Nur zwei Jahre nach seinem Venedig-Erfolg mit Poor Things kehrt Yorgos Lanthimos an den Lido zurück. Emma Stone ist ebenso wieder dabei. Kann er mit Bugonia seiner Linie treu bleiben?
Bugonia – Darum geht’s
Teddy Gatz (Jesse Plemons) und sein Cousin Donny (Aidan Delbis) schmieden große Pläne. Die beiden jungen Männer, die im Farmhaus von Teddys Mutter (Alicia Silverstone) leben, glauben nicht an das, was die Mainstream-Medien ihnen erzählen wollen. Sie beziehen ihre Informationen aus Podcasts und Internetvideos und haben die Wahrheit erkannt: Die erfolgreiche Konzern-CEO Michelle Fuller (Emma Stone) ist in Wahrheit ein Alien, das geschickt wurde, um sich getarnt unter die Menschheit zu mischen und diese zu vernichten. Kurzerhand entführen sie die Geschäftsfrau und zwingen sie unter Folter dazu, Kontakt zu ihrem Mutterschiff aufzunehmen. Doch immer wieder beteuert Michelle, keine Außerirdische zu sein. Teddy muss zu grausamen Methoden greifen, um die Wahrheit aus ihr herauszubekommen.
Ein Garant für Qualität
Wie auch die bereits im Trailer zur Schau gestellten Insekten ist Regisseur Lanthimos eine besonders fleißige Biene. Bugonia ist sein drittes Projekt in ebenso vielen Jahren. Mit Poor Things bescherte er Emma Stone ihren zweiten Oscar und brachte nur wenige Monate später Kinds of Kindness in den Wettbewerb von Cannes. Dort gewann Jesse Plemons verdient den Preis für den besten Darsteller. Beide Kollaborateur:innen kehren für die Hauptrollen in Bugonia zurück. Einzigartige Performances, die den schmalen Grat zwischen Parodie und Nachvollziehbarkeit meistern, sind nur eines der diversen Steckenpferde des Regisseurs.
Nicht nur seine letzten zwei Filme gehören zu den rundesten Visionen, die die jüngere Kinovergangenheit zu bieten hatte. Lanthimos steht verlässlich für Qualität, Kreativität und Kauzigkeit. Sein Name verspricht ungewöhnliche Filmerlebnisse, die es so noch nie gegeben hat, umgesetzt mit einer perfektionistischen Stilsicherheit, die trotz aller Verspieltheit niemals übers Ziel hinausschießt. Jedes technische Element ist makellos. Die bisweilen befremdlichen oder gar abstoßenden Inhalte wirken wie ein Blick in Paralleluniversen. In einer Welt voller Kopien ist der Vertreter der Greek Weird Wave ein Original.
Das Remake einer Vision?

Umso überraschender mutet es an, dass es sich bei seinem neuen Projekt um das Remake des Werks eines anderen Regisseurs handelt: Jang Joon-hwans Save the Green Planet! aus dem Jahre 2003. Wo zuvor Poor Things als Buchadaption einen Ausreißer zwischen Lanthimos‘ originellen Ideen darstellte, interpretiert er nun neu, was es bereits zu sehen gab. Die traurigerweise heutzutage kaum noch bekannte Vorlage glänzt selbst mit eigenwilliger Bildsprache, rasanten Stilbrüchen und gewagten Montage-Entscheidungen. Im Direktvergleich – und vor allem im Vergleich mit dem bisherigen Œuvre des Griechen – wirkt Bugonia beinahe herkömmlich in seiner Umsetzung. Die Aufnahmen sind statischer, präziser, weniger quirlig. Das charakteristische Weitwinkelobjektiv, dessen Nutzen Lanthimos gemeinsam mit Kameramann Robbie Ryan perfektioniert hat, tritt erneut auf, jedoch längst nicht so präsent wie in vergangenen Werken.
Glücklicherweise behält auch dieser Film die technische Präzision bei, die seine Vorgänger versprechen. Die Präsentation mag weniger gewagt sein, doch im Kern ist sie der Geschichte dennoch angemessen. Bugonia entfaltet sich als griffiger Bottle Movie, dessen Haupthandlung fast ausschließlich im Farmhaus der Entführer spielt. Wo Lanthimos unlängst noch Bella Baxter auf Weltreisen schickte oder die gesamte Bandbreite von Machtgefällen in dreifacher Ausführung einfing, genügt hier ein simplerer Ansatz, der sich angenehmerweise vom koreanischen Original zur Genüge abhebt. Die Kamera konzentriert sich auf die Gesichter des herausragenden Casts, spielt mit Unschärfe statt mit Bewegung. Das Ergebnis ist bis auf einige stärker stilisierte Rückblenden-Sequenzen zwar konventioneller, aber dennoch bildgewaltig.
Hört sich doch gut an!
Eine der herausragendsten technischen Leistungen in Bugonia ist seine formidable Tongestaltung. Nicht nur arbeitet Sounddesigner Johnnie Burn, kürzlich für The Zone of Interest mit einem Oscar prämiert, herausragend Atmosphärengeräusche in den Klangteppich ein und erschafft mit einer Sequenz zu Green Days „Basket Case“ einen der einprägsamsten Momente des Films, auch die Musik ist erneut fantastisch. Komponist Jerskin Fendrix hat auf der Leinwand bislang exklusiv mit Lanthimos kollaboriert. Der Grund dafür ist nicht schwierig herauszuhören. Selten ergänzten sich die Stile zweier unterschiedlicher Künstler auf Bild- und Tonebene derartig wunderbar. Fendrix‘ dritter Filmscore besteht aus wummernden Orchesterstücken, die die Aufnahmen untermalen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ihnen gelingt der Balanceakt, an dem viele moderne Hintergrundmusiken oft scheitern. Statt Emotionen zu diktieren, werden ganze Szenen akustisch kommentiert oder verstärkt. Insbesondere die zentrale Komposition, die einen aufgewühlten Jesse Plemons auf dem Fahrrad begleitet, ist denkwürdig.

Das Sterben der Bienen
Narrativ hangelt sich Bugonia auf den ersten Blick recht treu an der Vorlage entlang. Doch der Teufel steckt in den Details. Die polizeiliche Ermittlung etwa, die in Jangs Version den wichtigsten Nebenplot stellt, entfällt im Remake völlig. Stattdessen liegt der Fokus deutlich präsenter auf Teddys und Donnys Ideologie (oder dem Mangel einer solchen). Lanthimos findet im Material Empathie für die zwei Figuren, ohne aus den Augen zu verlieren, welch Gefahr für sich und andere sie darstellen. Durch die Verlagerung der Geschichte in die moderne Zeit gewinnt der UFO-Verschwörungsplot an bedrückender Relevanz. 2003 wäre Teddy Gatz zurecht verlacht worden; 2025 stellt er den US-amerikanischen Präsidenten. Geschickt fängt Bugonia die Dynamik zwischen den Entführern ein und kontrastiert sie mit der zwischen Kapital und Arbeit. Donny dient Teddy nicht weniger als Arbeitsbiene, als Teddy Michelle Fuller dient. Im Mikrokosmos des Farmhauses entsteht ein Gefüge, in dem sich rechtskonservative Ideologie an seinen am schwächsten gestellten Mitgliedern bedient, um wie ein Giftpilz zu wachsen.
Etwa 100 Minuten lässt Lanthimos diesen amüsanten, aber noch nicht profunden Witz köcheln, um ihn dann in einem fulminanten Finale auf eine höhere Ebene zu schießen. Die abschließende Montage, mit der Bugonia in die Credits überleitet, gehört zum Besten, das der Grieche je auf die Leinwand gebracht hat. Er verlässt die komfortablen Gefilde der nihilistischen Ironie, um einen lauten Hilfeschrei abzusondern. „Vermutlich sind wir verloren“, sagt jedes neue Bild, „und ich habe Angst.“ Die Menschen haben versucht zu beherrschen, was sie nicht verstehen, und brechen nun unter dem Gewicht zusammen. Bugonia endet mit einer Szene für die Ewigkeit, die seine zentrale These in ihrer katastrophalen Konsequenz greifbar macht. Es sind finale Bilder, bei denen sich jeder Magen umdrehen dürfte.
© Focus Features
Unser Fazit zu Bugonia
Zweifelsohne ist Lanthimos‘ neuester Streich nicht das Highlight seiner gesamten Karriere. Vermutlich handelt es sich um seinen am wenigsten überzeugenden englischsprachigen Film. An vereinzelten Punkten wirkt er austauschbar und gewöhnlich. Insbesondere der zweite Akt hängt ein wenig durch und kann das hohe Niveau des Anfangs nicht halten. Dennoch überzeugt Bugonia nicht nur durch inszenatorische Finesse und begnadetes Schauspiel aller Beteiligten, sondern auch durch seine Durchschlagskraft. Sein atemberaubender Abschluss hebt ihn vom technisch ähnlich überzeugenden, aber letzten Endes kleinskalierten Original ab. Emma Stone und vor allem Jesse Plemons treten oscarwürdig auf und festigen ihren Status unter den Spitzenreiter:innen in ihrer Generation. Und obwohl eine Rückkehr von Lanthimos zu seinen schrulligen Wurzeln nach wie vor wünschenswert wäre, bleibt er ein verlässlicher Garant fürs Qualitätsware unabhängig von Genre und Stil.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

