Nach diversen Verschiebungen kommt am 6. März 2025 endlich Mickey 17 in die Kinos. Dass wir bereits seit einiger Zeit auf den Start hinfiebern, konnte man unseren Filmtoast- Jahresvorschau-Podcasts bereits entnehmen. Doch lange Wartezeit und eine turmhohe Erwartungshaltung kann auch gern einmal in großer Ernüchterung und Enttäuschung enden. Wie uns der neue Film von Parasite-Regisseur Bong Joon-ho gefällt, verraten wir euch in unserer ausführlichen Kritik.

Die Story von Mickey 17
Der etwas einfältige Mickey Barnes (Robert Pattinson) hat seinem Kumpel Timo (Steven Yeun) tatsächlich abgenommen, dass nach Burgern Macarons der neue heiße Scheiß im Fast-Food-Sektor werden. Doch das Business entpuppt sich als Reinfall. Und so schulden beide einem Kredithai Geld, welches sie nicht haben. Ihr Ausweg: Sie wandern aus, nur dass es nicht wie bei Vox Mallorca sein soll, sondern der vor der Kolonisation stehende Planet Niflheim. Diesen will der ehemalige US-Abgeordnete Kenneth Marshall (Mark Ruffalo) mit seiner Ehefrau Gwen (Toni Collete) und einer Schar seiner „Jünger“ fortan bevölkern.
Doch Mickeys Fähigkeiten sind begrenzt, so dass er die Reise als „Expendable“, ein sogenannter Entbehrlicher, antritt. Als Expendable ist Mickey fortan der Mann für die gefährlichen Missionen, denn er darf beliebig oft geklont werden, während sein Bewusstsein wie auch seine Erinnerungen in die nächste Kopie übertragen werden. Auf dem Trip lernt Mickey Nasha (Naomi Ackie) kennen und verliebt sich in sie. Als er bei einer seiner Missionen in einen unterirdischen Höhlendings fällt, nehmen alle an, Mickeys 17. Version sei tot. Doch als dieser sich wieder in die Basisstation begibt, muss er feststellen, dass bereits Mickey 18 existiert. Dasbeide sogenannte Multiples sind, die qua Gesetz verboten sind, müssen sie fortan um ihre Existenz bangen…

Satirisch überspitzt und wenig subtil
Sollte irgendwann herauskommen, dass Paul Verhoeven und Bong Joon-ho sich zu wöchentlichen Kaffeekränzchen treffen, sollte man nicht überrascht sein. Denn schon in Snowpiecer und Parasite waren die satirischen Spitzen Joon-hos derer Verhoevens in ihrer brachialen Art sehr ähnlich. Im Falle von Mickey 17 verpackt der Südkoreaner seine Kritik an Kapitalismus und der fortschreitenden Entmenschlichung statt mit feiner Schleife und elegantem Papier eher als knalligen Bonbon. Von Subtext zu sprechen, wenn ein von Mark Ruffalo überdeutlich an Donald Trump angelegter US-Politiker seine schamlosen Kolonisationspläne auf dem Planeten Niflheim auslebt, während ihm seine „Jünger“ mit roten Basecaps all seinen Nonsens begeistert aus der Hand fressen, wäre tatsächlich fehl am Platz.
Doch was Verhoeven und Joon-ho unterscheidet, sind die Schwerpunkte zwischen all dem satirischen Nonsens. Wo der Niederländer seine Filme wie RoboCop, Total Recall oder Starship Troopers stets als Satiren im Action-Gewand tarnte, sind gerade im Falle von Mickey 17 die Genre-Bezüge zu Science-Fiction lediglich zweckmässig, um die Systemkritik Joon-hos äußern zu können. Vor allem beschränkt sich das Setting auf einige Ausflüge an die Oberfläche und Höhlenlandschaft des Planeten Niflheim, den wir zumeist als eine Art Reminiszenz an den Eisplaneten Hoth aus Das Imperium schlägt zurück wahrnehmen, sowie das Innenleben der Basisstation. Aus diesen Schauplätzen schafft es Joon-ho leider nicht, durch Kameraarbeit oder Licht und Optik mehr herauszuholen, auch wenn die VFX-Shots allesamt gut aussehen. Somit liegt der Fokus weniger auf der Form, sondern auf dem Inhalt. Und auch dort gelingt nicht der erhoffte große Wurf.
Schwert statt Skalpell
Denn die Satire ist alles andere als feinsinnig. Stattdessen wird wenig subtil vorgegangen und statt mit dem Skalpell eher mit einem Schwert operiert, was zwar wenig überrascht, aber auch ein wenig ernüchtert. Denn auch, wenn seine Kritik am Kapitalismus durchaus wuchtig und immer noch gewitzt ausfällt, ist sie angesichts der Aktualität schon fast von der Realität überholt worden. Insbesondere betrifft dies Mark Ruffalos Figur. Mag sein Kenneth Marshall noch so abstruse Ideen und radikale Lösungen predigen – sie erscheinen angesichts eines Paradigmenwechsels in den USA hinsichtlich der Innen- und Außenpolitik als fast schon urig und hoffnungsvoll. Etwas subtiler ist der Unterton, den Joon-ho bei der Klontechnik einbaut. So erscheint es den Kolonialisten einfacher, den entbehrlichen Mickey mehrmals zu reproduzieren und mit seinen Erinnerungen zu versorgen, als die bestehende Version zu versorgen, wenn die Verletzungen es doch zuließen.
Letztlich fungiert Mickey häufig als menschliches Versuchskaninchen, um zu sehen, welche Auswirkungen die Atmosphäre des Planeten auf den Menschen haben könnte oder er wird bei waghalsigen Missionen ohne größere Sicherheitsmaßnahmen verheizt. In diesen Passagen punktet Mickey 17 mit tiefschwarzem Humor. Außerdem ist das Tempo zu Beginn beachtlich, obwohl man zeitliche Sprünge nach vorn und hinten in der Erzählung unterbringt. Letzten Endes wird aber die doch recht stattliche Laufzeit von knapp 140 Minuten spürbar und es schleichen sich im dritten Akt deutliche Längen ein. Dies liegt auch an den zwar vorhandenen, aber nicht sonderlich aufregenden Wendungen, welche das Skript parat hält. Hier zeigt sich, wie unfair ein Vergleich mit Joon-hos Vorgänger Parasite ist, der neben seiner überraschungsreichen Handlung auch mit einer sichtlich besseren, eleganteren Kameraarbeit ausgestattet war.
Was war nochmal Twilight?
Das große Plus des Films stellt eindeutig Pattinson dar. Ihm gelingt es, vor allem als Leinwandduo Mickey 17 und 18 zu zeigen, wie nuanciert er zwischen tumben Naivling und eiskaltem Opportunisten switchen kann. Es wäre einfach, seine Performance als bewusstes Brechen mit seinem noch immer in Teilen vorhandenen Image der Twilight-Filme einzuordnen, doch für uns ist Pattinson bereits seit geraumer Zeit eine der heißesten Schauspielaktien auf Hollywoods Besetzungsmarkt. Neben ihm fällt es schwer, andere Cast-Mitglieder hervorzuheben. Bereits erwähnter Ruffalo ist zumindest momentan eher Karikaturenmime als Figurenschauspieler, da er wie zuvor in Poor Things auch hier zwar in die Vollen geht und kein Overacting scheut, aber leidlich als greifbare Figur durchgeht.

Das gilt ebenfalls für Toni Collette, deren Soßen-Spleen zwar skurril ist, aber sonst nicht viel mehr zu ihrer Figur zu erfahren ist. Dagegen emanzipiert sich Naomi Ackies Nasha recht schnell vom love interest und setzt eigene Impulse, wenn sie in cholerischen Ausbrüchen für das Gerechte versucht zu kämpfen. Zu Steven Yeuns Timo kann der Autor aus Befangenheit natürlich nur Positives berichten. Allerdings ist auch diese Figur bis auf seine wiederkehrende Frage, wie es sich anfühlt, zu sterben, wenig ausgefleischt und bleibt eher nichtssagend. Letztlich steht und fällt die Rezeption von Mickey 17 wie so oft mit der Erwartungshaltung des Publikums, die in Sachen world-building und Schauwerten sicher weniger bekommt, als erwartet.
© Warner Bros.
Unser Fazit zu Mickey 17
Bong Joon-ho liefert nach Parasite eher einen Cousin im Geiste zu Snowpiercer ab. Statt der bissig-bösen Momente seines Oscar-Films überwiegen in der Sci-Fi-Groteske die makrabren Albernheiten und kleinen Skurrilitäten. Dass das anfangs eingeschlagene Tempo und der Witz nicht bis zum Ende ausgespielt werden und sich letztlich kleinere Längen einschleichen, kann man angesichts des spielfreudigen Pattinson, der eine wunderbare Two-Man-Show abliefert, verschmerzen. Am Ende ist neben der visuellen und inhaltlichen Eindimensionalität das Gefühl, dass Joon-ho lediglich sein Setting verändert hat, um die fast baugleiche Form der Kapitalismus- und Kolonialismuskritik zu verpacken, entscheidend, dass aus Mickey 17 nicht mehr geworden ist, als eine recht lustige, aber weniger bissige Satire auf diese mittlerweile fast deutlich wahnsinnigeren Zeiten.
Als Timo vor grauer Vorzeit wieder mal "Ducktales - Jäger der verlorenen Lampe" im Videorekorder vermutete, lag dort allerdings "Terminator 2". Und so schaute er, heimlich, allein und ohne es damals zu erahnen, einen der besten Filme aller Zeiten. Vermutlich war da seine Liebe für das Medium Film entfacht. In seiner Heimatstadt war Mitte der 90er bereits ein Kinosessel zu finden, der leichte Abdrücke seines Gesäßes aufwies, denn zu jener Zeit war die Frage, nicht ob, sondern was am Mittwoch für sieben Mark am Kinotag geguckt wird. Sobald Timo ein eigenes Zimmer besaß, wurde dieses mit einem Fernseher bestückt. Und das wohl größte Geschenk machte er sich dann zum 18. Geburtstag selbst - eine Mitgliedschaft in einer Videothek. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch sein Alias "dervideothekar", welches seine Social-Media-Kanäle ziert. Doch dass Timo neben dem Regal "Actionfilme" geboren wurde, muss ins Reich der "urban legends" verbannt werden. Seit mehr als drei Jahren ist er vor den Mikrofonen von Filmtoast und Tele-Stammtisch. Dazu textet und spricht er über eigentlich jedes Genre, mit leichten Abstrichen beim deutschen Heimatfilm. Aber das er seine (recht lange) Nase auch mal bei Kino+ in die Kameras halten würde, war so nie geplant. Aber da einer seiner Lieblingsfilme "Besser geht´s nicht" ist, passt's ja. Wenn ihr ihn demnach mal trefft, sprecht ihn einfach an, er freut sich!
