Bekannte Creepypastas wie Slender Man haben es sogar zu Langfilme geschafft. Doch mit der Zeit verschwanden sie wieder in der Versenkung. Mit Daddy’s Head könntet dieses Konzept reanimiert werden. Doch ist der Film ein spannender Albtraum oder ein weiterer Beitrag zum Kopfschütteln?

Daddy’s Head – Darum geht’s
Der zwölfjährige Issac und seine junge Stiefmutter Laura werden nach dem plötzlichen Tod des Ehemanns und Vaters James in eine schwierige Familiendynamik gerissen. Während Laura sich dem Alkohol hingibt, behauptet Issac, seinen Vater in Gestalt einer schrecklichen Kreatur gesehen zu haben und der Albtraum-Horror nimmt seinen Lauf.
Ein Babadook kommt nur selten allein
Daddy’s Head besitzt keine grundlegend neue Prämisse: Der Tod des Vaters reißt eine Familie entzwei. Die Mutter verfällt einem Alkoholproblem, und der Sohn scheint schreckliche Dinge zu sehen, die sein Vater sein sollen, bis die Welten kollidieren – und im Horror gipfeln. Stereotypen werden aneinandergereiht, innovative Einfälle gibt es schon auf dem Papier kaum. Doch biedert sich das Shudder-Original dem Arthouse-Horror ungemein gut an.
Ein Sprung in atmosphärische Horrorgefilde, erinnert das Werk in vielen Momenten an einen cleveren Mix aus The Babadook, Ari Aster-Stimmung und fast Lovecraft’schen Farbspielereien, wenn nachts die Fensterfront des modernen Wohnhauses durch bunte, mysteriöse Farben erhellt wird. Regisseur Benjamin Barfoot vereint konsequent bekannte Versatzstücke, entrückt und entstellt diese jedoch, sodass immer etwas Eigenes daraus wird. Irgendwas scheint in dieser Realität, die Daddy’s Head abbildet, nicht zu stimmen. Daraus resultiert ein atmosphärischer Unterbau, der überzeugt.
Denn: Der Horrorfilm ist unangenehm, beklemmend, ungreifbar und sehr langsam. Slowburn-Horror ist in dieser Genre-Melange wohldosiert und geht unter die Haut, steht seinen Vorbildern nur in wenigen Aspekten nach. Mit zunehmender Laufzeit wird er immer wieder richtig unangenehm, fädelt packende Schlaglichter ein und spielt seine intensive Creepypasta-Idee ungemein gut aus, sobald das Monster auf die Agenda tritt. Die Figuren werden dabei vor eine enorme Aufgabe gestellt – und die Zuschauer leiden mit ihnen. Barfoot zeigt weiterhin, dass Horror am helllichten Tag gelingen kann, wenn es richtig gemacht wird: Brüchige Figuren, deren Erscheinungsbilde durch die Kameraarbeit umrissen werden und die Immersion intensivieren. Besonders die Verbindung aus Elevated-Horror-Einflüssen und altmodischem Schauermärchen-Grusel fungiert als Brücke zwischen der Moderne und längst überholtem Genrehorror.
Foreshadowing – ohne Vorahnung
Daddy’s Head gibt den Charakteren zunächst viel Raum und zeichnet das hoffnungslose Szenario einer zerbrechenden Familie erstaunlich versiert nach. Die Figuren sind jedoch zäh erzählt – nichts, was das geneigte Publikum nicht schon gesehen hätte. Der Film hangelt sich an großen Vorbildern entlang und durchquert dabei einmal das gesamte Genre. Dennoch sind die Charaktere und ihre Entwicklung zumindest solide charakterisiert, wenn auch nicht sonderlich mitreißend. Barfoot scheint ohnehin mehr Freude daran zu haben, seine Figuren leiden zu lassen und das bedrückende Umfeld in den Fokus zu rücken.
Durch die konsequente Inszenierung, die unheilvolle Atmosphäre und beeindruckende Bilder wird der Wald zu einem eigenen Charakter – er lebt, ebenso wie das Haus. Mit zunehmender Laufzeit spielt der Regisseur geschickt mit Geräuschen: Knarzen, Kameraschwenks und Perspektiven. Waren das eben Schritte? Bewegt sich dort etwas in der Ecke? Und wo ist plötzlich das Messer hin? Diese Fragen drängen sich auf und verstärken die Beklemmung.
Auch visuell entwickelt sich eine enorme Sogwirkung. Die Kamera gleitet durch das Haus, vorbei an Gegenständen, die bereits Hinweise auf kommende Ereignisse geben. Das Foreshadowing stimmt. Barefoot spielt mit Erwartungen, nur um sie dann gekonnt auszuhebeln. Er torpediert das Klischeedenken mit Überraschungen. Erinnerungswürdiges Genrekino, das unter die Haut geht.
Monsterhaft gut
Daddy’s Head funktioniert vor allem durch das Mysterium, das die wenigen erzählerischen Baustellen sowie das fragile Familiengefüge zusammenhält. Der Regisseur scheint eine fast perfide Freude an der Inszenierung seines Monsters zu haben: wandelbar, ungreifbar, vage. Es gibt viel Interpretationsspielraum und kaum konkrete Gründe für seine Anwesenheit in der Geschichte. Doch genau darin liegt die große Stärke des Films. Jede Szene mit dem Monster im Wald ist purer, wenn auch erzählerisch eher banaler Horror, der direkt aus einer Creepypasta stammen könnte. Die dynamische Kamera, die nach und nach mehr Details des Wesens offenbart, wird zunehmend zielsicherer und experimenteller. Barfoot weiß genau, womit er das Publikum packt, doch zu lange lässt er es darauf warten. Tatsächlich spielt das Mysterium für einen Großteil der Laufzeit kaum eine Rolle, was die Spannung unnötig ausbremst.
Auch eine sozial- und konsumkritische Ebene kann man im Film vorfinden. Jedoch wirken die Darsteller überzeugend entgegen: Hauptdarstellerin Julia Brown trägt Daddy‘s Head charismatisch und gleichermaßen unterkühlt, dem Kinderdarsteller Rupert Turnbull wird einiges abverlangt und auch die kleinste Nebenrolle ist noch solide bis gut besetzt.

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Unser Fazit zu Daddy's Head
Benjamin Barefoot schafft einen unangenehmen, visuell teils billigen, aber wirkungsvollen Horrorfilm in den ausgetretenen Fußstapfen: Von altmodisch-klassischen Gruselelementen bis modernem Horror liefert Daddy’s Head ein konsequent erzähltes, leicht klaustophobisches und schauriges Bild der heutigen Lage des Horrorfilmes. Im Pacing finden sich zwar immer wieder Makel und hintenraus fehlt etwas die Zeit zum auf- und ausatmen, sowohl für die Figuren, als auch das Publikum. Doch sobald der Horrorthriller zu seinen Wurzeln und den großen Stärken findet, beginnt ein angenehm versierter Trip mit dichter Atmosphäre.
Daddy's Head ist ab Ende März in Deutschland fürs Heimkino erhältlich.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

