Mit Im Schatten des Orangenbaums entsprang dem diesjährigen Sundance-Festival ein absoluter Überraschungshit. In unserer Kritik erfahrt ihr, was der diesjährige jordanische Oscar-Beitrag wirklich kann.
Im Schatten des Orangenbaums – darum geht’s
Nach Ausschreitungen bei einem Protest gegen die israelische Besetzung im Westjordanland der 1980er Jahre arbeitet Hanan (Cherien Dabis) die Geschichte ihres Sohnes Noor (Muhammad Abed Elrahman) und ihres Mannes Salim (Saleh Bakri). Als Kind (Salah Al Din) lebte Salim in Jaffa, bis der Beginn des Nahostkonflikts seine Familie und ihn ins Exil zwang. Nur Vater Sharif (Adam Bakri) blieb zurück, um die Heimat zu verteidigen, und kehrte erst nach langer Gefängniszeit zu seinen Kindern zurück. Viele Jahre später schlummert der Widerstand noch immer im alten Sharif (Mohammad Bakri), während sein Sohn einer Tätigkeit als Lehrer nachgeht und jede Konfrontation mit der israelischen Armee vermeidet. Doch Noor hat sich einiges von seinem Großvater abgeschaut und lehnt sich bei jeder Gelegenheit gegen die Besetzung auf. Die Familie droht, an dem Konflikt zu zerbrechen, als sich ein schrecklicher Schicksalsschlag ereignet.

Richtig und wichtig?
Eines der bittersten Phänomene des politischen Kinos ist die Kaperung des bedeutenden Films durch den wichtigen Film. Das Prädikat der gesellschaftlichen Relevanz, das auf geschmacklosen Mental-Health-Schnulzen von Til Schweiger sowie auf tatsächlich gewichtigen Beiträgen zu einer kulturellen Debatte gleichwertig stehen darf, symbolisiert einen großen Irrtum. So wird weithin vermutet, dass die akkurate Abbildung einer großen Ungerechtigkeit, sei sie historisch oder zeitgenössisch, das Endziel und nicht die erste Sprosse einer Leiter sei. Aufgrund dieser Annahme sprießen hirnrissige politische Debattenfilme wie Pilze aus dem Boden und werden mit Publikumszahlen und Preisen legitimiert. Sei es die siebzigste Aufarbeitung der Historie des Zweiten Weltkriegs ohne nennenswerte inszenatorische Vision oder das Melken des nächsten Hashtags im Hollywoodkino – immer wieder begehen Regisseur:innen emotionale Erpressung, um Zuschauer:innen als Geiseln zu nehmen. „Diese Geschichte ist genauso passiert, ergo kann mein Film sie nicht übel erzählt haben.“
Nun reicht es final nicht aus zu sagen, dass dies schlicht und ergreifend falsch ist. Man muss es im Gegenteil noch drastischer ausdrücken: Eine miese Aufarbeitung relevanter Historie ist ein Verrat an eben jener und somit nicht nur kein positiver, sondern ein negativer Beitrag zur Kultur. Der Film, der einen guten Punkt schlecht ausführt, hat nicht weniger versagt als derjenige, der einen schlechten Punkt schlecht ausführt. Während Medienschaffende hierzulande an dieser simplen Wahrheit verzweifeln, finanzieren unsere Fördergelder andernorts Werke, deren handwerkliche Wichtigkeit ihrer inhaltlichen in nichts nachsteht. Cherien Dabis‘ Im Schatten des Orangenbaums ist ein solches Werk.
Papa, was ist ein Sinnbild?
Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Dabis fehlt in ihrem insgesamt dritten Langspielfilmprojekt sicherlich nicht die nötige Ambition. Nicht nur inszeniert sie hier unter eigener Produktion ein selbstgeschriebenes Drehbuch, sie wirkt auch als Darstellerin mit. Ihre Hanan tritt zwar abgesehen von wenigen Augenblicken zu Beginn erst im letzten Abschnitt der Handlung in Erscheinung, fungiert jedoch schlussendlich als Erzählerin und Perspektivgeberin der Geschichte. Das Casting der buchstäblichen Inszenatorin in dieser Rolle ist also weniger egomanische Stuntbesetzung als genialer Meta-Einfall. In ihrem Eröffnungsmonolog legt die Figur nahe, dass wir an den Anfang zurückkehren müssen, um das Familienepos verständlich aufzurollen. Als eine Texttafel uns kurz darauf ins Jahr 1948 zurückversetzt, wird deutlich, dass es natürlich um mehr geht als um nur eine Familie. Dabis und Hanan sind die Geschichtenerzählerinnen, die Im Schatten des Orangenbaums als Metapher auf den Nahostkonflikt aufspannen.
Die drei gezeigten Generationen, die in vier verschiedenen Zeitabschnitten von 1948 bis in die 2020er Jahre dargestellt werden, repräsentieren das Leid eines Volkes. Bereits früh im Film erklärt Patriarch Sharif seinen verständnislosen Kindern die Funktion eines Sinnbildes. Cherien Dabis gibt ihrem Publikum in dieser Szene den Schlüssel zum Verständnis ihrer Erzählung. Die diversen Konflikte, denen ihre Figuren im Laufe der Handlung begegnen werden, sind nicht als kleinteilige Einzelereignisse zu verstehen. Die Regisseurin weist uns an, die gemeinsamen Nenner zu suchen. So werden Selbstaufgabe und -erhaltung im Kontext im Kontext einer historischen Ungerechtigkeit zum Kernthema, das eine Familie über knapp 80 Jahre verbindet.
Endgültige Selbstaufgabe
Wo Sharif 1948 seine Familie im Stich lassen muss, um eine bereits verlorene Schlacht zu schlagen, kostet seinen erwachsenen Sohn eben diese Schlacht viele Jahre später den Respekt seines eigenen Kindes. Als er vor einem israelischen Soldaten auf die Knie geht, um sein Leben und das des jungen Noors zu retten, wird Salim in dessen Augen zum Feigling. Noor, von Sharif zu einem Widerständler herangezogen, ächtet fortan seinen Vater. Die Unterdrückung des Volkes bricht Familien durch die erzwungene Entscheidung zwischen Auflehnung und Überdauern, Opfer und Erhaltung. Dabis kreiert geschickt organische Figurenkonstellationen und Charakterbögen, die die historische Bühne nicht in den Hintergrund drängen kann. Im Schatten des Orangenbaums wird durch das starke Drehbuch nie zu einem Geschichtsunterrichtsfilm; das Drama behält die Oberhand über den Kontext.
Die Darstellung von völliger Selbstaufgabe bis zum Verlust der Autonomie gipfelt in einen narrativen Bruch im letzten Laufzeitdrittel, das die Prämisse des Films noch einmal weiterdenkt. Noor wird hier endgültig und in Gänze zum Sinnbild für das gebrochene und sezierte Palästina. Mit einem erzählerischen Geniestreich eskaliert Dabis ihre zentrale These bis zum Äußersten. Neben den bedeutungsgeladenen und dichten Dialogen verkaufen auch die durch die Bank begnadeten Schauspielleistungen, insbesondere die der Regisseurin selbst, den finalen Abschnitt des Films. Selten wurde das deutsche Versagen in der Aufbereitung des Nahostkonflikts so deutlich wie im Vergleich mit der hochnuancierten und aufrichtig bewegenden Besprechung durch Im Schatten des Orangenbaums.
Die Bilder, die bleiben
Wie eingangs bereits erwähnt wurde, glänzt Cherien Dabis als Regisseurin auch durch handwerkliches Geschick. Trotz vermutlich nicht ausuferndem Budget präsentiert der Film beachtliche Schauwerte, die auch neben deutlich teureren Produktionen aus den letzten Jahren bestehen können. Hervorzuheben ist hier definitiv das aufwendige Setdesign, durch das eine längst ausgelöschte Vergangenheit wieder zum Leben erweckt wird. Das Orangenwäldchen der Familie, die verwinkelten Gassen von Jaffa und die Touristenspots des heutigen Tel Avivs dienen nicht nur als Hintergrund, sondern als eigenes erzählerisches Mittel. Durch diverse Familienfotos hebt Dabis die Bedeutung von Zugehörigkeit und Heimat hervor, wodurch der Schrecken der Entwurzelung noch greifbarer wird. Die Kameraarbeit, wenngleich simpel, ist durchgehend abwechslungsreich und überzeugt durch herausragende thematische Schärfe. Oft fängt die Linse bemerkenswert griffige Symbole präzise ein und sorgt so trotz eines bisweilen etwas zu glatten Bildeindrucks für denkwürdige Motive.

Abzüge in der B-Note gibt es lediglich für die bedauerlicherweise enttäuschende Hintergrundmusik von Amine Bouhafa, die der emotionalen Komplexität des Filmes leider nicht gerecht werden kann. Bedeutungsschwanger und fordernd dudeln schwer aufgeladene Saiteninstrumente unter Szenen, die wunderbar für sich hätten sprechen können. In finaler Konsequenz lässt Cherien Dabis an dieser Stelle leider das Vertrauen in ihr Publikum vermissen, das sie ansonsten durchweg beweist.
© X Verleih AG
Unser Fazit zu Im Schatten des Orangenbaums
Die Kaperung des bedeutenden Films durch den wichtigen Film wird auch in Zukunft noch diverse Projekte über und unter Wert verkaufen. Doch Im Schatten des Orangenbaums (international treffender All That’s Left of You getauft) ist beides: bedeutend und wichtig. Dass er ein weitreichendes Erbe nach sich ziehen wird, ist quasi schon in Stein gemeißelt. Mit einer beeindruckenden Reife und spürbarem Geschick manövriert das Universaltalent hinter der Kamera eine allein dramaturgisch hochkomplex konstruierte Geschichte durch eine aufgeladene politische Konversation. Das Endergebnis sieht nicht nur gut aus und ist mitreißend, sondern auch ein tatsächlich eleganter Beitrag zu einer zeitgenössischen Debatte. Formschöner ließe sich eine komplizierte These über die Beziehungen von Palästinenser:innen zu Israel im Nahostkonflikt nicht über 148 Minuten ausformulieren. Cherien Dabis gelingt ein großer Wurf, der ihr nächstes angekündigtes Projekt wohl auf jede gut kuratierte Watchlist setzen dürfte.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

