Helena Zengel ist seit Systemsprenger auf dem Radar auch von Hollywoodstudios und großen Regisseuren. Entsprechend keine Überraschung, dass sie an der Seite von Vielarbeiter Willem Dafoe nun in The Legend of Ochi von A24 zu sehen ist. Doch gelingt ihr ein weiterer Erfolg mit Unterstützung von Dafoe?
The Legend of Ochi – darum geht’s
Die eigensinnige Yuri (Helena Zengel) lebt mit ihrem Vater (Willem Dafoe) auf einer abgelegenen Insel namens Carpathia. Von klein auf schärft man ihr ein, sich vor den geheimnisvollen Tierwesen der Insel, den Ochi, zu fürchten. Doch als Yuri ein einsames Baby-Ochi findet, kommen ihr Zweifel an der Gefährlichkeit der Wesen. Sie lässt ihr Zuhause hinter sich, um das Ochi zurück zu seiner Familie zu bringen, und erlebt das größte Abenteuer ihres Lebens.
Von vergessenen Abenteuern
Das Fantasyabenteuer entführt die Zuschauer zielstrebig in eine artifizielle, surreale und sehr schwer greifbare Welt. Eine Welt voller fantastischer Kreaturen, Ghibli-artigen Wesen und einer heutzutage ungewöhnlich künstlichen Ästhetik, die immer wieder durch klassische, geerdete Themen und Motive wie Autos, Supermärkte oder Schulen gebrochen wird. Trotz der zunächst befremdlich wirkenden Szenen wirkt jene Welt nicht völlig entrückt, denn schon in den ersten Momenten kristallisiert sich eine klare Haltung oder Ablehnung heraus.

Regisseur Isaiah Saxon präsentiert seinem Publikum eine anspruchsvolle Variante des altmodischen Kinder-Abenteuerfilms – und damit ein Pendant gängiger Kassenschlager des heutigen Kinderpublikums: reduziert, entschleunigt, limitiert. Das gesamte Geschehen wirkt eigenartig verschroben – sei es durch die Figuren, die Bildkompositionen oder Saxons besondere Inszenierung, mit der er einen eigenen Rhythmus, einen ganz eigenen Fluss etabliert. Denn einen Film wie The Legend of Ochi hat man zuletzt in den frühen 1990er-Jahren gesehen – und Unterhaltung wie diese erhält man in dieser Form schlicht und ergreifend nicht mehr.
In einem Film vor unserer Zeit
Zwar lassen sich klare Vorbilder und Reminiszenzen erkennen, doch wirken diese nicht störend, sondern vielmehr wie gutgemeinte Verweise. Sie stärken die emotionale Wirkung – man fühlt sich angekommen. Von Die Goonies über E.T. bis In einem Land vor unserer Zeit versprüht The Legend of Ochi kindliche Naivität, Abenteuerlust und Freude an der Gemeinschaft. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, über das Lernen und den Zusammenhalt. Saxon taucht ein in eine Welt, in der nichts mehr gut zu sein scheint. Es gibt einen Konflikt, eine Furcht: Bedrohliche Wesen terrorisieren das Kleinstadt-Dasein – bis Verständnis einkehrt.
Es kommt zu einem Erstkontakt mit den Wesen. Aus Mythen wird Wahrheit, und die junge Yuri erkennt das große Ganze. Es sind nicht die Wesen, die böse sind. Und anhand dieses E.T.-Bausatzes entspinnt sich eine Reise durch Wälder und über Berge, durch Flüsse und Höhlen. Besonders die Cinematografie sticht hervor: dynamische Kamerafahrten durch eine beeindruckende Szenerie, über der man omnipräsent den Überblick behält. Wenn die Kamera über Klippen linst, Häuser und Menschen klein erscheinen lässt, wenn Figuren die unendlichen Weiten erkunden und mythische Orte, satte Farben und malerische Hintergründe gezeigt werden, fühlt es sich an wie früher. Auch die praktische Darstellung der Ochi überzeugt: Fantastische Puppen verleihen Wertigkeit.
The Legend of Ochi nimmt man zu jeder Sekunde ab, dass er zwischen Goonies und dem bekannten Außerirdischen hätte erscheinen können. Das körnige Bild, der Ton, die Inszenierung und der Rhythmus, mit dem hier eine Geschichte erzählt wird, die Klein und Groß packt – all das fühlt sich an wie damals. Zwar wird stellenweise etwas zu oft ins Repertoire des „Kennste? Kennste?“ gegriffen und manche Anspielung wirkt weniger wie eine Eigenleistung, doch wie heißt es so schön: „Besser gut geklaut als schlecht neu gemacht.“
Willem Dafoe und seine Kinderarmee
Und dennoch ist das, was Saxon neu und eigenständig macht – gar weiterdenkt – ein hervorragender Schachzug. Denn Willem Dafoe wird einmal mehr zum Scenestealer. Besonders im ersten Akt fällt The Legend of Ochi aus allen Wolken. Sobald Dafoe in alter Rüstung und mit Speer, seine Kinderarmee im Schlepptau, durch den Wald rennt, im Auto sitzt oder Ansprachen hält, kommt man aus dem Lachen kaum heraus. Es wird ein schmaler Grat zwischen vollkommen absurd und herrlich komisch ausgelotet. Der Regisseur weiß, was zu tun ist, und vertraut ganz auf Dafoes Performance, der in jeder Szene vollkommen einzigartig und so untypisch ist, dass man im Nachhinein allein für diese Momente dankbar ist.

Doch auch Hauptdarstellerin Helena Zengel liefert richtig gutes Schauspiel und trägt den Film. Ihre Stärke liegt in der Ausdruckskraft – mit Augen und Bewegungen mehr zu sagen als mit Worten – und das fasziniert. Ihrem Abenteuer zu folgen, einem Wesen dabei zu helfen, nach Hause zu finden, entwickelt sich zu emotionalem Genrekino. Denn ihr wird einiges abverlangt: Sowohl körperlich als auch emotional wird sie auf die Probe gestellt. Sie muss sich entscheiden – folgt sie ihrem eigenen Verlangen oder dem ihrer Familie? Und dadurch kommt auch Finn Wolfhard, ein weiterer großer Name im Cast, vereinzelt ins Spiel. Er und weitere unbekannte Kinderdarsteller bekommen zwar nette Momente, bleiben im direkten Vergleich zu Dafoe und Zengel jedoch kaum genutztes Beiwerk.
© Plaion Pictures
Unser Fazit zu The Legend of Ochi
Mit Leichtigkeit zaubert Regisseur Saxon einen der schönstgefilmten Filme des Jahres auf die Leinwand. The Legend of Ochi ist ein Werk voller Magie, voller märchenhafter Szenen, fantastischer, toll getrickster Wesen und spannend gezeichneter Figuren. Besonders die Dynamik im ersten und letzten Akt, die beeindruckenden, dabei aber bedacht eingesetzten Schauwerte sowie die großen Darstellerleistungen überzeugen. Zwar ist der Fantasyfilm nicht ganz ohne Schwächen, denn im zweiten Akt wird dem Rhythmus der ersten 40 Minuten kleinbeigegeben, doch das macht dem Gesamterlebnis kaum Abbruch. Als Reminiszenz an The Goonies und In einem Land vor unserer Zeit – oder als Neuinterpretation von E.T. – schöpft der Film aus dem Vollen.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

