Unchosen ist eine neue Netflix-Serie, die sich um eine christliche Sekte dreht. Dabei ist der Cast durchaus hochkarätig, aber ist es die Story auch?
Darum geht’s in Unchosen
Rosie lebt mit ihrem Ehemann Adam und ihrer Tochter scheinbar glücklich in einer abgeschotteten christlichen Gemeinde. Doch durch die schicksalhafte Begegnung mit dem aus dem Gefängnis ausgebrochenen Häftling Sam beginnt sie zu erkennen, wie eingeschränkt ihre Welt eigentlich ist. Handelt diese zurückgezogene religiöse Gemeinschaft möglicherweise doch nicht in ihrem besten Interesse? Als es in ihrer Ehe zu kriseln beginnt, erscheint Sam als ihr Retter. Doch welche Gefahr ist die größere? Der Kult oder Sam mit seiner finsteren, kriminellen Vergangenheit?

Gefühlvoller Thriller vor religiösem Hintergrund
„Hugo Cabret“ Asa Butterfield ist vor allem durch die ebenfalls bei Netflix veröffentlichte Serie Sex Education als Otis zu einer Art Jugendikone geworden, hat aber seither nicht allzu viel andere Rollen landen können. Nun ist er also in einer ganz anderen Rolle zum Streamingdienst zurückgekehrt. Er spielt in dieser sechsteiligen Serie das Mitglied einer fundamentalreligiösen Gemeinschaft, die vom von Christopher Ecclestone (The Leftovers) gespielten Sektenführer Mr. Phillips – so zeichnet es sich schnell ab – mit harter Hand unterjocht wird. Direkt in der ersten Folge wird klar, dass er sogar seinen Bruder für den Glauben zu Opfern bereit ist, aber gilt das auch, wenn es plötzlich um seine Frau geht?
Doch auch wenn mutmaßlich ein Gros der Abonnenten durch Butterfield zu dieser neuen Produktion gelockt werden – und der Star auch einen bedeutenden Part spielt -, ist es aber eigentlich mehr Rosie, gespielt von Molly Windsor, deren Weg hier begleitet wird und auch Fra Fee als Sam spielt sich fast mehr in den Vordergrund als der kolportierte Star. Das schmälert jedoch dessen Leistung keineswegs, denn speziell in Abstraktion zum Image, das er sich mit seinen bisherigen Jobs aufgebaut hat, funktioniert Butterfield hier als überaus brutaler Ehemann überraschend gut.
Molly Windsor aber trägt diese Show als hin- und hergerissene junge Mutter, Gattin und zweifelnde Gläubige emotional auf ihren Schultern. Speziell in den Zwiegesprächen mit ihrem Mann oder mit dem Ex-Sträfling kann sie eine extreme Bandbreite an Gefühlslagen durch ihre Intonation abdecken, zeigt aber auch allein durch ihre Augen weit mehr als viele Darsteller mit dem ganzen Körper oder nur durch Worte auszudrücken vermögen.
Die Story einer plötzlich mit der Realität konfrontierten und überforderten, daran aber auch wachsenden jungen Frau ist natürlich nicht die Neuerfindung des Rads. Doch Unchosen schlägt die richtigen Töne an, überzeugt mit einer Prise Kitsch, weil dies perfekt zur naiven Protagonistin passt und ist durch den leichten Krimi-Anstrich sogar genau so spannend, wie es für die kurzweiligen sechs mal 40 Minuten trägt.
Wer sich Unchosen nicht entgehen lassen sollte
Vor ein paar Jahren gab es den kleinen US-Sender SundanceTV, der zwar nur wenige Eigenproduktionen kreierte, aber diese hatten einen doch ganz eigenen, wiedererkennbaren Stil. So gab es dort unter anderem die Serie Rectify, in der ein unschuldig Verurteilter mit eigenen Dämonen und um seine Rehabilitierung kämpfte, gespielt von Aden Young, und es gab The Red Road mit Jason Momoa (Aquaman) und Julianne Nicholson (Paradise) über ein Reservat mit Verbindungen in mafiöse Strukturen. Diese zwei Formate gingen zwar vor allem auch hierzulande komplett unter, aber sind qualitativ doch noch immer als Geheimtipps zu empfehlen. Und wer deren Tonalität und den unterschwellig kritischen Umgang mit den verhandelten Themen dort mochte, für den ist nun auch Unchosen wie gemacht.

Und dann erinnert diese neue Serie auch noch sehr stark an die Anthology-Serie The Sinner, die mit Staffel 1 und Jessica Biel in der Hauptrolle damals recht hohe Wellen schlug, im Verlauf der weiteren Fälle mit Bill Pullman als haderndem Ermittler aber mehr und mehr Federn ließ. Das eher rurale Umfeld, die Einbettung in einen religiösen Kontext und die Verbindung von Kriminalgeschichte und persönlichen Schicksalsschlägen hat die Thriller-Serie mit dem Neustart gemein. Nicht zuletzt aber ergeben sich durch den Aspekt fanatischen christlichen Glaubens auch Parallelen zur gefeierten Margaret Atwood-Adaption The Handmaid’s Tale und auch zur Netflix-Serie Alias Grace. Während jedoch erste eine Dystopie in einer nicht ganz konkretisierten Zukunft und letztere eine Geschichte im 19. Jahrhunderts erzählt, ist nun Unchosen eindeutig auch im Hier und Heute verortet und spielt auch mit dieser Einbettung in unsere Lebensrealität.
© Netflix
Unser Fazit zu Unchosen
Unchosen überzeugt als emotionales, weil leises Kontrastprogramm zum in letzter Zeit eher krawalligen Netflix-Programm. Besonders die Hauptdarstellerin spielt sich positiv in den Vordergrund, aber auch Asa Butterfield von einer neuen Seite kennenlernen zu können, ist ein Grund einzuschalten. Mit Sicherheit wird diese Serie nicht das Massenpublikum erreichen, aber für diejenigen, die damals mit The Sinner oder Alias Grace schon angesprochen wurden, gibt es endlich mal wieder etwas Vergleichbares.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

