Privilèges ist eine sechsteilige HBO-Max-Serie aus Frankreich, die bereits bei Serienfestivals Aufsehen erregt hat. Doch für wen lohnt sich das einschalten?
Darum geht’s in Privilèges
Die junge Strafgefangene Adèle Charki übernimmt im Rahmen eines Freigängerprogramms eine Stelle im luxuriösen Hotel Citadel, geleitet vom mächtigen Édouard Galzain. Bereits bei ihrer ersten Schicht gerät sie in ein gefährliches Machtgefüge aus ehrgeizigen Mitarbeitenden, einflussreichen Gästen und verborgenen Netzwerken. Als sich Édouards Verhältnis zu Adèle zunehmend verdunkelt, muss sie all ihre Entschlossenheit aufbringen, um sich gegen Manipulation und Verrat zu behaupten – und ihre Zukunft zurückzuerlangen.

Französisches Sozialdrama meets Industry-Formel
Es gibt eine ganze Reihe von Milieus, in denen ganz eigene Gesetzmäßigkeiten herrschen und die in den letzten Jahren durch spannende Serienprojekt in ein neues Licht gerückt wurden. Man denkt natürlich an die Haute Cuisine, hinter deren Fassade uns The Bear mitnimmt oder an die Finanzwelt, die in Industry aus der Perspektive derer gezeigt wird, die neu in dieses Haifischbecken eintauchen und peu á peu von diesem Kosmos korrumpiert und verändert werden. Während jedoch The White Lotus hierbei nicht in die Reihe passt, weil der Fokus doch zum Großteil auf die Gäste gerichtet ist und lediglich angedeutet wird, was in den Reihen der Belegschaft vor sich geht, widmet sich nun Privilèges deutlicher diesem Metier, wobei man dabei tonal nur bedingt die gleiche Ausrichtung einnimmt wie besagte Beispiele The Bear oder Industry.
Ja, es gibt auch hier den Fish-out-of-Water-Faktor, wenn man an der Seite einer Freigängerin erst ganz langsam in die Welt der Luxushotellerie eintaucht, von der Geschwindigkeit, den unausgesprochenen Regeln, der scheinbaren Willkürlichkeit überfordert wird. Aber es gibt durch die Verwebung mit der Backstory von Adèle dann auch die eindeutig dem französischen Gusto zuzuschreibenden Aspekt einer sozialen Milieustudie mit manchmal klischeehafter, manchmal aber eben auch subtil eingestreuter Kritik an einem exkludierenden System. Vielleicht ist es dem ein oder anderen auch zu plakativ, aber ich persönlich finde, dass es noch gut gelingt, den Kontrast zwischen Gefängnisrealität und High Society im Luxushotel einzusetzen ohne es überzustrapazieren.
Zugespitzt, aber nicht ohne Appeal
Ein bisschen erinnert die Serie dann auch an andere französische Serienhits der vergangenen Jahre, zum Beispiel an Call my Agent wo man sich auch vermeintlich in unserer „Realität“ wähnt, aber alles doch einen Tick überzeichnet daherkommt, sodass letztlich doch die Dramaturgie über die Plausibilität gestellt wird. So ist es nun eben auch in dieser HBO-Show, wo Knast-Drama mit dem Einblick in das Hotelier-Milieu gekreuzt wird, dabei aber aus dem Servicepersonal fast so etwas wie eine Spionageorganisation oder eine Art Geheimbund stilisiert wird, wenn der eingangs erwähnte Édouard als Strippenzieher, Manipulator und Einflussfaktor inszeniert wird.
Auch wenn das im Endeffekt die Authentizität torpediert, kann man Privilèges nicht in Abrede stellen, als Thrillerdrama einige originelle Ideen zu haben und diese auch in Spannung umzumünzen zu wissen. Wenn zum Beispiel die Neue im Team, um den Chef zu überzeugen mit einer Boa durch Paris türmt oder von einem reichen Fußballer aus Langeweile zum Playstation-Spiel engagiert wird, dann sind das wirklich schöne Momente, die hängen bleiben.

On top kommen dann noch die tolle Performance vor allem von Manon Bresch (Diebinnen), die hier als unter Druck stehende Strafgefangene zwischen der Chance im Citadel und dem Risiko des Ausgeliefertseins an den undurchsichtigen Édouard von einer heiklen Situation in die nächste laviert. Und Melvil Poupaud (Ein Glücksfall) ist in ebenjener Rolle natürlich Scene-Stealer, weil der Franzose exzellent vermag zwischen Faszination für seinen Charakter und Hass auf ihn zu changieren und nahezu in jeder Folge eine Handvoll WTF-Momente zu kreieren, womit er quasi das Pendant zur Ken Leung-Figur in Industry ist, um diesen Vergleich am Schluss auch nochmal aufzugreifen.
© Warner Bros. Discovery
Unser Fazit zu Privilèges
Privilèges kombiniert auf französisch-charmante Weise Sozialdrama, leicht überzeichneten Luxushotel-Thriller und Knastfilm. Dabei ist diese Staffel mit sechs Folgen genau richtig lang, um den interessanten Figuren Bühne zu bieten und nicht in Längen zu verfallen. Letztlich aber hat das Konzept sogar noch Luft nach oben, wenn man sich von dem ein oder anderen Klischee-Problem der abgebildeten Branche löst und dem Schauspiel so noch mehr Raum bietet. Somit verhält es sich hier tatsächlich ähnlich wie bei Industry, wo einst auch die erste Staffel zwar schon den Samen ausgesät hatte, aber aufgrund von "Kinderkrankheiten" erst im Anschluss peu à peu ein Meisterwerk entstehen konnte.
Privilèges startet am 27. März bei HBO Max mit allen sechs Folgen der ersten Staffel.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

