Viele der „alten Garde von Hollywoodstars“, die sich bislang dem Serientrend verweigerten gibt es nicht mehr. Einer der letzten war Robert De Niro. „War“, denn jetzt ist er in der Netflix-Serie Zero Day in der Hauptrolle zu sehen. Bringt seine Star-Power der Miniserie den nötigen Punch – oder ist hier ohnehin Hopfen und Malz verloren?

Zero Day – Die offizielle Handlung
Zero Day stellt die Fragen, die uns allen auf der Seele brennen: Woher wissen wir, was die Wahrheit in einer Welt ist, die sich in einer permanenten Krise befindet und von Kräften gespaltet zu werden scheint, über die wir keine Macht haben? Und wie viele dieser Kräfte sind in einem Zeitalter der Verschwörungstheorien und Täuschungen Produkte unserer eigenen Handlungen oder vielleicht sogar unserer eigenen Fantasie?
Aktuell oder zu gewollt?
Cyber-Terrorismus, USA vs. Russland, ein Ex-Präsident nahe der altersbedingten Inkompetenz. Nun ja, es könnte subtiler sein, mit einer neuen Serie auf der Welle der Echtzeit-Politik schwimmen zu wollen. De Niro wird in der Rolle des ehemaligen US-Präsidenten George Mullen „beauftragt, die Verantwortlichen für einen verheerenden Cyberangriff zu finden, der Chaos im ganzen Land und Tausende von Todesopfern verursacht hat. Während Desinformationen um sich greifen und die persönlichen Machtambitionen von Akteuren aus der Technologiebranche, der Wall Street und der Regierung aufeinanderprallen, zwingt Mullen seine unerschütterliche Suche nach der Wahrheit dazu, sich seinen eigenen dunklen Geheimnissen zu stellen und alles, was ihm wichtig ist, aufs Spiel zu setzen.“ So wie Netflix sein Prestigeprojekt dann auch selbst vermarktet, wird der Eindruck des Realitätsbezugs nochmal verstärkt.
Doch hat man sich dann die ersten Minuten der Story angesehen, fällt der Faktor Realismus schnell in sich zusammen – und aus Zero Day wird ein extrem klassischer Verschwörungsthriller, der sich eher in eine Reihe mit Staatsfeind Nr. 1 und Co. versucht einzugliedern, dabei aber weder so richtig Spannung noch Nervenkitzel aufzubauen vermag. Irgendwie fehlt ein klares Bekenntnis, ob man mehr Politthriller mit Schwerpunkt auf politischen Ränkespielen à la Diplomatische Beziehungen oder gar House of Cards sein möchte – oder eben ein Paranoia-/Cyber-Crime-Reißer, bei dem aus Politikern überhöhte Weltenretter werden, wie beispielsweise in Air Force One.
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Was will Zero Day sein?
Die Miniserie hat sechs Folgen mit jeweils 50 bis 60 Minuten und ziemlich viele Handlungsstränge, die sich gefühlt gegenseitig immer wieder ausbremsen. Da ist einerseits die geopolitische Sphäre, die Cyber-Bedrohung, die Ermittlungen samt Wettlauf gegen die Zeit. Das ist mitunter auch der Part, der am meisten Neugier auf sich ziehen kann, obwohl es eigentlich der konventionellste ist und auch die Inszenierung und der Spannungsaufbau hier wenig neue Fässer aufmachen. Als Verschwörungsthriller mit Cyber-Akzentuierung funktioniert Zero Day ziemlich gut.
Doch dann verwendet man eben auch ziemlich viel Zeit für die De Niro-Figur und das Umfeld. Auch hier bekommt man wenig Neues serviert, aber im Gegensatz zum Thriller-Part ist dies an dieser Stelle problematischer. Die Figurenkonstellationen sind teils altbacken, teils zu erwartbar in ihrer Dynamik und Entwicklung. Zwar kann dies gut und gerne kaschiert werden, wenn die Darstellenden aus einem mittelmäßigen und diffusen Skript mehr rausholen als im Papier eigentlich drinsteckt, aber an dieser Stelle kommt man dann zum Kernproblem dieser Produktion.
De Niro nur noch ein Schatten früherer Zeiten
Und dieses Problem hat – man mag es kaum glauben – den Namen Robert De Niro. In den letzten Jahren mehrten sich die Auftritte des Taxi-Driver-Stars, bei denen man wahlweise Lustlosigkeit, Alterserscheinungen oder gar schlechtes Schauspiel attestieren musste. Während nun aber ein Sylvester Stallone in seinem Seriendebüt als Tulsa King so etwas wie einen Airbag gegen die an die Wand gefahrene Filmkarriere gefunden zu haben scheint, schaufelt De Niro nach einer starken, diabolischen Performance in Killers of the Flower Moon hier weiter an seinem Grab des filmischen Vermächtnisses.
Teils lallend und orientierungslos wirkend spielt er den Ex-Präsidenten und Ermittler mit Demenz-Anfällen eher wie eine Karikatur als sein echtes, fortgeschrittenes Alter glaubhaft in die Rolle hineinlegen zu können. Sollte das eine Anspielung auf Joe Bidens letztes Amtsjahr sein, dann weiß man nicht, ob man lachen oder den Kopf schütteln soll… Im Grunde genommen wäre diese Person tatsächlich ein spannender, ambivalenter Protagonist, speziell eben wegen der Dimension des Alters. Aber der Umgang damit ist weder ausgewogen noch kohärent. Zu allem Überfluss hat man dann auch noch eine typische Tochter-Vater-Problematik hinzugeschrieben, zwischen De Niro und Serientochter Lizzy Caplan, die zwar qua der Dynamik der beiden Darstellenden noch einigermaßen abzukaufen ist, aber inhaltlich genau das Gleiche wiederholt, woran man sich inzwischen schlicht sattgesehen hat. Selbiges gilt für die Beziehung von Mullen zu seiner Frau, wobei hier auch die Chemie zwischen De Niro und Joan Allen stimmt.
Ein Allstar-Cast macht noch keinen Hit
Doch natürlich ist Robert De Niro nicht der einzige ranghohe Hollywood-Star im illustren Cast von Zero Day. Matthew Modine, Bill Camp, Dan Stevens, Jesse Plemons, Gaby Hoffman Angela Bassett und Conny Britton – ein Politthriller im Serienkorsett könnte namhafter wohl nicht besetzt sein. Und die Beteiligten liefern auch im Rahmen dessen, was das Drehbuch ihnen vorsetzt auch durch die Bank ab. Dan Stevens überzeugt als Gegenspieler in Form eines TV-Schwurblers, Matthew Modine als moralisch fragwürdige Instanz und Bill Camp ist in solchen Nebenrollen immer ein Safe Play. Wichtiger ist jedoch Jesse Plemons, der hier im Gegensatz zu den letzten Rollen mal nicht den weirden Part mimen muss, sondern in einer durchaus tragischen Figur sein Können voll ausschöpfen kann. Besonders stark sticht dann noch Angela Bassett als Amtsnachfolgerin und US-Präsidentin heraus, die eine Aura mitbringt, die dieser staatstragenden Rolle mehr als angemessen ist.
An der Front der Darstellerriege gibt es also keinerlei Schwächen zu verzeichnen – und trotzdem oder gerade deswegen bleibt die Produktion hinter ihren Erwartungen zurück, da die langatmige Story mit nicht greifbarer Fallhöhe agiert und man immer wieder den Eindruck vermittelt bekommt, dass sich die Autoren um Eric Newman (American Primeval) mit Biegen und Brechen eine verschachtelte Geschichte zusammenstöpseln wollten – und sich dann bei der Suche nach Komplexität in Banalitäten verrannt haben.

Spannung ja, aber auch genug?
De Facto ist Zero Day schon eine spannende Seherfahrung geworden, sogar ein Format, das sich zum Binge Watching eignet – mit kleinen bis mittelgroßen Makeln. So ist die Inszenierung insbesondere in der zweiten Hälfte ziemlich rasant, wendungsreich und auch überraschend konsequent. Lediglich besteht die Gefahr, dass vielleicht der ein oder andere Zuschauer gar nicht so lange dran bleibt, denn der Einstieg der Miniserie gestaltet sich erschreckend zäh. Mein Tipp daher: Durchhaltevermögen.
Schüttelt man auch noch ab, dass der Realitätsbezug hier nur Etikettenschwindel oder Scharade ist, dann bekommt man einen soliden Spannungstrip mit Paranoiathriller-Momenten, der audiovisuell auch durchaus Kinoqualitäten vorweisen kann, vor allem in Sachen einer immersiven Soundkulisse. Logisch hinterfragen, sollte man wohl die Zusammenhänge genauso wenig wie die Akkuratesse der Handlungsspielräume entsprechender politischer Akteure. Wie eingangs beschrieben, ist die Miniserie im Thriller-Fach besser verortet als im Bereich des politischen Dramas oder gar als Kommentar auf den modernen Medienzirkus.
© Netflix
Unser Fazit zu Zero Day
Ein paar kritische Untertöne am amerikanischen Selbstbild, eine ordentliche Portion Kintopp, einige vergeben Chancen und ungenutzte Potentiale - aber am Ende doch eine spannend konstruierte Verschwörungsgeschichte, die bis zum Ende das Interesse halten kann, wenn man eben mit der richtigen Erwartungshaltung rangeht. De Niros Serien-Stelldichein ist kein Totalausfall, da ihn seine Mitspielenden in Zero Day aus der Patsche retten können. Dementsprechend ist die Miniserie tatsächlich eher ein Tipp für alle, die wegen dem Ensemble neugierig wurden und weniger für die, die der Altstar angelockt hat.
Zero Day startete am 20. Februar 2025 bei Netflix!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

