Seine Lieder ließ Michael Jackson von Regiegrößen wie John Landis, Spike Lee oder Martin Scorsese bebildern. Nun verfilmt Hollywood endlich auch HIStory. Ist die Geschichte des größten Popstars aller Zeiten ein Thriller, komplett Off the Wall oder einfach nur Bad?
Michael – This is it
Der Film erzählt die Geschichte von Michael Jacksons Leben – weit über die Musik hinaus. Er zeichnet seinen Weg nach von der Entdeckung seines außergewöhnlichen Talents als Leadsänger der Jackson Five bis hin zu dem visionären Künstler, dessen kreativer Ehrgeiz ihn unermüdlich antrieb, der größte Entertainer der Welt zu werden. Von einigen seiner legendären Auftritte aus seiner frühen Solokarriere bis zu seinem Leben abseits der Bühne – das Publikum hat einen Platz in der ersten Reihe bei einem nie zuvor dagewesenen Blick auf das Leben der Pop-Ikone. Hier fängt seine Geschichte an.

Remember the Time
Wie heißt es doch im Volksmund so schön: Der König ist tot, lang lebe der König. Was bis heute für Elvis – den King of Rock ’n’ Roll – gilt, trifft selbstverständlich auch auf den King of Pop Michael Jackson zu. Genau wie Presley war Jackson mehr als nur ein Idol für die Massen. Er inszenierte sich gern als mystisches Wesen, für das weder die Gesetze der Schwerkraft noch die des Älterwerdens galten. Fünf seiner Werke befinden sich in den Top 100 der meistverkauften Alben aller Zeiten, wobei Thriller die Liste sogar mit weitem Abstand anführt. Er beteiligte sich regelmäßig an Hilfsprojekten wie „USA for Africa“ und spendete Teile seiner Einnahmen an Bedürftige.
Auf der anderen Seite war er eine tragische Figur, die Zeit ihres Lebens immer etwas kompensieren wollte. Auf dem Cover von Dangerous sieht man ihn als goldenen Gott, für HIStory ließ er in verschiedenen Städten überlebensgroße Statuen von sich aufstellen und auf seinem letzten Studioalbum war er Invincible. Diese Darstellungen passten spätestens ab dem Zeitpunkt längst nicht mehr ins öffentliche Bild: Sein Auftreten wurden mit den Jahren immer bizarrer und ab 1993 standen regelmäßig neue Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs im Raum.
Leave me Alone
In Michael werden sämtliche Vorwürfe – genau wie seine anderen negativen Wesenszüge – komplett ignoriert. Ursprünglich sollte das Biopic mit dem Beginn der ersten Klage enden. Aus rechtlichen Gründen darf der Name des Betroffenen jedoch nicht in einer Verfilmung auftauchen. Die Produzenten waren somit gezwungen, für viel Geld ein anderes Ende zu drehen. Nach dem Schauen darf man allerdings bezweifeln, dass mit dem ursprünglichen Ende überhaupt eine Aufarbeitung der Verdachtsfälle beabsichtigt war. Die Einigung mit den Klägern verlief außergerichtlich und wurde seitens des Beschuldigten als Erpressungsversuch gewertet.

Don’t Stop ’til You Get Enough
In der Welt der Jacksons existiert laut Drehbuch sowieso nur Black or White: Alle, die sich ihnen entgegenstellen, sind entweder böse, Lügner oder verantwortlich für ihr Leid. Sie und ihr Umfeld sind dagegen ausnahmslos gut – Vater Joseph mal ausgenommen. Glaubt man ihrer Erzählung, dann gab es weder Streit noch Neid oder andere Zwistigkeiten zwischen ihnen. Besonders wichtig ist ihnen aber, dass sich auf den Glitzerhandschuh ihres berühmtesten Mitglieds kein Fleck verirrt. Ihr kleiner Bruder ist ein von Gott gesandter Engel mit nur einem einzigen Auftrag: Heal the world, make it a better place for you and for me and the entire human race.
Das sind sie ihm wohl auch schuldig. Er vererbte ihnen zwar eine Menge Außenstände, aber allein seine Hinterlassenschaften sind mehrere Milliarden Dollar wert. Hinzu kamen die Einnahmen aus CD-Verkäufen, die nach seinem Tod in ungeahnte Höhe schossen. Es gibt inzwischen auch ein Musical und viele weitere Möglichkeiten mit den Namen Michael Jackson Geld quasi zu drucken. Deswegen muss die Erzählung des heiligen Michaels mit aller Macht aufrechterhalten werden. Da stört es auch nicht, dass selbst nach Jacksons Freispruch im Jahr 2005 regelmäßig neue Vorwürfe hinzukamen, wie es etwa die Dokumentation Leaving Neverland zeigt. Kritiker werden auf einen möglichen zweiten Teil vertröstet, der die schwierigen Jahre erzählen soll. Vermutlich wird sich aber auch da das Narrativ nicht ändern.
Wanna Be Startin’ Somethin’…
Was erzählt Michael denn nun eigentlich? Die Antwort lautet: Nichts, was nicht schon hinlänglich bekannt ist. Angefangen bei den ersten Erfolgen mit den Jackson 5, über den beginnenden Weltruhm mit Off the Wall und den unglaublichen Erfolg von Thriller bis hin zum legendären Konzert im Londoner Wembley-Stadion 1988. An sieben Abenden sahen eine halbe Million Menschen seine Show – ein bis heute ungebrochener Rekord.
Passend zu Jacksons Äußerem werden in einem sehr künstlichen, aber technisch brillanten Look die größten Hits in den dazugehörigen Settings nachgestellt: Billie Jean gibt es auf der Motown-Bühne, bei Thriller sieht man Ausschnitte aus dem legendären Videoclip und Bad ist der finale Liveauftritt. Wer keine Lust hat, sich die einzelnen Clips auf YouTube zusammenzusuchen, bekommt hier eine gut gemachte Playback-Show mit wuchtigem Sound serviert. Das wäre eine durchaus launige Angelegenheit, wenn zwischen den einzelnen Auftritten nicht so viel erzählerischer Leerlauf herrschen würde.

… Bad
Drehbuchautor John Logan und Regisseur Antoine Fuqua (The Equalizer 3 – The Final Chapter) arbeiten sich sklavisch an der ersten Hälfte von Jacksons Wikipedia-Eintrag ab. Das ist genauso langweilig umgesetzt, wie es die Beschreibung vermuten lässt. Damit zwischendurch wenigstens irgendetwas Interessantes geschieht, generieren sie künstliche Konflikte, die innerhalb von Sekunden wieder aufgelöst werden. Nur der Streit mit seinem Vater zieht sich als roter Faden durch die gesamte Handlung, wird aber ebenso belanglos inszeniert.
Man merkt deutlich, dass hinter dem Projekt Produzent Graham King steht, der schon mit Bohemian Rhapsody eines der langweiligsten Biopics aller Zeiten ablieferte. Hier präsentiert er mit Bohemian Jacksody nun den geistigen Nachfolger seines kommerziellen Mega-Erfolges.
Man in the Mirror
Dargestellt wird Michael Jackson von seinem Neffen Jaafar, der zum Glück keine Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen musste, um seinem Onkel (zumindest in den abgedeckten Jahren) ähnlich zu sehen. In Interviews wird er nicht müde zu betonen, wie viel Arbeit er in die ikonische Performance investiert hat. Das Ergebnis wird seiner Familie gefallen: Jaafar wird zu Michael. Er passt nicht nur perfekt in die Outfits, auch seine Bewegungen sind vom Original kaum zu unterscheiden. Nur selbst singen darf er so gut wie nie – Michaels Stimmlage zu imitieren ist auch schier unmöglich. Doch außerhalb der überraschend sparsam gesäten Musiknummern bleibt er blass, da weder Ecken und Kanten noch innere Dämonen zum Vorschein kommen dürfen. Keine guten Voraussetzungen, um einen Film zu tragen.
Naturgemäß sind die Nebendarsteller:innen in einem Biopic nur für den Hintergrundgesang zuständig. Es ist daher nicht schlimm, dass auch ihre Performances kaum ins Gewicht fallen. Die einzige Ausnahme bildet Colman Domingo als Joseph Jackson: Trotz seiner Eindimensionalität zeigt er als einziger echte Leinwandpräsenz.
Laut Jacksons Tochter Paris hat das Gezeigte allerdings so viel mit der Wirklichkeit zu tun wie Moonwalker, dem ersten Selbstbeweihräucherungsprojekt ihres Vaters. Doch dieses war deutlich kreativer, steckte voller Überaschungen und enthielt eine gehörige Prise von dem Größenwahn, der ihn umgab. Michael hingegen ist kalt, steril und berechnend– Attribute, die seine Erben bestimmt nur ungern mit ihm in Verbindung bringen möchten.
© Lionsgate Studios
Unser Fazit zu Michael
Michael liefert austauschbaren Heile-Welt-Pop ohne Tiefgang. Die Melodien sind eingängig, die Stars sehen gut aus und die Produktion ist solide. Sämtliche Störgeräusche, Irritationen oder kritischen Töne gegenüber dem "gottgesandten Superstar" wurden sorgfältig aus dem Drehbuch entfernt, sodass lediglich eine Huldigung seiner unbestreitbaren Leistungen übrig bleibt. Wer die guten Erinnerungen an sein Idol auffrischen möchte, wird mit Michael bestimmt zufrieden sein. Wer allerdings eine spannende Auseinandersetzung mit der Persona Jackson erwartet, für den hat seine Familie nur eine Botschaft: Beat It.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

