Das jahrelange Flehen der Fans wurde erhört: Charlie Cox ist zurück in der Paraderolle des Daredevil. Aber funktioniert diese Unterabteilung der Marvelwelt auch im Korsett der eher familienfreundlichen Disney-Plus-Ausrichtung? Wie verraten euch, wie lebendig der Teufel von Hell’s Kitchen ist in Daredevil: Born Again.

Daredevil: Born Again – Die offizielle Handlung
In Daredevil: Born Again kämpft Matt Murdock (Charlie Cox), ein blinder Anwalt mit geschärften Sinnen, in seiner geschäftigen Kanzlei für Gerechtigkeit, während der ehemalige Mafiaboss Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) seine eigenen politischen Ziele in New York verfolgt. Je mehr ihre früheren Identitäten zum Vorschein kommen, desto mehr befinden sich beide Männer auf einem unausweichlichen Kollisionskurs.
Diese Kritik basiert auf der kompletten ersten Staffel von Daredevil: Born Again, die Disney uns vorab zur Verfügung gestellt hat.
Wirklich „born again“?
Dass Charlie Cox als Daredevil bei Netflix eine Ära von Marvel-Superhelden-Serie gestartet und mitgeprägt hat, ist unumstritten. Dass er eine ideale Besetzung für Murdock ist, ebenso. Und dass Fans des Defenders-Verse von Netflix dem Aus bis heute hinterhertrauern, ist auch kein Geheimnis. Lange wurde dann gemunkelt, ob und wie man die beliebten Charaktere aus einer für Disney-Verhältnisse sehr dunklen Ecke des Marvel-Universums in die eigene Timeline bringen könnte. Und dann gab es auch schon mehrere Kurzauftritte von Cox als Daredevil, bzw. Matt Murdock, die eher verhalten für Optimismus bezüglich einer erfolgreichen Zeit im MCU sorgten. Denn sowohl sein Anwalts-Cameo in No Way Home als auch sein eher zu belächelnder Ausflug zu She-Hulk waren dem Charakter, wie man ihn eins als Teufel von Hell’s Kitchen über drei Staffeln verfolgen konnte, mehr als unwürdig.
Doch dann kehrte auch Wilson Wisk ins MCU ein – mit ebenfalls mäßigem Anklang, aber immerhin brachte Vincent D’Onofrio ad hoc qua seiner Physis eine Spur ernsthafter Bedrohung zurück in die bonbonbunte Welt der Disney-Plus-Marvelserien. Fraglich blieb auch nach der Ankündigung von Daredevil: Born Again lange Zeit, wie erwachsen es denn nun unter dem Maus-Banner werden darf.
Die Zeichen mehrten sich jedoch je näher der Release rückte, dass man sich wohl doch durchringen konnte, die Handbremse von Formaten wie Hawkeye oder Echo auszulösen und wirkliches Comicfernsehen für Erwachsene zu kreieren, wie man es eben zuletzt bei Netflix mit Jessica Jones, Luke Cage, The Punisher und Co. sehen konnte. Denn nicht nur Charlie Cox darf „wiedergeboren“ in dieser neuen Serie mitwirken, auch ein Großteil des „alten“ Cast wurde peu à peu in den neuen reintegriert. Wie viel von der gefeierten, rohen und harten Serie steckt nun also in der 2025er-Version? Und: brauchte es dieses Comeback tatsächlich oder war die Geschichte des blinden Rächers nicht schon auserzählt?
Ja, das ist die vierte Staffel!
Über die Absetzung waren Fans damals zurecht erbost, aber es hatte sich schon die Fox-Übernahme durch Disney angekündigt und Netflix entsprechend seine kleine Marvel-Serienwelt zwangsläufig beenden müssen. Zum Glück hat man seit 2022 die Möglichkeit nun die ehemaligen Formate des Konzerns mit dem roten N auf der Plattform der neuen Heimat mit dem Maus-Logo zu sehen. Und hat man nun tatsächlich in Vorbereitung auf diese „neue“ Serie die drei Staffeln Marvel’s Daredevil nochmal aufgefrischt, dann – und soviel kann ich als großer Fan der damaligen Ausrichtung sagen – fühlt sich der Einstieg tatsächlich sehr unmittelbar und fließend an. Ja, Daredevil: Born Again ist mehr eine vierte Staffel geworden und weniger eine MCU-Serie, die lose aber trotzdem mit Hawkeye, Echo und auch den Spider-Man-Filmen verbunden ist.
Doch der Matt Murdock ist wieder der Netflix-Matt und der Kingpin wieder der Netflix-Kingpin – zum Glück! Aber der Reihe nach: Der Beginn ist direkt ein Paukenschlag. !!!Leichte Spoilergefahr!!!Wer gänzlich uninformiert an die neue Serie rangehen will, sollte besser hier nicht weiterlesen!!! Direkt im Auftakt des Reboots (?) gibt es einen traurigen Todesfall, der die weitere Handlung maßgeblich in Gang setzt: Foggy wird von Pointdexter ermordet, die Gemeinschaftskanzlei ist Geschichte, Matt verstaut das rote Kostüm aus Schuldgefühl ganz tief im Schrank – und wir machen einen Zeitsprung um ein Jahr in die Jetztzeit von Born Again.
In diesem Jetzt-New-York ist Wilson Fisk inzwischen zum Bürgermeister gewählt worden und am Ziel seiner Machtträume angekommen. Gleichzeitig konzentriert sich Matt komplett auf seine Anwaltstätigkeit. Doch schnell kommt es zum Wiedersehen mit dem Kingpin – in einer wahrlich an die ikonischen Vorbilder heranreichenden Diner-Szene. Immer wieder macht uns bereits die Pilotfolge klar, was die Devise von Daredevil: Born Again ist: Matt Murdock und Wilson Fisk als zwei Seiten einer Medaille, untrennbar miteinander verbunden, schicksalhafte Gegenspieler mit Respekt für den anderen. Das unterstreichen wirklich starke Montagen, die fantastisch mit dem Spiegel-Motiv arbeiten und gleichzeitig auch ikonische Momente aus Comics und Serien referenzieren. Allein die erste Folge ist schon mal ein Statement: Nicht nur der Teufel von Hells Kitchen ist wieder am Leben, auch das Marvel-Serienuniversum hat noch Puls!

Alte Fragen, neue Umstände
Nach dem tragischen Verlust seines besten Freunds schwört Matt dem Vigilantentum ab. Voller Fokus auf seinen Job als Strafverteidiger. Und so ist auch innerhalb der ersten Folgen erstmal in Sachen Daredevil-Rächer-Action Geduld gefragt. Vielmehr nimmt sich die neue Serie nach ihrer Auftaktfolge viel Zeit, um die beiden Gegenseiten parallel wieder schwelen zu lassen: Einerseits Court-Room-Drama mit wirklich fantastischem Spannungsverlauf auf der Seite von Matt und andererseits der ständige Kampf gegen die inneren Dämonen und Aggressionen von Wilson Fisk. In dessen politischem Amt ist er zwar so weit es geht am Schalten und Walten nach Belieben – doch irgendwo sind Grenzen des Rechtmäßigen auch für den Kingpin da. Wie lange er sich wohl entsprechenden unter Kontrolle hat…?
In Matt geht es auch in der neuen Staffel wieder um seine inneren Kämpfe, die sich vielleicht inzwischen etwas redundant ausspielen würden, wären die Umstände nicht so grundlegend abweichend von denen in den vorigen Seasons. Kann er auch im Anzug vor der Richterbank – und damit im Rahmen seiner engen Moralvorstellungen – bestmöglich den Menschen der Stadt dienen. Oder muss irgendwann das Alter-Ego wieder aktiviert werden, weil ein Anwalt an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt?
Alte Stars, …
D’Onofrio als brodelnder Vulkan aus dem Rathaus auf Ochsentour durch New Yorks Schulen und Ämter – allein für dieses Element in Daredevil: Born Again lohnt sich schon das Einschalten. Es ist für den Full-Metal-Jacket-Star schlicht und einfach die Rolle seines Lebens. In Echo war er zwar kurz davor, sein Rollen-Image nachhaltig zu verwässern, doch zum Glück hat er seine unnachahmlich bedrohliche Aura nicht verloren und darf diese nun wieder auf 11 gedreht ausspielen. An seiner Seite spielt Ayelet Zurer wieder „seine“ Vanessa, seine Korrektiv, das jedoch auch nicht ganz ohne eigene Hintergedanken und Ambitionen ist.
Und dann gibt es mehrere Stabsmitglieder des Politikers Fisk, die grandios besetzt wurden und neue Facetten in die Konstellation zwischen ihm und Daredevil bringen. Allen voran ist dies die Rolle von Michael Gandolfini, Daniel Blade, der an der Seite des Schurken opportunistisch eine politische Karriere einschlagen will – und gar nicht realisiert, wer Fisk hinter der öffentlichen Fassade noch ist.
Zu Charlie Cox muss man eigentlich gar nichts mehr sagen, denn es sollte sich rumgesprochen haben, wie perfekt er beide Personas, Rächer Daredevil und Anwalt Murdock, verkörpert. In Sachen Visualisierung seiner geschärften Sinne ist die Serie vielleicht sogar noch ein bisschen versierter als ihr Netflix-Vorgänger – und vielleicht ist Cox in der Zwischenzeit auch darstellerisch noch weiter gereift. Atemberaubend und unter die Haut gehend ist die Art und Weise, wie er es schafft als Anwalt das Recht in Person auszustrahlen. Symptomatisch dafür ist im Fall um den White Tiger recht früh in der Staffel sein Plädoyer in Richtung der Jury: Gänsehaut garantiert. Und wenn er in Folge vier auf einen weiteren Rückkehrer aus der Netflix-Ära trifft (no spoiler), dann könnte vielleicht beim ein oder anderen Fan ein Tränchen kullern.
… neue Nebenfiguren
Auch weitere neue Charaktere wie Cherry (Clark Johnson), Sheila (Zabryna Guevara) und Heather (Margarita Levieva) fügen sich in ein starkes Ensemble ein. Ja, es ist die Geschichte zwischen Murdock und Fisk, aber es ist nicht nur symbolisch eine größere Story, die hier behandelt wird. Denn war die „alte“ Serie noch ziemlich deutlich im kleinen New Yorker Stadtteil verwurzelt und dem berühmten „Street Level Super Hero Cinema“ zuzurechnen, fühlen sich die Einsätze hier doch merklich globaler an. Daredevil nähert sich dem MCU an – doch zum Glück kommt das „große Ganze“ dem Newcomer auch ein Stück weit entgegen!

Angenehmes Tempo, verdienter Pay-Off
Für den inneren Kampf von Matt nimmt sich Daredevil: Born Again viel Zeit. Der ein oder andere wird sagen: zu viel. Doch für mich war dieser behutsame Aufbau fast zwingend notwendig, um das Comeback des roten Rächers logisch aufzubauen. Marvel’s Daredevil war einst dank mehrerer ikonischer Einzelszenen in puncto Action ad hoc zum Serien-Benchmark avanciert. Dementsprechend waren insbesondere an dieser Front die Erwartungen fast nicht zu erfüllen. Und auch wenn die Fortführung nun keine neuen Maßstäbe setzt, so gibt es doch einige richtig starke Action-Momente und spektakuläre Bilder in jeder Episode. Schon die Pilotfolge macht klar, dass man hier nicht auf MCU-Sparflamme kocht, sondern in Sachen Choreo endlich (!) wieder Tacheles spricht.
Das ist wieder das „Erwachsenen“-Fernsehen, das man sich einst bei Netflix traute und bei Marvel meist nur wagt, wenn man fast jeden Anflug von Fallhöhe mit einem Fremdscham-One-Liner abfedern kann. Doch ist roh und trocken, Comic-Relief wäre fehl am Platz und wird uns auch, Gott sei Dank, erspart. Dadurch wird die Spannung nie unnötig ausgebremst und die Atmosphäre schwelt von Folge zu Folge an, sodass man am liebsten alle neun Folgen am Stück bingen würde. Doch durch den wöchentlichen Release wird dies in weiser Voraussicht seitens Disney+ unterbunden, denn so wird es zwangsläufig weniger Zuschauende geben, die wegen der Atemlosigkeit irgendwann selbst vergessen noch zu atmen.
Besonders intensiv ist die Serie dadurch, dass es natürlich nicht nur den Kingpin als offensichtlichen Antagonisten gibt, sondern auch den altbekannten Bullseye, der hier zwar noch immer nicht so genannt wird, aber dennoch genau fest zu Daredevil gehört wie sein Stab und seine blutrote Kluft. Und auch ein weiterer Comic-Bösewicht taucht hier nun auf und macht Matt das Leben schwer bzw. fordert es nahezu heraus, dass aus dessen geplanten Helden-Ende lediglich eine -Auszeit wird.
Und dann kommt der Cliffhanger
Neun Folgen hat diese erste Staffel. Bereits im Voraus war klar, dass es eine zweite geben wird, die die Geschichte erst abrunden wird. Es fühlt sich also ähnlich an wie zuletzt bei Squid Game. Auch dort hat man eine neue Staffel veröffentlicht und eine weitere direkt angekündigt, sodass der Eindruck entstand, tatsächlich eine Staffel in zwei Teile gesplittet zu haben.
So nun auch hier bei Daredevil: Born Again: In den Folgen 8 und 9 wird zwar eine Klammer zum Staffel-Auftakt geschlossen, doch gleichzeitig wird durch mehrere Wendungen das Binnenverhältnis Daredevil – Fisk und die Auswirkung von deren Fehde auf ganz New York auf eine neue Ebene gehoben. Mit einer angemessen Action-geladenen und emotional packenden 9. Folge entlässt uns die Serie dann in eine wohl etwa einjährige Zeit des Wartens bis uns – so suggeriert es die leicht pathetische Abschlussmontage – die finale Auseinandersetzung der beiden Lager ansteht, in der ein für alle Male darum gekämpft wird, wem die Stadt gehört…

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Unser Fazit zu Daredevil: Born Again
Unser Fazit zu Daredevil: Born Again
Daredevil: Born Again treibt die Dualität der Titelfigur und Gegenspieler Wilson Fisk auf die Spitze. Das ist für Neueinsteiger nicht zu verstehen und fühlt sich vielleicht sogar an, als würde man streckenweise auf der Stelle treten. Doch in Nuancen wird die Rivalität auf immer neue Ebenen gehoben - und Kenner der Materie haben extrem viel, woran sie sich erfreuen dürfen. Denn die späte Fortsetzung unter neuem Banner ist tonal dem Netflix-Kosmos treu geblieben, bringt aber frischen Wind einerseits durch marginale MCU-Einflüsse und andererseits durch zeitgeistige Ideen rein. Damit werden am Ende wohl fast alles Fans restlos zufrieden sein - nur das warten auf die Fortsetzung wird - wie so oft - zu Tortur, hoffentlich nicht so lange, wie zwischen Ankündigung dieses Projekts und dem Release vergangen ist...
Daredevil: Born Again startet am 5. März 2025 bei Disney Plus mit den ersten beiden Episoden!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

