Für Regisseur Sébastien Vaniček müssen Filme spürbare körperliche Reaktionen auslösen. Nach der Sichtung soll das Publikum erschöpft sein – mitgenommen von der Intensität des Geschehens. Wird er diesem Anspruch in seinem Langfilmdebüt Spiders – Ihr Biss ist der Tod gerecht?

Die Inhaltsangabe von Spiders – Ihr Biss ist der Tod
Kaleb (Théo Christine) lebt in einem baufälligen Hochhaus nahe Paris. Seit seiner frühesten Kindheit faszinieren ihn Insekten, Spinnen und Reptilien. Einige Exemplare bevölkern daher auch sein schäbiges Zimmer – sehr zum Ärger seiner Schwester Lila (Sofia Lesaffre). Beim Besuch eines örtlichen Hehlers entdeckt Kaleb eine ihm unbekannte Spinnenart und nimmt sie sofort mit nach Hause, ohne zu ahnen, welche Gefahr damit über die Hausgemeinschaft hereinbricht.
Pfui, Spinne
Um einen Titel wie Spiders – Ihr Biss ist der Tod werden Arachnophobiker:innen wohl einen weiten Bogen machen. In der Filmtoast-Rezension zum Schocker Itsy Bitsy beschreibt der geschätzte Kollege Tobias Theiß passend, warum Spinnen aufgrund ihrer einzigartigen Anatomie oft Angst und Ekel auslösen und weshalb sie in Horrorfilmen immer wieder eine Renaissance erleben. Regie-Debütant Sébastien Vaniček sieht das jedoch anders und möchte Horrorfans eine neue Perspektive auf die Achtbeiner eröffnen. Statt sie nur auf ihre Gefährlichkeit zu reduzieren, will er ihre Eleganz und Schönheit in den Vordergrund stellen. Sie sind nicht die Monster, sondern im Grunde die Opfer – aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, in ein fremdes Territorium gebracht und gezwungen, sich anzupassen, um zu überleben.
Daraus „entspinnt“ sich eine interessante Analogie: Die Spinnen werden mit Menschen gepaart, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben und in einer Gesellschaft überleben müssen, die sie ausgrenzt. Dieser politische und ökologische Subtext spiegelt sich in der Handlung allerdings kaum wider, denn Spiders – Ihr Biss ist der Tod ist im Kern ein klassischer Genrebeitrag – und das ist eine seiner Stärken.
Stringenter Faden statt komplexes Handlungsnetz
Vaniček und sein Co-Autor Florent Bernard halten sich strikt an den klassischen Aufbau eines Creature-Features: Zunächst wird die Bedrohung eingeführt, dann lernt das Publikum die Protagonisten und ihre Umgebung kennen, bevor beide Parteien in verschiedenen Setpieces aufeinandertreffen – bis es im finalen Showdown zur absoluten Eskalation kommt. Natürlich lässt sich dieser schematische Ablauf kritisieren und wirklich Neues wird dem erfahrenen Genre-Fan nicht geboten, doch erstaunlicherweise kommt das Festhalten an den Genreregeln der dünnen Story zugute.
Das liegt vor allem an der routinierten Inszenierung – kaum zu glauben, dass hier ein Debütant am Werk war – die gekonnt mit Abscheu und Ekel vor Spinnen arbeitet, trotz aller Beteuerungen, die Achtbeiner nicht zu Monstern zu stilisieren. Immer wieder nutzt er das Genrewissen und die damit verbundene Vorstellungskraft des Publikums: Er teasert präzise an, was gleich passieren wird, schneidet auf entsetzte Gesichter, sodass sich die Panik überträgt, nur um dann das Grauens in aller Ausführlichkeit zu präsentieren. Ein Effekt, der sich über die gesamte Laufzeit kaum abnutzt, da sich der Horror stetig steigert. Lediglich im Finale gelingt ihm dieser Kniff nicht mehr ganz so punktgenau, weil die Glaubwürdigkeit des Geschehens zugunsten überlebender Figuren zu sehr strapaziert wird und die Arachnoiden genregemäß zu überhöhten Kreaturen mutieren, um der ökologischen Grundbotschaft nicht zu widersprechen.

Zerfall trifft auf Befall
Dass die Horror-Elemente trotz des bekannten Ablaufs so gut funktionieren, liegt auch am perfekt gewählten Setting und dem guten Cast. Gedreht wurde in den Arènes de Picasso im Pariser Vorort Noisy-le-Grand – einem optisch prägnanten Bau, in dem sich viele Sozialwohnungen befinden. Dieser Mikrokosmos wird stimmig eingeführt, sodass man in kurzer Zeit die Örtlichkeiten verstanden hat. Umso eindringlicher ist dadurch der Nachher-Vergleich, wenn diese nach und nach von den Spinnen besiedelt werden. Am besten gelingt dies in einer Kellersequenz: Die Protagonisten müssen einen Gang durchqueren, der von einer zeitlich gesteuerten Lichtquelle erhellt wird. Schon bei der Einführung des Raumes erahnen nicht nur findige Genregucker, welcher Wahnsinn hier später stattfinden wird.
Die von Enge und Zerfall geprägten Sets erwachen durch ihre Bewohner zum Leben. Wie im Horrorgenre üblich, bekommen diese nicht viele Charaktereigenschaften, bleiben aber trotzdem in Erinnerung. Sie sind keine Abziehbilder, sondern wirken lebensecht und schaffen es dadurch, glaubhaft eine mehr oder minder funktionierende Sozialgemeinschaft zu imitieren. Der Abgang einer Person tut – bis auf eine Ausnahme – nicht nur den Protagonisten weh, sondern auch den Zuschauenden.
© Plaion Pictures
Unser Fazit zu Spiders – Ihr Biss ist der Tod
Spiders – Ihr Biss ist der Tod ist – wie es der Titel vermuten lässt – ein lupenreines Creature-Feature. Wer eine gewisse Abscheu vor Spinnen besitzt und ein wenig unter Klaustrophobie leidet, wird nach der Sichtung tatsächlich ausgelaugt sein. Regisseur Sébastien Vaniček beherrscht die Grundregeln des Genres und weiß, wie man Panik, Terror oder Entsetzen in den Köpfen auslösen kann. Dies wird er wohl auch in seinem nächsten Projekt – Evil Dead Burn – unter Beweis stellen. Wer dafür allerdings nicht empfänglich ist, wird sich aufgrund des schematischen Ablaufs vielleicht etwas langweilen, denn Überraschungen, Subtext oder Genrebrüche sucht man hier vergebens.
Spiders – Ihr Biss ist der Tod ist ab dem 27. Februar 2025 im Heimkino erhältlich.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

