alsSpider-Noir ja kein Novum, hat der Hollywoodstar ja im Sony Animationsfilm Across the Spider-Verse ebenjenen schwarzweißen Fassadenkrabbler schon gesprochen, warum dann also nicht auch spielen?!

    Die Qual der (Farb)wahl

    In diesem Projekt reiht sich – für eine Comicverfilmung – wirklich eine Besonderheit an die andere. Die wohl offensichtlichste ist natürlich die Optik. Denn: Spider-Noir gibt einem tatsächlich zwei Versionen zur Auswahl, eine „normale“ in Farbe und die Schwarzweißfassung, die mutmaßlich doch die ist, die man, um vollständig in die intendierte Stimmung eines uralten Film Noir versetzt zu werden, präferieren sollte.

    Die Monochromversion sieht indessen auch wirklich fantastisch aus, hat aber einen wiederum ganz eigenen Anstrich, der sich jetzt beispielsweise nur bedingt mit Sin City vergleichen lässt, – weil dieser Vergleich mit Gewissheit von vielen herangezogen werden wird. Doch Sin City war wesentlich mehr „Comic“, während man mit dieser neuen Serie doch wesentlich mehr auch visuell den Retro-Aspekt nach außen kehrt.

    Spider-Verse goes Live Action

    Die nächste außergewöhnliche Sache hier ist, dass wir auch komplett in eine andere zeitliche Epoche versetzt werden, spielt Spider-Noir in den 1930ern und damit in der gemeinen Timeline von MCU und Co. doch quasi in der Prähistorie. Ein anderes New York darf sich hier nun etablieren, kommt einem aber als Kenner der Film-Noir-Vorbilder doch auf Anhieb vertraut vor. Ein bisschen fühlt sich diese Mischung aus „auf alt getrimmt“ und „Superhelden-Momente“ an wie das Disney-Plus-Special Werewolf by Night. Doch würde man nun die Serie tatsächlich als die eigene Geschichte des Spider-Noir aus Across the Spider-Verse labeln, es würde wohl kaum einen geben, der dies nicht abkauft, so mannigfaltig sind die Möglichkeiten, die uns Sony mit seinem Animationsspektakel dargelegt hat.

    „Aus großer Kraft …“

    Allein, dass Reilly ein Privatdetektiv ist – und damit der Prototyp des Film-Noir-Protagonisten, wie man ihn beispielsweise in der Philip Marlowe-Figur bis heute liebt -, unterstreicht nochmal, dass dieses Projekt vor allem eines sein soll: eine Hommage an eine Hochzeit des Krimis. So werden wohl vor allem auch diejenigen hier angesprochen, die ein Faible für die „alten Schinken“ haben und entsprechend viel filmisches Vorwissen mitbringen. Diesem Teil des Publikums werden die Referenzen, die zwar offensichtlich aber nicht plump sind, angenehm auffallen. Aber unabhängig vom Background wird jeder hier durch tolle Ausstattung, den für heutige Begriffe verspielten Score und das ebenfalls an „damals“ angelehnte Pacing in eine andere Welt und Zeit versetzt.

    Ein Element, dass im Film-Noir neben dem abgehalfterten Privatermittler, den Klischee-Gangstern und den Kamerafahrten durch die Häuserschluchten einer US-Großstadt als Moloch noch dazugehört, ist eine Femme Fatal. Hier wird dieser Part nun äußerst gelungen von Li Jun Li übernommen, die bereits in Babylon und Sinners in anderen Epochen ihr Können mit Nachdruck zeigen durfte und nun daran mit einer noch etwas zentraleren Rolle in einer Blockbuster-Serie anschließen darf. Weiß man dabei vom realen Beziehungsleben Nicolas Cage‘, dann hat die Wahl einer Schauspielerin mit ostasiatischen Wurzeln sogar eine boulevardeske, weitere Ebene, aber das ist bestimmt nur ein Zufall…

    Das große Kunststück von Spider-Noir ist dementsprechend, dass man es geschafft hat, die Spider-Man-Aspekte einzubauen, ohne dass sie einen aus der Illusion reißen. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass man zu Beginn erstmal mit einem Protagonisten vorlieb nehmen muss, der seine Spinnen-Vergangenheit versucht im Vergangenen zu belassen. Doch natürlich – und da kommt der bekannteste Spruch der Reihe („With great power…“) ins Spiel – muss Ben Reilly dann doch irgendwann wieder seine übernatürlichen Kräfte einsetzen, um gegen die ebenfalls mit Kräften ausgestatteten Gegenspieler bestehen zu können. Das passiert aber erst im Verlauf, sodass der Anteil von Comic-Action peu à peu in den Vordergrund drängt – genauso wie auch die Spinnensinne nur in homöopathischen Dosen verwendet werden, um nicht ins Quatschige abzugleiten.

    Und ein Hauch von Hammer-Horror

    Nicht nur Spider-Man mit seinen Spinnenfähigkeiten wird hier nun im 30er-Setting entsprechend anders inszeniert. Auch andere bekannte Gegenspieler aus dem Spidey-Kosmos kommen in variierten Inkarnationen vor, wie beispielsweise der Sandman. Durch die Optik und die Inszenierung gelingt es auch einen Hauch von frühem Body-Horror einzubauen, der an die alten Universal- oder Hammer-Studio-Werke erinnern soll – und tatsächlich auch erinnert.

    Die Prise Cage-Insanity ist wie immer geboten

    Dann aber kommt noch der Cage-Faktor hinzu, denn bekanntlich hat der Schauspieler, der jährlich mindestens drei bis vier mal irgendwo im kompletten Qualitätsspektrum auftaucht, eine doch eigene Definition seines Berufsprofils, sodass man nicht immer eine Glanzstunde des Schauspiels, aber mit Garantie eine spezielle Erfahrung erwarten darf. Und so ist es auch hier wieder ein Ritt auf der Overacting-Klinge, den der Pig-Darsteller eingeht. Umso überraschender ist aber, wie überzeugend sein Spiel tatsächlich ist, sowohl in den humoristischen Szenen als auch dann, wenn es mal Zeit für emotionale Ruhe ist.

    “The Spider” (Nicolas Cage) © Amazon Prime Video

    Kurzum: Spider-Noir ist vor allem eine Nicolas Cage-Show, aber eben nicht nur das. Denn nicht nur Li Jun Li spielt sich ebenfalls ins Gedächtnis, auch zahlt sich die für einen Comic-Verfilmung erstmal unorthodoxe Riege an Charakterdarstellern hier mehr als aus: Alle passen perfekt in den Noir-Kontext, entsprechen nicht dem 2026-er Schönheitsideal, können die Art und Weise zu reden glaubhaft rüberbringen und fallen auf der anderen Seite aber auch nicht negativ auf, wenn es dann mal an die Action mit den Comic-Einflüssen geht.

    © Amazon Prime Video

    Unser Fazit zu Spider Noir

    4.0 Stark

    Spider-Noir ist der erhoffte frische Wind im Jahr der unzähligen, aber gleichwohl eher uniformen Comic-Stoffen. Nicht nur optisch sticht die Prime-Serie heraus, auch die Tonalität ist etwas besonderes, der Cast rund um Cage ist fantastisch und dass der Film-Noir-Aspekt so viel Raum einnimmt, ist nicht nur mutig, sondern geht auch voll auf!

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    Jan Werner

    Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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