Ob ihr dieses Jahr das kirchliche Krippenspiel schwänzen und dafür Maria bei Netflix schauen solltet, erfahrt ihr hier: Heißt es bei der Bibelverfilmung „ave Maria“ oder wenden sich auch Ochs und Esel verstört ab?
Die Inhaltsangabe von Maria
Etwa 15 Jahre vor Christi Geburt werden die Gebete eines kinderlosen Paares erhört und sie bekommen eine Tochter. Aus tiefer Dankbarkeit weihen sie Maria, so der Name des Kindes, dem Herrn. Sie wird als junges Mädchen zum Tempeldienst verpflichtet und verrichtet dort die Hausarbeit. In dieser Zeit begegnet sie dem Erzengel Gabriel, der ihr prophezeit, dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen wird. Damit beginnt für Maria ein langer und beschwerlicher Weg: Sie wird von den Bewohnern Jerusalems als Ehebrecherin verurteilt und von der römischen Obrigkeit verfolgt, denn König Herodes (Anthony Hopkins) lässt – aufgrund einer Prophezeiung – alle Neugeborenen töten. Um bereits schwanger diesen Bedrohungen zu entgehen, flieht sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef (Ido Tako) nach Ägypten.
Muss man Religionen schonen?
Filme mit christlichem Inhalt haben einen leichten Stand. Sie sprechen eine klar definierte Zielgruppe an, die für ihren Erfolg sorgt. Produktionen wie Sound of Freedom oder Die Passion Christi – beide mit Jim Caviezel in der Hauptrolle – zeigen, wie viel Geld mit erzkonservativen Evangelikalen zu verdienen ist, solange man ihre Weltsicht teilt. Kritisiert man jedoch die Religion, bringt eine wissenschaftliche Perspektive ein oder wagt gar eine eigenständige Interpretation, stößt man schnell auf erbitterten Protest, der selbst Star Wars Fans zu weit gehen würde. Kevin Smith, die Monty-Python-Truppe oder Martin Scorsese können davon ein Lied trällern. Einerseits verständlich: Auch Fans von Der Herr der Ringe oder Harry Potter legen großen Wert auf Werktreue. Andererseits ist es wichtig, die eigene Denkweise kritisch zu hinterfragen und Diskussionen zuzulassen.
Die biblische Geschichte von Maria bietet eine gute Gelegenheit, beide Pole zu vereinen, denn sie ist immer noch erstaunlich aktuell und kann Gläubige und Atheisten – auch ohne große Abweichungen vom Quellmaterial – zum Nachdenken über aktuelle Probleme anregen. Regisseur D.J. Caruso und sein Autor beschließen beides zu ignorieren.
Im Original radikaler
Die biblische Maria ist eine sehr junge Frau, vermutlich zwischen zwölf und 16 Jahren, die ungewollt erst schwanger und dann zwangsverheiratet wird. Sie leidet unter einer patriarchalen Herrschaft, die sie als Ehebrecherin steinigen würde, falls ihr Zukünftiger die Vaterschaft abstreitet. Kein Wunder, dass sie in einem Lobgesang ihr Kind als Erlöser hochstilisiert. Nichts weniger als den Sturz der (männlichen) Tyrannei und die gerechte Verteilung des Kapitals erwartet sie von ihm. Als ihr Sohn schließlich beginnt, die politischen und religiösen Machtstrukturen offen zu kritisieren, wird er mit dem Tod bestraft.
Maria bleibt eine der wenigen, die trotz persönlicher Gefahr zu ihm halten – während sich fast alle seine männlichen Freunde vor der Obrigkeit verstecken. Maria ist eine zutiefst politische Figur, die sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung auflehnt. Es ist eine bittere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein anderes, männlich dominiertes Machtsystem – das ebenfalls für seine Machenschaften von ihr verachtet worden wäre – sie später als Ikone verehrt. Obwohl Netflix in der Werbung suggeriert, dass gerade Marias Sicht auf die Geschichte so wichtig sei, wird ihre kämpferische und handelnde Seite komplett ausgeklammert. Offenbar reicht es ihnen, dass die Hauptfigur weiblich ist und die Geschichte von ihrem Voiceover eingerahmt wird, um es als feministisches Werk zu vermarkten.
Fiktion und heiße Luft
Maria bekommt zwar zusätzlich eine fiktive Vorgeschichte angedichtet, doch in knapp zwei Stunden erfährt man nichts über sie – außer, dass sie Mitleid mit den Armen hat und bei der Hausarbeit keine Hilfe benötigt. Statt als aktive Protagonistin, wird sie lediglich als Spielball der Geschehnisse dargestellt: Sie wird von Josef in hektisch geschnittenen Actionszenen gerettet, erträgt alles still und zeigt dabei stets das gleiche ausdruckslose Gesicht. Zu allem Überfluss wird die Zwangsehe zwischen ihr und Josef auch noch romantisch verklärt – zur Verteidigung von Josef muss man aber hinzufügen, dass er Maria nicht nur auf ihr makelloses Äußeres reduziert, sondern auch ihre haushälterischen Fähigkeiten bewundert. Es fehlt nur noch, dass Maria ihrem Mann Pantoffeln und ein Bier bringt, um die Frauenbewegung endgültig zu verhöhnen. Es ist geradezu traurig, dass ein 2000 Jahre altes, von Männern geschriebenes Buch in seiner Darstellung progressiver wirkt als dieser Film.

Abweichungen von der Quelle
Man könnte meinen, Caruso wolle es sich nicht mit seiner Zielgruppe verscherzen. Doch selbst diese wird bemerken, dass der Film stark von der Weihnachtsgeschichte abweicht. Zwar bleibt die Jungfrauengeburt erhalten – ein Element, das interessanterweise nur in zwei Evangelien als Erklärung für Jesu Göttlichkeit dient – doch ansonsten werden die beiden biblischen Geburtsgeschichten nicht nur vermischt und verändert, sondern auch mit viel Eigenem aufgefüllt. Dieses trägt jedoch nichts Erzählenswertes zum Urtext bei und mindert die erzählerische Stringenz der Geschichte erheblich. Unkundige werden sich – ähnlich wie bei manchen Harry Potter-Verfilmungen – häufiger am Kopf kratzen und die Folgerichtigkeit des Gezeigten hinterfragen. Bei den vielen erzählerischen Freiheiten irritiert der unreflektierte Umgang mit dem Thema Zwangsehe umso mehr. Es wäre kein Problem gewesen, auch diesen Teil der Geschichte dramaturgisch zu verändern, statt wie oben erwähnt schönzureden.
Auch die korrupten politischen und religiösen Zustände der Zeit sowie die Unterdrückung von Frauen werden weitestgehend ignoriert, obwohl diese ein Motiv für Marias – und später auch Jesu – Handeln sind. Grauenhafte Taten, wie eine versuchte Steinigung Marias oder Kindstötungen, werden höheren Mächten zugeschrieben und nicht den handelnden Personen, was eine äußerst problematische Botschaft vermittelt. Wirklich böse ist – abgesehen vom Teufel – nur König Herodes, dessen Darstellung zeigt, dass auch Sir Anthony Hopkins mal einen schlechten Tag haben kann. Wer einen realistischeren Einblick in Marias Lebenswirklichkeit möchte, sollte sich lieber Das Leben des Brian ansehen. Es ist schon sehr traurig, dass eine moderne Bibelverfilmung an diesem Maßstab scheitert.
Abgenutzte Inszenierung
Wenn man alten Bibelverfilmungen etwas vorwerfen kann, dann ist es die kitschige Darstellung der Geburt Jesu. Anfangs denkt man noch, dass Maria dieser Falle entgeht, doch mit zunehmender Laufzeit wird auch diese Hoffnung zunichte gemacht. Stattdessen begegnet man den altbekannten Bildern und Reaktionen auf die Geburt Jesu – die oft wenig mit dem biblischen Text gemein haben –, obwohl durch Action-Elemente versucht wird, eine rauere Note einzubringen. Überirdische Mächte werden genauso klischeehaft dargestellt, wie in jeder x-beliebigen Erzählung und die Musikuntermalung kennt man aus jeder Dokumentation zu dem Thema.
Die Kostüme und das Setting sind in Ordnung, bieten aber auch kaum mehr Schauwerte als eine herkömmliche Folge von „Terra X“. Eine eigene Ästhetik und Bildsprache sucht man vergeblich. Wenigstens passen die meisten Darsteller:innen zum dargestellten Kulturkreis, auch wenn keiner auch nur einen Funken Profil bekommt und durch darstellerische Leistung positiv heraussticht. Es ist schon sehr traurig, dass dies das Ergebnis eines angeblich sorgfältigen Casting-Prozesses ist.
© Netflix
Unser Fazit zu Maria
Die Kirchen können aufatmen, denn Maria macht das alljährliche Krippenspiel nicht obsolet. Jede kirchliche Aufführung der Weihnachtsgeschichte ist progressiver, hat charismatischere Schauspieler:innen, ist charmanter inszeniert und hat einen höheren Unterhaltungswert. Sie dehnen eine knapp zweiseitige Geschichte nicht unnötig aus und sind deutlich schneller vorbei als dieses Machwerk, das sich scheut, die biblische Kritik auf die heutige Zeit zu übertragen, Frauen als eigenständig handelnde Personen darzustellen oder wenigstens einen realistischeren Blick auf die damalige Zeit zu werfen. Ich bin kein Experte für Feminismus, aber vielleicht sollte man diese Themen nicht zwei Männern überlassen, von denen einer auch noch den dritten Triple X-Film gedreht hat. Selbst erzkonservative Christen werden mit dem Ergebnis unzufrieden sein, da es zu stark von der Bibel abweicht, aber wenigstens wird ihr Weltbild nicht erschüttert – Yeah?
Maria ist seit dem 6. Dezember 2024 auf Netflix zu sehen
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

