Eine der bekanntesten Terrorgeschichten des 20. Jahrhunderts wird ein weiteres Mal verfilmt. Was macht der neue Unabomber-Film aber anders als bisherige Adaptionen des Lebens von Ted Kaczynski?
Das Drama Unabomber nach wahren Ereignissen…
… beleuchtet Ted Kaczynskis (Jacob Tremblay) Verwandlung vom 16-jährigen Harvard-Wunderkind zum berüchtigten Unabomber. Nachdem er von Professor Henry Murray (Russell Crowe) kontroversen psychologischen Experimenten unterzogen wurde, rückt Kaczynskis schwierige Vergangenheit Jahrzehnte später in den Fokus, als die Fahndung nach ihm – unter Leitung der FBI-Agentin Joanne Miller (Shailene Woodley) – die beunruhigenden Folgen von Ehrgeiz und Isolation ans Licht bringt.

Schon das zweite Mal Unabomber bei Netflix
Es ist neun Jahre her, da verfilmte der Discovery Channel die Kaczynski-Geschichte unter dem Banner der Manhunt-Reihe mit Paul Bettany in der Titelrolle des Unabombers. In Deutschland wurde die Serie ihrerzeit aber dann als Netflix-Exclusive wahrgenommen, was nun zu der Frage zwangsläufig führt, warum der Streamingdienst innerhalb doch verhältnismäßig kurzer Zeit die ohnehin schon zuhauf erzählte Geschichte nochmal aufgetragen werden muss. Auch Ted K, ein Film der sogar auf der Berlinale gezeigt wurde, widmete sich auf etwas andere Weise dem Vermächtnis des berüchtigten Kriminellen, der darin von Sharlto Copley gespielt wurde. Dass es darüber hinaus etwa ein Dutzend Dokumentationsformate zum Terroristen gibt, zu dessen Ideologie-Schriften und Nachwirkungen, sei noch am Rande erwähnt.
Was auf dem Papier nun aber schon mal für Netflix‘ neuen Unabomber spricht, ist der namhafte – in Teilen erstmal überraschende – Staff. Angefangen schon mal hinter der Kamera mit Janus Metz, dem Regisseur des gefeierten Tennis-Films Borg McEnroe sowie einiger Folgen von mindestens genauso gefeierten Serien wie Andor, True Detective oder ZeroZeroZero. Mit Russell Crowe, Marc Menchaca, Annabelle Wallis, Alexander Ludwig und Shailene Woodley sind die Haupt- und Nebenrollen aber „für einen Streamingfilm“ wahrhaft ambitioniert besetzt.
Die Erwachsenwerdung des Jacob Tremblay
Etwas überraschend mutet dafür dann die Besetzung von Ex-Kinderstar Jacob Tremblay an, der einstmals unter anderem als Filmsohn von Brie Larson in Raum erste Meriten sammeln konnte. Danach glänzte er in Wunder unter einer dicken Maske und zuletzt als junge Fassung der Tom Hiddlestone-Rolle in Life of Chuck. Einen ersten wirklichen „Erwachsenen“-Auftritt legte er aber erst kürzlich als Co-Star von Nick Offerman in einem diesem Projekt gar nicht so unähnlichen Projekt mit dem Titel Sovereign hin.
Nun aber soll er einen Film mit einer Story tragen, die jeder in Amerika kennt und bei der er sich wegen der vorherigen Adaptionen auch an starken Leistungen messen lassen muss. Doch – das kann man an dieser Stelle direkt sagen – legt Unabomber doch einen etwas anderen Schwerpunkt in der Lebensgeschichte des berüchtigten Harvard-Genies, indem dieses mal in einem früheren Altersstadium Kaczynskis in dessen Vita eingestiegen wird, weshalb dann wiederum in manchen Szenen ironischerweise der heute 20-Jährige fast schon zu alt ist. Zum Glück sieht Tremblay aber immer noch glaubhaft wie ein 16-Jähriger aus.

Küchenpsychologie…
Der neue Netflix-Unabomber-Film wird in zwei Zeitebenen erzählt: Einmal sehen wir die Jagd auf den Bomben-Terroristen, die stellvertretend von der Shailene Woodley-Figur repräsentiert wird. Daneben aber wird quasi das Prequel zur bekannten FBI-Geschichte dargeboten, bei der der junge Ted vom von Russell Crowe gespielten Professor unfreiwillig für psychologische Experimente missbraucht wird.
Einerseits ist dies erstmal begrüßenswert, hat die Phase des erwachsenen Psychopathen die Bettany-Serie ja schon stark abzubilden geschafft. Andererseits aber misslingt hier der Versuch eines komplexen Psychograms fast auf ganzer Linie. Denn Unabomber schafft es nicht über das Niveau von Küchenpsychologie hinaus und macht es sich bei der Ursachenforschung, wie aus einem jungen Genie ein Massenmörder, Faschist und Irrer wird – zumindest wie es eben hier suggeriert wird -, ziemlich leicht. So wird aus Kaczynski eine Art Incel-Prototyp, der natürlich immer ein schlechtes Verhältnis zum strengen Vater hatte und schlicht überfordert mit dem eigenen Intellekt war.
Dass man leider dann mit Tremblay auch noch einen Darsteller vor sich hat, der die vereinzelten Momente mit spannendem Ansatz nicht glaubhaft rüberbringt, bricht diesem Psychothriller endgültig das Genick, weil es schlicht der Tragweite des realen Falls nicht gerecht wird, wie unterkomplex hier das ein oder andere in der Entwicklung und auf dem Weg zum legendären Manifest abgekanzelt wird. Man könnte sogar sagen, dass hier ein seltener Fall vorliegt, bei dem – selbst wenn man sich nur einem Teil der gesamten Geschichte widmet – mehr Lauflänge notwendig gewesen wäre.
… und Standard-Ermittlung
Eigentlich fängt das Dilemma schon bei der Betitelung an. Denn streng genommen geht es im Handlungsstrang mit dem jungen Ted fast mehr um den Russell Crowe-Charakter und dessen Versuchsaufbau, der hier quasi auch als eine der Ursachen der schon laufenden Radikalisierung des späteren Bombers verkauft wird. Wirklich leidenschaftlich wirkt auch Crowe in der Rolle nicht, weshalb nicht mal dessen Performance hier noch was rausreißen kann.
Die FBI-Jagd wiederum erzählt dann auf die langweiligste Art und Weise nochmal das nach, was andernorts schon viel besser rübergebracht wurde. Das liegt nicht an den Darstellenden der Ermittlerinnen und Ermittler, aber schon daran, wie diese Figuren geschrieben wurden: Woodley und Co. spielen derart klischeehafte Agenten, die allesamt auf dem Niveau von Network-Procedurals wie FBI oder The Mentalist agieren, was wiederum einem Fall aus der echten Kriminalgeschichte nicht wirklich gut zu Gesicht steht.
Und dann ist da noch eine extrem nervige Soundkulisse, die mit dem Versuch, Spannung aufzubauen, in den unpassendsten Momenten letztlich das Gegenteil schafft und somit auch die handwerklichen grundsoliden Ansätze der anderen Gewerke hier noch torpediert.
© Netflix
Unser Fazit zu Unabomber
Tatsächlich ist Unabomber ein großes Ärgernis, wenn man sich schon mal mit Materie auseinandergesetzt hat: Zu kurz, zu simpel, zu effekthascherisch. Zum Glück gibt es bessere Wege, sich der True Crime-Geschichte zu nähern. Da zumindest nicht die dramaturgischen Fehler und verklärenden Ansätze der Ryan Murphy Serie Monster gemacht werden, kann man am Ende nicht resümieren, dass dieser Thriller etwas Verwerfliches mache. Doch er macht halt auch rein gar nichts, weshalb man ihn sich anschauen sollte. Ted Kaczynski wird auch in 50 Jahren noch Thema sein, dieser Film schon eine Woche nach Release nicht mehr.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

