Eine neue Thrillerserie mit dem derzeit überaus gefragten Stephen Graham hat ihren Weg zu Apple TV gefunden. Hält die Serie starker Stoffe des Briten mit Nocturne an?
Darum geht’s in Nocturne
Nocturne erzählt die Geschichte des Ex-Soldaten Jonah Lynn (Liev Schreiber), der als Mordermittler von den harten Straßen Philadelphias in eine Kleinstadt im Westen Pennsylvanias zieht, um dort ein ruhigeres Leben zu führen. Doch als die Stadt und seine Familie vom teuflisch raffinierten Serienkiller Jurek Walter (Stephen Graham) bedroht werden, muss Jonah alles beschützen, was ihm lieb und teuer ist. Nachdem die verzweifelte Suche nach dem letztem vermissten Opfer Jonah dazu zwingt, seine Ziehtocher, die FBI-Agentin Saga Bauer (Zazie Beetz), ins Rennen gegen Jurek zu schicken, steht die Frage im Raum: Wie weit wird Jonah gehen?

Im Fahrwasser der Genre-Meilensteine
Erst vor kurzem legte Netflix mit Der Kinderflüsterer einen Thriller vor, der ganz klar in den Fußspuren von Schweigen der Lämmer und Co. wandelt. Nun zieht Apple TV mit Nocturne nach. Denn auch diese Story setzt auf sehr viele Elemente, die man vor allem mit dem Hopkins-Klassiker assoziiert: Ein kriminelles Monster sitzt längst hinter Gittern, doch ein neuer beziehungsweise nochmal aufkochender Fall zwingt die Ermittler zur Kooperation mit dem personifizierten Bösen. Erzählt wird das auf den Zeitebenen der Ermittlungen von damals, die zur Ergreifung des Mörders geführt haben, und von heute, bei denen die „Hilfe“ des Einsitzenden gebraucht wird, um weiteres Übel zu verhindern, denn ein Mädchen wird nun vermisst, während ein anderes Kind plötzlich wieder auftaucht und sich merkwürdig verhält.
Dann kommt der Ermittler (gespielt von Liev Schreiber) hinzu, der heute eigentlich – auch wegen der Geschehnisse von damals – nicht mehr aktiv ist, aber aus „Gründen“ doch nochmal mit einsteigt. Hier ist dann einer der Gründe, dass es ausgerechnet seine Ziehtochter (Zazie Beetz) ist, die inzwischen involviert ist und ihm eine späte Chance zur finalen Lösung in Aussicht stellt. Das Besondere ist an dieser Stelle, dass sich besagte Ermittlerin mit dem Rollennamen Saga undercover in die Anstalt von Jurek Walter, der Graham-Figur, begibt.
Graham holt seinen inneren Hannibal Lecter raus
Bei all der Formelhaftigkeit ist es ja fast schon logisch, dass Stephen Graham für die Rolle des gefangenen kriminellen Genies immer wieder wie eine Variation von Hannibal Lecter inszeniert und gespielt wird – wobei glücklicherweise Graham inzwischen sich zu einer eigenen Marke entwickelt hat, sodass er dieser im Genre archetypischen Rolle sehr schnell etwas Eigenständiges einzuimpfen schafft. Das macht sogar die allererste Szene der Serie klar, weil schon hier ein Mysterium um die Figur und ihre Einflussnahme herum aufgebaut wird, das dann erst peu à peu ergründet wird.
Ohne zu viel zu verraten, was die Person des Jurek Walter anbelangt, kann rein zum Schauspiel von Graham gesagt werden, dass dieser es mühelos schafft, in wenigen Szenen eine Bedrohlichkeit aufzubauen, die selbst dem augenscheinlichen Vorbild – Anthony Hopkins als Kannibale Lecter – Respekt abringen würde. Schon in A Thousand Blows hat der nicht allzu großgewachsene Brite sich eine enorme Physis antrainiert, die mitunter einschüchtern kann – und soll. Das wirft er nun hier erneut in die Waagschale und kredenzt in Verbindung mit einer Intonation eine Psychopathen-Performance der obersten Güteklasse, wobei er sogar noch schafft, auch eine menschliche Verletzlichkeit durchschimmern zu lassen.
Viele Beteiligte von Rang und Namen
Was der Vorteil von Nocturne im „Duell“ mit dem Kinderflüsterer von Netflix ist, ist die Tatsache, dass hier im seriellen Format schlicht wichtige Haupt- und vor allem auch Nebencharaktere wesentlich besser ausgearbeitet werden können. Denn auch wenn – wie es die Promo auch vermittelt – zwar die drei Hauptfiguren von Beetz, Schreiber und Graham im Zentrum stehen, versammeln sich um dieses Trio herum noch eine ganze Riege an interessanten Figuren, die ebenso überzeugend besetzt und gespielt werden. Hier unbedingt zu nennen, ist der von Rory Culkin gespielte Aufseher Karl, der als fragiles „Opfer“ von Jurek eine beängstigende Vorstellung abliefert…
Auf der Seite der Ermittler müssen aber auch der mal wieder in einer Art Mentorenrolle agierende Bill Camp und die jüngst schon in Lanterns herausgestochene Poorna Jagannathan erwähnt werden, die gut und gerne auch als True Detective-Duo funktionieren würden und die von Gary Carr (Periphie) noch solide verstärkt werden.

Twisty, aber sehr reißerisch
Zehn Folgen hat diese Staffel von Nocturne. Vorab zu sehen, gab es jedoch nur sieben. Deshalb kann weder darüber, wie die Geschichte am Ende aufgelöst wird, noch dazu, ob möglicherweise nicht alle Fragen beantwortet werden und auf eine Fortsetzung hingearbeitet wird, etwas gesagt werden.
Was jedoch auf Basis dessen, was aber zur Verfügung gestellt wurde, kann ich sagen, dass diese Serie sich anfangs etwas schwer tut, eine eigene Identität zu finden, da sie sich doch sehr auf den oben angesprochenen, erprobten Genre-Pfaden bewegt. Das führt letztlich zu Twists, die man auch schon allesamt mal gesehen hat und die heutzutage keinen mehr so wirklich vom Hocker reißen – ohne an dieser Stelle die vermeintlich große Enthüllung zur Persona Jurek Walter in der siebten Folge vorwegzunehmen.
Auf dem Weg dorthin glänzt Nocturne zwar mit der Apple TV-typischen Produktionsgüte und hat auch immer wieder hochspannende Sequenzen und emotionale Momente, aber an der ein oder anderen Stelle rutschen die Macher dann ins grotesk überzeichnete ab, wodurch die grundlegend bodenständige Geschichte zu einem reißerischen Thriller hochstilisiert wird, den es eigentlich gar nicht bräuchte, um ihr gerecht zu werden. Damit ist man dann am Ende doch ziemlich genau auf Augenhöhe mit Kinderflüsterer von Netflix, da der Film an ziemlich vergleichbaren Fronten schwächelte.
© Apple TV
Unser Fazit zu Nocturne
Nocturne schöpft sein Potenzial darstellerisch aus, weil der Cast - vor allem Stephen Graham - über einige Schwachstellen andernorts hinwegzutäuschen vermag. Auch die Inszenierung ist stimmig, die Atmosphäre bedrohlich und fesselnd und Look and Feel hochwertig. Was der Serie aber fehlt sind neue Ideen, unerwartete Twists und Impulse für ein Genre, das nun mal zu den am härtesten umkämpften gehört. Als Psychothriller ist das dann am Ende leider nur solider Durchschnitt und besonders im Apple TV-internen Vergleich beispielsweise mit Blackbird oder Presumed Innocent fast schon enttäuschend.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

