Umweltskandale sind zwar bislang nicht allzu häufig verfilmt worden, aber wenn dann mit viel Anklang seitens der Kritik. Jetzt widmet Netflix einem großen Fall aus Großbritannien mit Toxic Town eine entsprechende Aufarbeitung. Kann die Serie die Stärken der Vorgänger aufgreifen?

Toxic Town– Die offizielle Handlung
In Toxic Town wird einer der größten Umweltskandale Großbritanniens thematisiert. Erzählt wird die Geschichte der Menschen, die von den Altlasten von Corby persönlich betroffen sind. Im Mittelpunkt der Serie stehen die Mütter, die gegen übermächtige Gegner jahrelang für Gerechtigkeit kämpfen, als die schreckliche Wahrheit ans Licht kommt.
Ein Denkmal für die Mütter von Corby
In einer der ersten Szenen besucht ein junger Kontrolleur die Stahlfabrik in Corby. Niemand hält sich an die Sicherheitsvorkehrungen, keine trägt Schutzmasken, der Umgang mit den Gefahren ist lax, keiner scheint zu realisieren, wie bedrohlich die Gifte sind, die hier schlummern. Nicht nur die lockere Handhabe in verantwortungsvollen Jobs macht hier von Beginn an deutlich, dass es hier zu einem Großteil um schadhafte Aktionen aus Unwissenheit geht, auch die erstmal ziemlich legere Einführung der Akteure untermauert dies. Die einen werden in der Karaokebar vorgestellt, andere in Unterhose bekleidet im Vorgarten, eine weitere zentrale Figur hingegen erhält direkt im ersten Auftritt die Nachricht ihrer Schwangerschaft. Ein ganz normales Miteinander, ganz normale Menschen und Schicksale, verbunden aber in ihrem Ausgeliefertsein und der Ahnungslosigkeit darüber was erst Jahre später wissenschaftlich ermittelt werden wird.
Und wie geht’s jetzt weiter?!
Toxic Town ist extrem nah dran an den Menschen vor Ort, lässt dadurch ihre Lage unmittelbar und nachvollziehbar erscheinen. Gleichzeitig bekommt man durch die verschiedenen Perspektiven einen allumfassenden Blick auf das Ausmaß, der den Protagonisten selbst so nicht möglich ist. Die Dimension der ganzen Geschichte entrollt sich erst in der ambivalenten Zusammenstellung der Einzelschicksale, doch damit schlägt die Serie dann auch tief in die Magengrube des Publikums. Mit der sich schrittweise in ihrem Ausmaß entfalteten Katastrophe hat diese Miniserie mit ihren vier Episoden tatsächlich große Ähnlichkeiten zur herausragenden HBO-Produktion Chernobyl – und kann dem Vergleich sogar auch qualitativ über weite Strecken statthalten.
Während nämlich Chernobyl nicht nur eine Nacherzählung einer unfassbar grausamen Unglücksgeschichte war, ist auch Toxic Town keine dokumentarisch-fiktionale Aufarbeitung wahrer Begebenheiten, sondern ein filmisches Denkmal der Leidtragenden, aber eben auch der Mutigen, die sich der Ungerechtigkeit entgegenstellten.
Geht tief unter die Haut
Die Protagonistinnen sind Frauen, die ein tragisches Los teilen: Sie alle bekommen Kinder, die wegen der Vergiftung unter Missbildungen leiden. Die Fragen, die solch eine Situation mit sich bringt, sind schwer nachvollziehbar, wenn man nicht selbst in einer ähnlichen Lage war. Doch wie die Darstellenden es schaffen, die inneren Konflikte und die ganze Emotions-Klaviatur zu transportieren, ist herausragend. Sie ergeben sich nicht wehrlos, verlieren die Liebe für ihre Kinder nie, sind bereit als David gegen den industriellen Goliath anzutreten. Mit kleinen Momenten kreiert die Miniserie Gänsehaut fast im Minutentakt. Toxic Town geht durch Mark und Bein und unter die Haut.
Du hast nichts falsch gemacht.
Jodie Whittaker und Aimee Lou Wood sind wohl die bekanntesten Namen unter den Protagonisten und sie machen mit ihren Performances einen Großteil der Qualität der Show aus. Aber auch der Nebendarsteller-Cast mit Robert Carlyle, Rory Kinnear oder Joe Dempsie punktet mit authentischen Darbietungen. Zwar ist auch hier, ähnlich wie bei FX’s Dopesick an der ein oder anderen Stelle hier dramaturgisch leicht manipulierend gearbeitet worden, um die intendierten Gefühle mit Nachdruck beim Publikum herauszukitzeln, aber das sei verziehen, ist es der Emotionalität des Themas schier angemessen.
Auf den Spuren von Erin Brockovich
Die erste Episode stellt uns erstmal vor die nackten Tatsachen. Die Betroffenen wissen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass die Beeinträchtigungen ihrer Babys auf die Schadstoffbelastung in Corby zurückzuführen sind. Dann aber dämmert peu á peu die grausame Wahrheit und die Serie wird von einem reinen Schicksalsdrama zu einem Justizthriller. Dieser Übergang gelingt auf allen Ebenen grandios. His Dark Materials-Showrunner Jack Thorne bringt hier seine ganze Erfahrung in Sachen spannender Inszenierung ein: Die Musik dringt sich dabei zwar sehr oft in den Vordergrund, ist aber immer passend gewählt und der Stimmung zuträglich.
Wir kriegen das hin.
Ab Folge zwei kommt ein Journalist ins Spiel, der die Theorie der Verunreinigung als Ursache für die missgebildeten Säuglinge aufbringt und immer weiter zur Wahrheit macht. Fortan geht es auch nicht mehr nur deprimierend zur Sache, sondern der Widerstand keimt auf und gleichsam beginnt man als Zuschauer, mental Beistand leisten zu wollen, damit den Betroffenen Gerechtigkeit – soweit eben überhaupt möglich – zuteil wird. Dass die Protagonistinnen dabei auch Ecken und Kanten haben, keine mustergültigen Gutmenschen sind, kommt dem Realismus zugute. Mit einer Erin Brockovich fiebert man eben mehr mit als mit einer Heiligen.

© Netflix
Unser Fazit zu Toxic Town
Auf den Spuren von Chernobyl, Dopesick und Co. ist Toxic Town ein weiterer Beweis dafür, dass die Realität mitunter der spannendsten, weil tragischsten, Stoffe schreibt. Daraus aber auch so gute, immersive und emotional packende Serien zu schöpfen, ist die wahre Kunst, die hier zweifelsohne wieder geschaffen wurde. Mit vier Folgen genau richtig lang, mit einem Cast, der sich für die nächste Award-Season schon jetzt in Stellung bringt und mit einer herausragenden Musikauswahl ist die Miniserie ein absoluter Tipp auf Netflix - und ein Kandidat für die Bestenlisten 2025.
Toxic Town startet am 27. Februar 2025 bei Netflix!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

