Stephen King hat auch in diesem Jahr einen Lauf. Nach The Monkey und The Life of Chuck findet mit The Long Walk – Der Todesmarsch nun bereits die dritte Stephen-King-Verfilmung den Weg auf die große Leinwand. Lohnt sich der erneute Gang ins Kino?
Davon handelt The Long Walk
Ein Wettkampf, eine Gruppe junger Männer, ein Sieger – The Long Walk erzählt die bedrohlich-utopische Geschichte einer Welt, in der ein tyrannischer Polizeistaat die Kontrolle übernommen hat und es nur eine Möglichkeit zum Aufstieg aus der Armut gibt: Den jährlich stattfindenden „Long Walk“. Der Gewinner erhält lebenslang alles, was er sich wünscht. Alle anderen bezahlen mit ihrem Leben.

Amerika geht den Bach(man) runter
Die USA ist ein Militärstaat, beherrscht von einem Diktator. Was für einige wie die aktuelle Nachrichtenlage klingen mag, ist jedoch nur eine Dystopie, die sich Stephen King Ende der 60er-Jahre als Reaktion auf den Vietnamkrieg erdachte. Dieses System zwingt hundert Jugendliche zu einem tödlichen Wettkampf. Knapp zehn Jahre später veröffentlichte King Todesmarsch unter seinem Pseudonym Richard Bachman. Neuere Werke wie Battle Royale oder die Hunger Games erinnern unweigerlich an Kings Buch, obwohl sie andere Inspirationsquellen hatten. Daher ist es nur konsequent, dass nach langem Rechte-Hickhack Francis Lawrence – Regisseur aller bisherigen Hunger Games-Fortsetzungen – den Stoff fürs Kino adaptiert. Da King unter seinem Pseudonym noch härter und kompromissloser schreibt, sollte man jedoch kein leicht verdauliches Popcornkino erwarten, wie es die Tribute-von-Panem-Reihe trotz ihrer düsteren Grundidee letztlich bot.
Dafür sorgt auch Drehbuchautor JT Mollner, der zuvor mit Strange Darling eindrucksvoll bewiesen hat, wie man einen knallharten Thriller schreibt und inszeniert. Entstanden ist eine finstere Vision Amerikas, mit drastischen Bildern, die hart an einer FSK-18-Freigabe kratzen. Kleine Anflüge von Humor sind tiefschwarz und jeder Kopfschuss lässt uns im Kinosessel zusammenzucken. Genau wie die Teilnehmer würden wir am liebsten wegsehen – tun es aber nicht.
Vietnam Flashbacks
King wollte eigentlich kein politisches Buch schreiben, doch seine ursprüngliche Vietnam-Parabel hat es trotzdem in die Adaption geschafft. Wenn die im Film auf fünfzig reduzierten Rekruten – begleitet von Panzerwagen – an Feldern vorbeilaufen, erinnert das stark an Vietnamkriegsfilme. Das Figurendesign unterstreicht diesen Eindruck: Der Major könnte direkt aus Apocalypse Now stammen, während die Verdammten des Krieges aussehen, als wären sie bereits durch die Hölle gegangen. Nur der Schauplatz wurde verändert: Sie bewegen sich nun durch ein menschenleeres Amerika der 1960er-Jahre. Dort treffen sie vereinzelt auf Vergessene, die in heruntergekommenen Häusern leben. Diese Szenen – kombiniert mit einer körnigen, bleichen Bildsprache – unterstreichen das dystopische Weltbild. Die USA sind nach einem großen Krieg in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt und der Todesmarsch soll die Bevölkerung anspornen, ihre Produktivität zu steigern. Make America Great Again lautet die Devise. Doch das geschieht auf Kosten der Ärmsten, die in dem Lauf ihre einzige Chance auf den amerikanischen Traum sehen. Diese gesellschaftskritischen Ansätze werden mit voller Wucht inszeniert: Patriotische Musik über einer blutenden Leiche – unübersehbar.
Big Brother is watching you
Je unkonkreter die Welt erzählt wird, desto besser. Jede unnötige Erklärung wirft Fragen auf, die von der Erzählung ablenken. So gibt es im Buch medienkritische Ansätze, die hier nur halbgar aufgenommen werden. Warum ist der Marsch einerseits ein brutaler Big-Brother-Verschnitt und andererseits darf kein Zuschauer am Seitenrand stehen, um seine Helden anzufeuern? Das wirkt widersprüchlich.

Es braucht auch keine fadenscheinige Erklärung, warum der Lauf für die Aufrechterhaltung der Gesellschaft wichtig ist. Purer Sadismus würde als Motivation schon ausreichen, um die Abgründe des Machtsystems aufzuzeigen. Gleiches gilt für die freiwilligen Teilnehmer: Je weniger wir ihre Gründe für die Teilnahme kennen, desto interessanter sind sie.
Willst du mit mir gehen?
Obwohl auf Handlungsebene nicht viel passiert – es gibt nur eine wirklich spannende Szene – ist das Pacing hoch. Die Dramatik entsteht auf der Figurenebene. Die jungen Darsteller werden im Laufe der Geschichte alle zu Sympathieträgern und ihr eventueller Abgang tut weh. Cooper Hoffmann (Licorice Pizza) als Ray Garraty, Ben Wang (Karate Kid: Legends) als Hank Olsen und David Jonsson (Alien: Romulus) als Peter McVries – um nur einige zu nennen – können die kurzzeitige Verbundenheit glaubhaft vermitteln. Ihre Sinneswandel und Motivationen sind dadurch nachvollziehbar. Da verzeiht man auch, dass King immer wieder die gleichen Stereotype in seine Erzählungen einbaut – selbst ein Alkoholiker findet hier Erwähnung – und dass die letzten Überlebenden am Ende der Tortur noch vergleichsweise frisch und geistig klar wirken. Mark Hamill als Major darf dagegen keine Gefühlsregung zeigen. Er muss stoisch in die Gegend starren und sinnlose Motivationssprüche von sich geben. Seine Figur gleicht einer entarteten Karikatur, strahlt aber in den wenigen Szenen, in denen sie auftaucht, eine bedrohliche Präsenz aus.
Über das Ende werden sich Puristen streiten. Es ist gefälliger als im Buch und passt nur bedingt zum düsteren Rest des Films, denn für ein Zeichen der Hoffnung ist hier kein Platz.
© Leonine Studios
The Long Run – Der Todesmarsch zeigt eine nihilistische Version Amerikas. In düsteren Bildern und einer bedrückenden Atmosphäre verfolgt man einen Wettkampf, bei dem es eigentlich keine Gewinner geben kann. Neben der brutalen Gewaltdarstellung muss man dialoglastige Filme mögen, denn im Prinzip sieht man Menschen dabei zu, wie sie von A nach B laufen und sich dabei unterhalten. Wem das zu düster oder zu langsam ist, sollte vielleicht lieber auf die Neuverfilmung Running Man warten.
The Long Walk – Todesmarsch läuft seit dem 11. September. 2025 im Kino
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

