Ex Drummer ist ein zutiefst nachhallendes Sozialdrama, welches auf dem gleichnamigen Buch Herman Brusselmans basiert.
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Aufgenommen in die ehrwürdige KinoKontrovers-Reihe
Wenn man filmisch mit der KinoKontrovers-Reihe vertraut ist, könnte man meinen, dass nach den drei Einstiegsfilmen – die sich als wahre Dampframmen in Magen und Psyche des Zuschauers erwiesen – das qualitativ ansprechende, kontroverse Kino nach und nach ausging.
2007 folgte jedoch ein belgischer Beitrag, der frisches und vor allem kontroverses Blut in die auszusterben drohende Reihe pumpte.
Die Rede ist von Koen Mortiers Ex Drummer.
Ein Film, der anfangs wie eine bitterböse schwarze Komödie daherkommt, allmählich aber immer groteskere und abstoßendere Ausdrucksformen findet, so dass dem Zuschauer das anfängliche Lachen im Halse stecken bleibt (vgl. Interview im beigelegten Booklet).
Die Inhaltsangabe bringt es treffend auf den Punkt: Dries missbraucht die sozial unter ihm Stehenden als eine Art „Lustobjekte“ – er schubst sie nach Belieben hin und her, erteilt Befehle und verlangt absoluten Gehorsam. Er manipuliert, stellt bloß und ist ein aalglatter König, der hoch oben über all dem Mief, dem Verkommenen und der Verwahrlosung thront.
Neben den – ebenfalls in der Inhaltsangabe ersichtlichen – psychisch und physisch degenerierten „Feminists“, tauchen noch etliche andere skurrile Gestalten auf.
Zu nennen wären da Jans übergewichtige, Perücke tragende Mutter, welche ein Verhältnis mit Koen hat; „Großer Schwanz“ und etliche andere kaputte Existenzen.
Neben diesen bitter anzusehenden Charakteren, verhilft die von der Kamera eingefangene Tristesse, das Unwohlsein der Zuschauer zu steigern. Einziger Lichtblick ist Dries‘ Designerloft hoch über Ostende. Sonst wirft das Objektiv seinen entlarvenden Blick auf verrottende Höfe, versiffte und blutbespritzte Wohnungen. Auch vor einer unwirtlichen und erschreckend marode dargestellten Nervenheilanstalt wird nicht Halt gemacht!

Ex Drummer ist ehrlich, deprimierend und dennoch faszinierend
Zwischendrin gibt es echte Penetrationen, schwule Vergewaltigungen und Gewalt gegen gesellschaftliche Minderheiten. Das alles wieder unterbrochen von wunderschön ruhigen Szenen, die nachdenklich stimmen, ob ihrer Eindringlichkeit. Begleitet werden diese aufwühlenden Szenen von emotionaler oder auch aggressiver Postrock- (Mogwai) oder Punkmusik (DEVO). Nachdem der Film ein wütendes Ende fand, empfehle ich, den beigelegten Soundtrack der Kaufversion zu hören.
Neben der stimmigen Musikuntermalung, sei noch die grandiose Kameraarbeit genannt, die mit einigen visuellen Spielereien aufwarten kann: Wildes Gezucke in der tobenden Publikumsmenge beim Punkkonzert, ruhige Aufnahmen bei regennasser Straße und der schonungslose Blick hinter besser verschlossene Türen, wenn es sein muss, ebenso genauso verquer wie die Psyche einiger Protagonisten. Nicht zu vergessen das Intro. Eine willkommene Abwechslung Film und Vorspann elegant miteinander zu verweben.
Was mit tiefschwarzem Humor beginnt, endet jedoch tragisch – und vor allem sehr, sehr unbequem.
Ohne zu viel vorwegnehmen wollen; was am Ende bleibt ist Folgendes: die Unterschichten, die Spielbälle der Großen sind die, die sich an einfachen Dingen des Lebens erfreuen und trotz allem Grotesken zum Trotz als Einzige menschliche Züge in sich vereinen.
All das gezeigte Elend lässt sich schwer abschütteln. Ex Drummer bietet viele Szenen, die sich einbrennen; bietet viele abstoßende und verachtende Mono- und Dialoge; bietet so einiges an Diskussionspotential. Bei all dem Ekel und der Abscheu gibt es zum Glück stellenweise wieder solche Übertreibung, die all das wieder erträglicher erscheinen lassen und auf angenehme Distanz rücken. Es bleibt die Frage: Sind wir nicht alle ein bisschen Dries? Zu Hause vom gemütlichen Fernsehsessel aus, ergötzen wir uns am Leid der Armen und Assozialen. Lachen über die Witze von Dries und erheben uns unbewusst über die handelnden Figuren. Sind wir nicht genau solche manipulierenden Egomanen wie Dries?

© Euro Video
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

