Wann gab es schon zuletzt einen Heimkino-Release mit derart hochkarätigem Staraufgebot? Mother, Couch bringt nicht nur schauspielerisch Kinoqualität auf die heimische Leinwand, sondern entfaltet einen surrealen Genre-Wahn in bester A24-Manier: Nehmt Platz und erfahrt mehr.
Darum gehts in Mother, Couch
In einem antiquierten Möbelgeschäft weigert sich eine 82-jährige Frau (Ellen Burstyn) von einem grünen Ausstellungssofa aufzustehen – was ihre drei entfremdeten Kinder David (Ewan McGregor), Gruffudd (Rhys Ifans) und Linda (Lara Flynn Boyle) dazu zwingt, sich ebenfalls dort einzufinden und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit der Ladenbesitzerin Bella (Taylor Russell) erleben sie eine surreale Reise, die sie mit schmerzhaften Wahrheiten über ihre Familie konfrontiert …

Stilistisch wie Anderson
Schon mit den ersten Kamerafahrten deutet Regisseur Niclas Larsson große Qualität an. Mother, Couch brilliert nicht nur durch ein ausgewogenes inszenatorisches Gespür, sondern offenbart früh klare stilistische Ausrichtungen, die automatisch Ton und Vibe setzen: lange Takes, ausgewogene und präzise konzipierte Bildkomposition sowie stimmige, fein auf die Musik abgestimmte Übergänge wirken wie eine reduzierte, geerdete und weniger glattgebügelte Wes Anderson-Hommage: Nah dran an großen Vorbildern, hinreichend zitiert – jedoch angenehm reduziert.
Seltsam wie Lynch
Aufgefangen wird dies durch die tonal vollkommen überzeichneten Ideen, geprägt von obskurem Humor, einer ungreifbaren Grundstimmung und minimalistischem, beinahe klaustrophobischem „One-Location“-Worldbuilding. Es entfaltet sich eine Atmosphäre, die fast traumwandlerisch wirkt, während die inhaltlichen Zufälle zunehmend seltsamer erscheinen. Mother, Couch verlagert dabei inhaltliche Zweifel konsequent in den Kopf der Zuschauer: denn ob das Gezeigte nun real ist oder bloße Imagination, bleibt ganz dem Publikum überlassen.
Mother, Couch wirft mit Lynch-esken Einfällen um sich und verliert sich zunehmend in einem surrealen Wahn, der ebenso faszinierend wie aneckend wirkt. Der unkonventionelle Erzählfluss, die bewusst entrückte Figurenzeichnung und die subtile Entstellung vermeintlicher Alltäglichkeiten passen sich gelungen dem Geist des eigenwilligen Ausnahmeregisseurs an, der sich konsequent gegen vorgeschriebene Lesarten wehrte. Zwar erreicht man nie vollständig das offenkundig anvisierte Niveau – doch gerade in seiner Ambition und Mut zur Irritation liegt die Essenz des Dramas. Letztlich zählt allein der Versuch und der zahlt sich aus.
Mehrdeutig wie Aster
Auf narrativer Ebene verweigert sich Mother, Couch einem klaren Aufbau. Es gibt keine klassische Kohärenz, kein eindeutig ausformuliertes Ziel – stattdessen wirkt vieles wie ein großer Blick ins Leere. Niclas Larsson gelingt ein fabelhaftes Kopfkino und eine untypische Genreanordnung, die mit zunehmender Laufzeit immer weiter zerfasert. Zwischen Drama, untypischer Comedy und Horror-Einfällen entpuppt sich der Film als eine regelrechte Metaphern-Schlacht, die dem Publikum Bilder und Andeutungen ohne greifbare Auflösung liefert.
Dabei verschmelzen in bester Ari-Aster-Manier die Genres beinahe miteinander. Zwar werden Themen nur angerissen und nie explizit ausgesprochen, doch gerade dadurch gewinnen sie an Gewicht: Geht es um Demenz, um familiäres Erbe und das Unvermögen loszulassen? Geht es umm Depression, um die Sehnsucht nach Nähe oder gar um suizidale Gedanken? Larsson wirft große Fragen in den Raum, überlässt deren Deutung jedoch vollständig dem Publikum. Der Regisseur macht es sich stellenweise etwas zu leicht, greift tief in die Metaphern-Trickkiste und vertraut darauf zu, dass schon genug beim Zuschauer hängen bleiben wird. So entfaltet sich in bester A24-Form ein Film zwischen Ambition und Beliebigkeit.

Couch-Kammerspiel im Möbelhaus-Minimalismus
Getragen wird diese Genreüberraschung von einem fantastischen Cast. Ewan McGregor, Rhys Ifans, Taylor Russel, F. Murray Abraham und Ellen Burstyn verleihen dem Film Leben, liefern tragische Performances und transportieren jede Menge Subtext. Sie beweisen allesamt eindrucksvoll ihr schauspielerisches Talent. Gerade McGregor, der auch als Executive Producer hinter dem Projekt steht, merkt man Einsatz und Charisma in jeder Szene an: Sein Spiel ist minimalistisch, fast theatrisch reduziert, wirkt dabei jedoch nie aufgesetzt oder dick aufgetragen. Auch Taylor Russell und Rhys Ifans setzen starke Akzente in Nebenschauplätzen, verleihen dem Geschehen mit einer Mischung aus Präsenz und Distanz zusätzliche Tiefe und tragen zu einer Entrückung aktiv bei – ohne den narrativen Faden ganz zu verlieren.
Ellen Burstyn wiederum wird zum ruhenden und ungreifbaren Mittelpunkt des Films. Zwar ist ihre Anwesenheit auf das Sitzen auf der titelgebenden Couch reduziert, doch allein mit Mimik, Haltung und Stimme bringt sie ihre Filmkinder auf charismatischsten Wegen zur Verzweiflung. Mit sichtbarer Spielfreude wertet sie die Prämisse spürbar auf und verleiht dem Kaufhaus-Kammerspiel jene Gravitas, die es schlussendlich zusammenhält.
© Lighthouse Films
Unser Fazit zu Mother, Couch
Das Platznehmen lohnt sich. Mother, Couch ist eine respektable Genre-Spielerei, die zwischen großen Vorbildern und persönlichen, nahbaren Themen changiert und dabei wie ein Film aus der A24-Hochphase wirkt. Wirklich eigene Töne findet das Drama in seiner großen Metaphern-Schau zwar nur punktuell – und kommt damit ein paar Jahre zu spät. Doch mit welcher Fingerfertigkeit und schauspielerischen Präsenz dieses Theaterstück ausgeführt wird, überzeugt auf ganzer Linie und bietet großes Kino für Zuhause. Etwas langatmig, aber nie langweilig – ebenso weird wie ungreifbar. Von den Ansätzen geht nicht jeder auf, doch genug, um ein eigenwilliges Kammerspiel-Spektakel zu erhalten, das sich unter Arthouse-Freunden problemlos empfehlen lässt.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

