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Systemsprenger

Nora Fingscheidt feierte mit ihrem Spielfilmdebüt Systemsprenger auf der letztjährigen Berlinale Premiere. Rechtzeitig zur Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin steht das harte Drama nun fürs Heimkino bereit.

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TitelSystemsprenger
Jahr2019
LandDeutschland
RegieNora Fingscheidt
DrehbuchNora Fingscheidt
GenreDrama
DarstellerHelena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan
Länge118 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihEuroVideo
Auf dem DVD-Cover zu Systemsprenger sieht man Helena Zengel als Benni in Großaufnahme.
Das Cover der DVD von Systemsprenger. © EuroVideo

Worum geht’s in Systemsprenger?

Die 9-jährige Benni (Helena Zengel) wird von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, von Wohngruppe zu Wohngruppe geschickt. In der Schule macht sie nur Ärger, hat keine Freunde und bleibt dem Unterricht eh lieber fern. Aufgrund eines Traumas erleidet sie massive Aggressionsausbrüche, die sowohl ihr als auch ihrer Umwelt mehr und mehr schaden. Die Medikamente zur Beruhigung helfen nicht oder deren Einnahme wird schlicht verweigert. Sie wünscht sich dabei nur eines: Stabilität. Bestenfalls möchte sie zur geliebten Mutter zurück, alternativ zumindest ein konstantes Verhältnis zu einer Autoritätsperson. Das scheint sie im ebenso schroffen wie liebevollen Micha (Albrecht Schuch) gefunden zu haben. Der Anti-Aggressivitäts-Trainer, der sich zunächst als Schulbegleiter ausgibt, schlägt vor: Drei Wochen in einer Hütte im Wald, er übernimmt die Verantwortung für Benni und startet eine 1:1-Betreuung.

Was ist eigentlich ein „Systemsprenger“?

Eine ganz klare Definition hierzu gibt es tatsächlich nicht – zumindest keine, die an dieser Stelle nicht wiederum den Rahmen sprengen würde. Prof. Dr. Menno Baumann, der die Regisseurin Nora Fingscheidt im Entstehungsprozess des Filmes viereinhalb Jahre begleitet hat, betont in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur aber: „‚Systemsprenger‘ sei eigentlich nicht der Begriff für das Kind, sondern ‚für einen Prozess, der zwischen dem Kind und dem Hilfesystem passiert'“. Auf Kinder könne man den Begriff nicht anwenden. Das würde das Problem, das eigentlich im System liegt, auf eine einzelne Person abwälzen. Deshalb heißt das Erziehungsdrama auch nicht „Systemsprengerin“, obwohl es um ein Mädchen geht. Im Jargon der Jugendhilfe werden auffällige Kinder zumindest inoffiziell trotzdem oft so genannt.

Benni sitzt auf dem Beifahrersitz, hält sich die Ohren zu und schreit sich die Seele aus dem Leib.
Die ständigen Ausraster von Benni bringen jeden zur Verzweiflung. © EuroVideo

Fingscheidt zeigt Fingerspitzengefühl

Die Story zeigt wunderbar, wie das System in Härtefällen über die eigenen Beine stolpert. Erzieher müssen eine Bindung aufbauen und gleichzeitig eine professionelle Distanz zum Kind wahren. Die Plätze in den Wohngruppen und sonstigen Unterbringungen sind knapp bemessen, trotzdem muss auf die Kinder individuell eingegangen werden. Besonders zu loben ist dabei Fingscheidts Herangehensweise, nie mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Es wird schnell klar, dass auch die (meisten) Erzieher alles geben, um Benni zu helfen. Doch Benni leidet an einem frühkindlichen Gewalttrauma, weswegen sie sich nur von ihrer Mutter ins Gesicht fassen lässt. Die extremen Ausraster bei Nicht-Einhaltung erscheinen jedem Verantwortlichen zu gefährlich für die anderen Kinder in den Erziehungsstätten. So wird die Verantwortung von Instanz zu Instanz geschoben.

Auch bei der Struktur zeigt Fingscheidt Fingerspitzengefühl. Die markerschütternden Szenen mit den Wutausbrüchen sind ausgesprochen intensiv, aber meist auch sehr kurz. Häufig folgen darauf leichter zu verdauende Szenen, die klar machen: Nur wenige, kleinere Abbiegungen in der Vergangenheit von Benni würden ihr ein merklich leichteres Leben bescheren. Denn in ihr schlummert durchaus auch ein gewöhnliches Kind, das sich einfach nur nach Liebe sehnt. Durch die Abwechslung wird der Zuschauer nie von einer alles überdeckenden Dramatik erdrückt und hat zumindest ein paar Momente Zeit, um durchzuatmen. Ein gelungener Balanceakt, denn weder verliert das Thema im Film an Relevanz noch wird es unerträglich. Das ist auch auf die herausragende Arbeit im Schnittraum zurückzuführen. Denn auch wenn es kleinere zeitliche Sprünge gibt, manche Dialoge gar im Satz abgeschnitten werden, kann der Geschichte jederzeit mühelos gefolgt werden. Ungewöhnlich und gut!

Frau Bafané umarmt Benni bei einem Abschied am Flughafen in Systemsprenger.
Die engagierte Jugendamtmitarbeiterin Frau Bafané gibt ihr Bestes. © EuroVideo

Von verschlossener Tür zu verschlossener Tür: Effektive Inszenierung

Im Film wird Benni in diesem System oft sinnbildlich die Türe vor der Nase zugeknallt: Die Schranktür, nachdem sie der Freund ihrer Mutter dort einsperrt, die Tür der vielbeschäftigten Erzieher in einer Inobhutnahmestelle – denen sie folglich vor den Eingang pinkelt. So gelingt es sowohl Benni als auch den Verantwortlichen nicht, sie auf den Weg zurück in ein „normales“ Leben zu führen. Nirgends passt sie hinein, nicht in diesem System. Auch das wird clever durch kontrastreiche Inszenierung dargestellt; die fast schon sterile Welt der Wohngruppen, im Gegensatz dazu der schmutzige Wald und inmitten des Geschehens ein Kind in knallig-rosafarbenen Klamotten. Regisseurin Nora Fingscheidt setzt filmische Stilmittel sehr bewusst ein: Die sonst ruhigen Bilder wechseln sich bei Ausrastern der 9-Jährigen mit einer wackeligen Handkamera ab, der sporadisch eingesetzte Unschärfeeffekt bekundet Desinteresse der Protagonistin und Detailaufnahmen der Augen lassen den Zuschauer all den Frust und die Verzweiflung der Beteiligten erkennen.

Benni schwingt mit ihrem Kuscheltier freudig auf einer selbstgemachten Reifenschaukel im Wald umher.
Benni erlebt auch fröhliche Momente – besonders im Wald. © EuroVideo

Das Highlight des Films

Neben der taktvollen Inszenierung der Geschichte ist der Höhepunkt eindeutig das Schauspiel. Bis in die kleinsten Nebenrollen toll besetzt, stechen jedoch besonders die Hauptdarsteller Helena Zengel und Albrecht Schuch hervor. Zengel liefert in ihren jungen Jahren eine schier unfassbare körperliche Performance ab, gleichzeitig ist ihre Mimik dermaßen nuancenreich, dass der Zuschauer nie – trotz krasser Gewalttaten – das Mitgefühl für sie verliert. Schuch ist mit seiner enormen Leinwand-Präsenz und seiner charmanten wie rüden Ausstrahlung ebenso beeindruckend. Dabei ist sein zurückhaltendes Lächeln genauso glaubwürdig wie die emotionalen Ausbrüche und die Fassungslosigkeit, die sich teils in seinen Augen widerspiegelt.

Das Schauspiel der beiden ergänzt sich wunderbar. Dass zwischen den beiden am Set offensichtlich eine gute Chemie herrschte, springt auf den Zuschauer schnell über. Nachdem Micha im Wald Benni erklärt, dass es kein Strom und kein Internet gibt und sie außerdem „schön ins Plumpsklo kacken“ müssen, nennt sie ihn prompt „Ekelmarsmensch“. Und wenn sie auf unliebsame Forderungen mit „Kein Bock“ reagiert, antwortet er schlicht „Geht auch ohne“. So lockert das sympathische Duo durch kleine, lustige Momente den Film mit spielerischer Leichtigkeit auf. Insbesondere als Benni die Zeit im Wald bei Micha verbringt. Um hier nochmal auf die sinnbildlichen Türen zurückzukommen: In der dortigen spärlichen Hütte gibt es keine Tür. Das mündet in der durchaus witzigen Szene, in der Benni bei einem kleinen Ausraster den viel zu kleinen Vorhang, der zur Raumtrennung dienen soll, versucht zuzuziehen.

An dieser Stelle gilt es aber noch einmal zu betonen, dass es sich hier ganz klar nicht um einen sonderlich humorvollen Film handelt, sondern um ein niederschmetterndes Erziehungsdrama, das in einzelnen Momenten gezielt Humor einsetzt.

Micha sitzt in Systemsprenger mit verzweifeltem Blick in einem Büro.
Der Anti-Aggressions-Trainer Micha nimmt sich Benni an und gibt ihr Halt. © EuroVideo

Ausgezeichnet

Systemsprenger feierte auf der letztjährigen 69. Berlinale seine Premiere und verschaffte der Spielfilmdebütantin Nora Fingscheidt prompt den Silbernen Bären. Für die Kategorie „Bester internationaler Film“ wurde das Drama außerdem als deutscher Vorschlag bei den Oscars eingereicht, erreichte aber (leider) nicht die Shortlist und konnte so auch keine Nominierung einheimsen. Schade, denn das hätte dem Film verdientermaßen auch international mehr Aufmerksamkeit verschafft. Immerhin steht der Film seit dem 20. Februar schon auf Netflix zum streamen bereit und erscheint  am 27. Februar auf DVD und Blu-ray und könnte so nach dem durchaus beachtlichen Kinoerfolg schnell ein noch breiteres Publikum ansprechen.

Fazit zu Systemsprenger

Systemsprenger ist ein zu Tränen rührendes, aufwühlendes Erziehungsdrama über Traumabewältigung, das zum Nachdenken anregt und dabei trotz der niederschmetternden Story die schönen Momente nicht vergisst. Ein Manifest für Empathie!

Unsere Wertung:

 

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