Darren Aronofsky hat eine wirklich wilde Vita vorzuweisen. Nach seinem berührenden Charakterdrama The Whale geht es mit Caught Stealing in eine ganz andere Richtung. Beherrscht er auch diese Gangart noch?
Worum es in Caught Stealing geht
Hank Thomas (Austin Butler) war in der Highschool ein Baseball-Wunderkind. Jetzt kann er zwar nicht mehr spielen, aber sonst läuft sein Leben okay. Er hat eine tolle Freundin (Zoë Kravitz), ist Barkeeper in einer New Yorker Kneipe und sein Lieblingsteam kämpft als Außenseiter um den Titel. Als sein Punk-Rock-Nachbar Russ (Matt Smith) ihn bittet, für ein paar Tage auf seine Katze aufzupassen, findet sich Hank plötzlich inmitten eines bunt gemischten Haufens von bedrohlichen Gangstern wieder. Sie alle wollen etwas von ihm; das Problem ist, dass er keine Ahnung hat, warum. Während sich die Schlinge immer enger zieht, setzt Hank alles daran, lange genug am Leben zu bleiben, um es herauszufinden…

Wieder eine Produktions-Odyssee
In letzter Zeit häufen sich die Fälle von Filmen, die eine schier endlose Zeit in der Produktionshölle schmoren mussten, ehe sie final das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürfen. So nun auch bei der Charlie-Huston-Adaption Caught Stealing von Darren Aronofsky, denn bereits im Jahr 2013 war das Projekt kurz vor dem Drehstart, damals noch mit Patrick Wilson in der Hauptrolle. Doch daraus wurde nichts und es zogen gut zehn Jahre ins Land bis zum zweiten Anlauf, nun aber mit einer ganz anderen Besetzung. Interessant ist überdies, dass es sich bei der Buchvorlage um den Auftakt einer Trilogie handelt. Ob allerdings auch die Verfilmung nun als solcher Dreiteiler geplant ist, ist nicht bekannt – und hängt natürlich maßgeblich vom Erfolg dieses Films ab.
Nachdem Darren Aronofsky selbst bei den Oscars lediglich eine Nominierung für Black Swan, dafür aber auch eine Razzie-Nominierung für Mother einheimsen konnte, dienten seine bisherigen Spielfilme vielen Protagonisten als Sprungbrett für höchste Auszeichnungen. So bekamen unter anderem schon für seinen zweiten Film Requiem for a Dream Nebendarstellerin Ellen Burstyn eine Oscar-Nominierung, für The Wrestler waren sowohl Marissa Tomei als auch Mickey Rourke nominiert und für Black Swan und The Whale wurden jeweils die Protagonisten, Natalie Portman respektive Brendan Fraser, mit dem Goldjungen prämiert. Nun hat sich der Filmemacher für das neue Projekt – und das scheint tatsächlich (mit Ausnahme von Noah) ein Novum zu sein – eine eher Ensemble-lastige Geschichte vorgenommen zu haben. Doch bei all den namhaften Stars liegt der Fokus von Caught Stealing schon auf der Austin Butler (Dune 2) Figur.
90er-Erinnerungskino mit eigenem Style
Die Geschichte dieser Verfilmung spielt ja schon in den Neunzigern, könnte gut und gerne auch damals entstanden sein und würde womöglich heute in der Reihe der Filme stehen, die aufgrund des nun gefühlt späten Entstehungszeitraums hier als Referenz und Orientierungspunkte dienten. Denn erstmal ist dies eine ziemlich klassische Story über einen ohnehin schon am Leben verzweifelnden jungen Mann, der unverschuldet in einen Konflikt zwischen verschiedenen mafiösen Organisationen gerät und sich dabei, obwohl er eigentlich korrekte Absichten hat, immer weiter in die Sch… reitet. Ein bisschen hat das schon was von The Big Lebowksy, fühlt sich auch immer wieder deutlich mehr nach Coen-Brüder als nach Aronofsky an. Auch an neuere Filme, die allerdings ebenfalls schon irgendwie aus der Zeit gefallen wirkten, wie Lucky Number Slevin oder Soderberghs Logan Lucky weckt Caught Stealing Erinnerungen.
Aber dann gibt es hier auch einige inszenatorische Einfälle, spezielle Kameraeinstellungen, ein fast schon Brecheisen-artiger Punk-Musik-Einsatz und eine sehr spezielle Note im Humor, die eher die Art und Weise aufgreifen, wie derzeit das 90er-Kino hommagiert wird, als wie „damals“ die Streifen tatsächlich gemacht wurden.
Ist das nun historische Verklärung oder eine Verneigung mit genau dem richtigen Maß an Demut vor dem, was sich über die Jahrzehnte zum zeitlosem Klassiker entwickelt hat? Das muss jeder für sich selbst beantworten, aber für mich steht nach der Sichtung dieser Thriller-Comedy fest: Aronofsky kann nicht nur Filme, die wehtun wie Requiem for a Dream, die verwirren wie Mother! oder die gerade so noch nicht die Grenze zum Elends-Porno überschreiten wie The Whale. Nein, das Regie-Chamäleon kann schlicht auch launige Unterhaltung mit einer enormen Leichtfüßigkeit erschaffen.
Leichen pflastern seinen Weg
Es gibt in Caught Stealing quasi keine Szene ohne den Protagonisten. Und das weiß Austin Butler als seine Bühne zu nutzen: Dieser Typ kann so einen Film tragen! Dabei überzeugt er durch eine körperliche Präsenz, wenn er nach langer Zeit als sich treiben lassender Spielball der Gangster irgendwann in die Aktions-Modus switched ebenso wie in seiner Lethargie über weite Strecken des Films, in denen er sein nicht aufgearbeitetes Trauma in Realitätsflucht und Alkohol ertränkt. Die Chemie mit Zoë Kravitz ist fantastisch, aber noch bemerkenswerter sind die Szenen zwischen Butler und der Ermittlerin Roman, die von Regina King gespielt wird, wie man den Watchmen-Star noch nie erlebt hat…
Erstaunlich ist dann aber doch, wie rigoros hier die Akteure über die Klinge springen müssen. Keine Figur ist sicher, einige Figurentode erwischen einen kalt und es ist dem Film schon hoch anzurechnen, wie nahe die Momente einem gehen, hat man in Teilen mit den Figuren nur einstellige Minuten verbracht. In den Szenen schwankt Caught Stealing immer wieder zwischen tiefschwarzem Humor und echter Tragik – und daran, dass dieser Spagat aufgeht, merkt man doch die jahrzehntelange Erfahrung des Regisseurs Aronofsky.
Stars teils kaum zu erkennen, aber alle in Bestform
Es gelingt hier auf fantastische Weise, die Neunziger authentisch wiederauferstehen zu lassen, sei es durch den filmischen Look, durch eine unaufdringliche Platzierung entsprechender Devices von damals und vor allem die Outfits der Figuren. Aber was zu dieser Illusion auf einen gehörigen Teil beiträgt, ist die Art und Weise, wie die großen Stars mit ihrer Verkleidung zum Teil gar nicht erkennbar sind. Das gilt zuvorderst für die beiden jüdischen Mafiosi, die Vincent D’Onofrio und Liev Schreiber mit schwarzen Anzügen und den orthodoxen Bärten fast schon zu Kultfiguren machen.
Neben einigen Kurzauftritten von Popstars wie Action Bronson oder Bad Bunny, ist aber dann doch der (menschliche) Szenendieb dieses Films eindeutig Ex-Doctor Who Matt Smith (House of the Dragon) als britischer Punk. Er darf hemmungslos übertreiben – und das nicht nur durch seine Optik – und hat einige Sprüche auf Lager, die in ein paar Jahren von den „Kids“ womöglich zitiert werden, wie vorige Generationen aus beispielsweise den Gangster-Klassikern von Guy Ritchie zitiert haben und noch heute zitieren.

Man kann über Caught Stealing auf auf gar keinen Fall schreiben, ohne ein paar Worte über DEN „tatsächlichen“ Scene Stealer zu sprechen, denn das echte Lead-Duo besteht hier nicht aus Austin Butler und Zoë Kravitz oder Matt Smith, sondern aus dem Elvis-Star und einer Katze. Auch hierin zeigt sich, dass Aronofsky ein bis dato unerkanntes Talent für Situationskomik hat, denn nahezu jeder Kameraschwenk auf den Vierbeiner funktioniert perfekt als Comic Relief – ohne aber die Grundstimmung zu zerstören.
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Unser Fazit zu Caught Stealing
Lustig, aber nicht klamaukig, voller Nostalgie ohne Anbiederung, hart und doch leichtfüßig. Mit Caught Stealing gelingt Darren Aronofsky eine Hommage an die Neunziger mit zeitgemäßen Mitteln und den Stars von heute, den man ihm nach seinem vorigen Werk kaum zugetraut hätte. Wer daher die Handschrift des Regisseurs erwartet, wird enttäuscht werden. Wer aber schlicht einen richtig unterhaltsamen Thriller mit cooler Musik und etlichen Wendungen sehen möchte, hat hiermit wohl den besten Beitrag des Jahres vor sich!
Caught Stealing läuft ab dem 28. August 2025 im Kino.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

