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Ballerina

Mit Kill Boksoon konnte vor einem halben Jahr ein Auftragskillerfilm mit John-Wick-Vibes bereits Netflix-Abonnenten überzeugen und für ordentlich Wumms im Wohnzimmer sorgen. Kann Ballerina diesen Lauf im Action-Thriller-Bereich fortsetzen?

Ballerina | Official Teaser | Netflix

TitelBallerina (OT: 발레리나)
Jahr2023
LandSüdkorea
RegieLee Chung-hyun
DrehbuchLee Chung-hyun
GenreAction, Thriller
DarstellerJeon Jong-seo, Kim Ji-hun, Park Yu-rim
Länge93 Minuten
Altersempfehlungab 16 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Ballerina Kim Ji-hoon as Choi in Ballerina Cr. Yoo Eun Mi/Netflix © 2023

Ballerina – Die offizielle Handlungsangabe

Die gnadenlose Ex-Leibwächterin Ok-ju (Jeon Jong-seo) macht in diesem Actionthriller Jagd auf Choi (Kim Ji-hun), um sich für den Mord an ihrer Freundin Min-hee (Park Yu-rim) zu rächen.

Eine gewisse One-Woman-Army-Story-Müdigkeit stellt sich ein

Atomic Blonde, Lucy, Kate, Anna, The Protege oder eben Kill Boksoon – die Liste an Filmen, die man inzwischen als „weibliche Antwort“ auf John Wick und Co. verunglimpft, ließe sich noch fortsetzen. Längst gibt es genauso viele Frauen als Protagonistinnen im Rache-Action-Genre wie Männer. Die Stories sind dabei unabhängig vom Geschlecht meist ausrechenbar, stilistisch neigen alle Beiträge in diesem Subgenre mehr oder weniger zu style over substance und ein Comic-artiges world building ist ihnen auch gemein. Für die Beurteilung sind dabei inzwischen sowohl subjektive Faktoren, also wie viel man an ähnlichen Filmen und Serien schon gesehen hat, und objektive Faktoren, also wie eigenständig, frisch und innovativ die individuellen Werke sind, wichtig.

Bei der Motivation zur Rache, den Hintergründen der Hauptfigur, etc. sind mittlerweile auch sehr viele Varianten erzählt worden, sodass es gar nicht so leicht ist, hier noch frische Akzente zu setzen. Oft hat man als Fan des Genres aktuell bei Neustarts ein Déjà-vu oder zumindest den Eindruck, dass man bekannte Teile nur neusortiert serviert bekommt. Das könnte man fast schon als Parallele zu der seit Jahren diskutierten Superheldenfilm-Müdigkeit des Publikums sehen. Auch dort haben immer ähnliche Origin-Stories und vorhersehbare Konfliktsituationen die Geduld einiger hartgesottener Fans überstrapaziert, sodass der Unmut gegenüber Marvel und DC in den vergangenen Jahren doch lauter wurde. Da braucht es gänzlich andere Ansätze, wie beispielsweise es The Batman oder die animierten Spider-Man-Filme beweisen konnten. Die Frage, übertragen aufs Rache-Action-Kino, lautet also, ist Ballerina ein Film, der etwas anders macht oder ein lauer Aufguss von überstrapazierten Erzählmustern?

Wo schwimmt Ballerina im vollen Teich?

Grundsätzlich das Wichtigste vorweg: Für sich betrachtet macht Ballerina wenig Fehler. Audiovisuell hat man sogar einen recht frischen Ansatz gewählt und die Verortung im Ballett-Milieu nimmt ein Stück weit vorweg, was im kommenden Frühjahr mit dem gleichnamigen John-Wick-Spin-Off auf uns zukommt. Auch die Hauptdarstellerin ist perfekt gecastet, den Racheengel nimmt man ihr voll ab, in den brutalen Momenten lehrt sie dem Publikum Ehrfurcht. Darüber hinaus strahlt sie eine Hauch Wahnsinn aus und knüpft damit an ikonische, ebenfalls asiatische, Action-Ikonen an. Die Balance zwischen den nachdenklichen Momenten, der überlegten Planung und der Eskalation stimmt. Da der Film aus Korea stammt, spielt man damit auch nicht denjenigen in die Karten, die sich über Klischees asiatischer Charaktere in Hollywood-Produktionen beschweren.

Der neue Netflix-Film macht also definitiv Spaß und ist mit gut 90 Minuten auch im Vergleich kompakt und auf dem Punkt. Jetzt jedoch das Aber: Wer auch nur einen Bruchteil der oben erwähnten Vergleichsfilme schon gesehen hat, wird in diesem Neuling wenig Frische erleben. Die hauptsächlich nachts spielenden und in Neonlicht getauchten Szenen sind ein alter Hut, die Sets gleichen vielem Bekannten. Ein Hauch von Nicholas Winding-Refn, viel klassische Asia-Action und eine Prise Luc Besson – solide vorgetragen, aber eben komplett abgedroschen. Selbst die Momente, in denen mit Sexualisierung gearbeitet wird, locken längst niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, geschweige denn, dass sie noch für Wow-Effekte sorgen können.

Park Yurim als Choi Min-hee in Ballerina
Park Yurim als Choi Min-hee in Ballerina © Netflix

Verschenkte Chance

Und was den Film vielleicht noch hätte herausstechen lassen, ist ebenfalls nur Mittelmaß. Denn die Action ist zwar gut choreografiert, wird jedoch von Schnitten entstellt und durch die Dunkelheit beschnitten. Es wird blutig und hat auch immer wieder eine nicht wegzudiskutierende Wucht, aber in Verbindung mit einer eher belanglosen Hip-Hop-Untermalung entfalten nur wenige Szenen einen hohen Immersionsgrad. Leider reiht sich Ballerina damit eher in die Riege der vergessenswerten Beiträge ein. Wie auch beispielsweise Gunpowder Milkshake lässt der Film viel Potenzial liegen.

Manchen Filmen gelingt es trotz Action-Schwerpunkt noch bestimmte Themen auf der Subebene zu thematisieren, Botschaften einzubauen. Auch hier muss man bei dieser Produktion schon mit der Lupe, um noch etwas von Gehalt herauslesen zu können. Die recht platten Gut-Böse-Konstellationen bieten kaum Anreiz, um noch länger drüber nachzudenken und kurze sozialkritische Anflüge verpuffen im Ansatz. Hauptdarstellerin Jeon Jong-seo hat in Mona Lisa and the Blood Moon auch schon eine noch speziellere Rolle mit Bravour gespielt.

Unser Fazit zu Ballerina

Die Welt, die hier aufgebaut wird, ist nicht halb so abgefahren und neugierig stimmend wie zuletzt bei Kill Boksoon. Vieles wirkt zu bemüht und gleichzeitig uninspiriert. Handwerklich ist auch dieser Actionfilm mit Sicherheit keine Zeitverschwendung, aber in kaum einer Kategorie ist Ballerina herausragend. Das ist in der Summe einfach zu wenig, um heute in einem dichtbesiedelten Genre bestehen und in Erinnerung bleiben zu können. Kann man alle Vergleiche komplett ausblenden, dann hat man hiermit dennoch unterhaltsame anderthalb Stunden vor sich.

Ballerina läuft seit dem 06. Oktober 2023 bei Netflix!

Unsere Wertung:

 

 

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© Netflix

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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