Nachdem schon die Jury um Juliette Binoche in Cannes von Mascha Schilinskis In die Sonne schauen begeistert war, startet der originelle Historienfilm nun in den Kinos. Sind die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt? In dieser Kritik erfahrt ihr es!
In die Sonne schauen – Darum geht’s
Im Zentrum des Films steht ein Hof in der Altmark. Über 100 Jahre wird die Geschichte der dort lebenden aufwachsenden jungen Frauen erzählt. Sie alle sind von den Umständen ihrer Zeit gezeichnet. Alma (Hanna Heckt) spürt bereits in ihrer frühen Kindheit, wie sich der Erste Weltkrieg anbahnt, während Erika (Lea Drinda) knapp 30 Jahre später die Folgen des Zweiten am eigenen Leib erlebt. In den 80er Jahren wird Angelika (Lena Urzendowsky) ganz in der Nähe des Grenzübergangs zwischen Ost- und Westdeutschland groß. In der Gegenwart macht Nelly (Zoë Baier) eine sehr ungewöhnliche neue Freundin. Die Mädchen sind sich fremd, aber miteinander verbunden. Im Laufe der Zeit scheinen sich bestimmte Ereignisse auf dem Hof immer und immer wieder zu wiederholen.

In die Zukunft des deutschen Kinos schauen
Dass ein Abschlussfilm in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wird, ist eine absolute Seltenheit. Dementsprechend eindringlich war das Getuschel um Mascha Schilinskis Werk nach Bekanntgabe des Programms. Der einzigartige Zweieinhalbstünder wurde bereits als Kandidat für die kommende Preissaison gehandelt, bevor er seine Premiere feierte. Nun, einige Monate später, ist hingegen klar: Ein Grund für die Einladung nach Cannes wird wohl auch gewesen sein, dass dies so ziemlich der einzige Ort ist, an dem ein sperriges Monstrum wie In die Sonne schauen überhaupt Chancen hätte, ein Publikum zu finden. Nicht, dass der Film schlecht sei – im Gegenteil, er ist sogar ziemlich überzeugend. Aber ein derartig langer Streifen ohne greifbare, stringente Handlung, einen wirklichen Star im Cast und jedwede Katharsis oder Humor dürfte wohl unmöglich zu vermarkten sein.
Gut so! Der deutsche Kinomarkt braucht dringend unverfälschte und gnadenlos expressive Aushängeschilder. Zuschauer:innen wurden nun seit Jahren darauf trainiert, sich an jedem Werk zu stoßen, in dem Christoph Maria Herbst nicht lernt, dass Vertreter:innen einer beliebigen marginalisierten Gruppe auch nur Menschen sind. Das erzkonservative Wohlfühlkino, in dem alle sich liebhaben und schwierige Fragen stets einfachste Antworten haben dürfen, hat sich einen Platzhirschstatus an den Kinokassen erkämpft. Die Kunst hinter der cineastischen Umsetzung eines Konzepts scheint so gut wie verloren. Kameras werden nur noch eingesetzt, um Bilder einzufangen, nicht aber, um sie mitzugestalten. So eckig manche Kanten von In die Sonne schauen auch sein mögen – er ist eine der wenigen deutschen Visionen der Neuzeit.
Eine Flut an Ideen
Bereits die ersten 20 Minuten des Films, in dem das Konzept grob eingeführt wird, strotzen bereits vor Ideen. Die audiovisuelle Präsentation hält mit jedem Schnitt ein neues Konzept bereit. Soundbrücken verbinden ganze Zeitperioden durch abstrakte Metaphern, es erfolgen explizite und subtilere Matchcuts. Diverse Bilder und Symbole werden früh etabliert und mit Emotionen assoziiert, um später immer wieder zurückzukehren. In der besten Szene des Films fängt Kameramann Fabian Gamper das Gesicht einer verstorbenen Figur unscharf und verschmiert ein, während eine Erzählstimme auf dem Off berichtet, langsam zu vergessen, wie diese Person zu Lebzeiten aussah. So gelingt In die Sonne schauen ein (ironischerweise) unvergessliches Bild, das ein universell nachvollziehbares Phänomen anschaulich einfängt.
Unglücklicherweise sind nicht alle Aufnahmen des Films derartig meisterlich. An diversen Stellen schreit Schilinskis Werk eindeutig nach genau dem, was es ist: Abschlussfilm. Seien es die langsamen Schwarzblenden, die gerade zu Beginn eingesetzt werden, oder einige plattere Metaphern, insbesondere das wiederkehrende Wasser-Element als Symbol für Übergang und Veränderung; die visuelle Sprache kommt bisweilen etwas plump daher. Man merkt In die Sonne schauen an, dass der Diamant hinter ihm noch nicht zu Ende geschliffen wurde. Dennoch gebührt Schilinski großer Respekt dafür, überhaupt – größtenteils erfolgreich – versucht zu haben, alle Teile des Filmemachens zweckgerichtet zu nutzen. Kamera, Farben, Beleuchtung, Schnitt, Ton, Musik, kein Handwerksmittel wirkt je beliebig. Das berühmte „Halten wir einfach drauf“ fehlt gänzlich. Diese Einstellung lassen in Deutschland oft selbst etablierte Regisseur:innen in ihrem 20. Film vermissen.
Zu wenig Vertrauen in die eigene Ausdruckskraft
Dass eine frische Regisseurin auf einem Feld, welches eigenen Stimmen derart feindselig gegenübersteht, mit angezogener Handbremse fährt, ist völlig verständlich. Dennoch wäre ein bisschen mehr Selbstvertrauen in der Erzählung des Films an einigen Stellen wünschenswert gewesen. Immer wieder verfällt In die Sonne schauen leider in starke Erklärungsnot. Die holzhammerartig eingeprügelten inneren Monologe fügen nur selten einen Mehrwert hinzu. Oft dienen sie eher dazu, Ideen unnötigerweise genauer zu erklären, die vorher wunderbar eigenständig für sich standen. Schilinskis meist effektive Bildsprache hätte solche Krücken überhaupt nicht nötig. Wahrscheinlich wurden diese Erklärungen entweder eingefügt, um die starre Bepunktung einer Filmschule zu überleben oder um die Zielgruppe zu erweitern.

Insbesondere letztere Begründung wäre eine völlig fehlgeleitete. Nichts an diesem imperfekten Kunstwerk ist in irgendeiner Art und Weise massentauglich. Es allgemeingültiger und -verständlicher zu machen eröffnet ihm nicht etwa neues Zuschauer:innenpotenzial, sondern beschränkt dasjenige, das bereits vorhanden war. Bei Cineast:innen, die gerne herausgefordert werden, dürften einige Sequenzen des Films einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen. Auch das ist okay – ein Werk, das anstößt, ist immer besser als ein gefälliges –, doch das Gefühl bleibt, dass In die Sonne schauen nicht seine eigene beste Version ist.
© Studio Zentral
Unser Fazit zu In die Sonne schauen
Der große Retter des deutschen Kinos ist dieser Film wohl nicht. Dafür werden ihn schlicht und ergreifend zu wenige Menschen sehen. Aber sein Cannes-Erfolg, seine wahrscheinliche Einladung ins Festival von Toronto und seine nicht ganz unwahrscheinliche Oscar-Nominierung als deutscher Beitrag zeigen: Deutsches Kino muss nicht mittelmäßig sein. Die klipp und klar gesagt schlechte Qualität der hiesigen Filmlandschaft liegt nicht an einer inhärenten Talentfreiheit deutscher Regisseur:innen. Vor allem liegt sie an einer Mutlosigkeit. Es fehlt die Bereitschaft, authentische und ausdrucksstarke Werke zu schaffen, die das Medium weiterdenken. Solange hässliches Kleinster-gemeinsamer-Nenner-Kino an der Tagesordnung bleibt, werden die Deutschen auf internationaler Ebene nie mitspielen können. In die Sonne schauen zeigt trotz seiner Makel, dass es auch anders geht.
In die Sonne schauen erscheint am 28. August 2025 in den deutschen Kinos.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

