Der französische Schauspieler und Regisseur Gilles Lellouches liefert mit Beating Hearts eine epochale Liebeserklärung an jugendlichen Rausch, den Mut zum Wandel und das Leben und die Liebe selbst ab!
Die Handlung von Beating Hearts
Jackie (Mallory Wanecque) trifft auf dem täglichen Schulweg immer wieder auf den draufgängerischen und unangepassten Clotaire (Malik Frikah). Beide Jugendliche stammen aus grundlegend verschiedenen Lebenswelten – Jackie ist Einzelkind mit alleinerziehendem Vater, der sich rührend um Jackies Zukunft sorgt; Clotaire hingegen ist eines von vielen Kindern in einem sehr dynamischen Haushalt eines Sozialbaus. Clotaire, ab Sekunde eins von Jackie angezogen, läuft dabei aber erstmal gegen Windmühlen an, denn Jackie findet so gar nichts an dem trotzigen und pöbelnden Tagträumer. Doch zunehmend ist sie von seiner rebellischen Art fasziniert. Es folgt ein intensiver Sommer voll jugendlicher Freiheit und Liebe…bis dieses unbeschwerte Leben jäh unterbrochen wird. Zehn Jahre später treffen Jackie (Adèle Exarchopoulos) und Clotaire (François Civil) erneut aufeinander – und leben einmal mehr in völlig unterschiedlichen Welten…
Gegensätze ziehen sich an
Gilles Lellouches neuester Film Beating Hearts kann getrost als Epos bezeichnet werden. Denn nicht nur die Laufzeit gestaltet sich mit fast drei Stunden kolossal, auch inhaltlich und inszenatorisch lässt sich Lellouche nicht lumpen. Beating Hearts vereint viele Genre, Ansätze und Stimmungen in seiner sich über Jahre erstreckenden Handlung. Der Prolog deutet bereits an, dass hier später noch knallhartes Gangstermilieu Einzug halten wird. Bis dahin beleuchtet der Film aber die völlig verschiedenen Lebensumstände seiner beiden Protagonisten und präsentiert sich als feinfühlige und intime Coming of Age-Erzählung.
Jackie wächst unter der Obhut ihres alleinerziehenden Vaters in einem behütenden Umfeld auf, welches bestrebt ist, sie nach besten Möglichkeiten auf ihrem Weg zu unterstützen und zu fördern. Dabei gelingt es Mallory Wanecque wunderbar, der jungen Jackie Authentizität zu verleihen. Sie wirkt in genau den richtigen Momenten selbstsicher und bestimmt, an anderer Stelle dann wieder überfordert und unsicher. Durch ihr sich sorgendes Elternhaus mit klarem Fokus auf Leistung, ergibt es Sinn und ist überaus nachvollziehbar, dass sie die Clotaires laissez faire-Einstellung anziehend findet.
Dessen unsteter und impulsiver Charakter, stellt das komplette Gegenteil Jackies dar. Ist sie weitestgehend unabhängig in ihren Entscheidungen und tritt intelligent auf, wirkt Clotaire rast- und ziellos. Immer auf der Suche nach Bestätigung und der Furcht übersehen zu werden, hat er sich für ein lautes und gewalttätiges Leben entschieden. Die Ecken und Kanten der Figuren lassen diese besonders plastisch und echt wirken – Jackie heißt den gewaltbereiten und selbstzerstörerischen Weg Clotaires nicht gut, doch beide arrangieren sich durch ihre unbändige Liebe mit den Fehlern des anderen.
Diese jugendliche Leichtigkeit; diese jugendliche Unbeschwertheit eines lauen Sommers fängt Beating Hearts in den ersten 90 Minuten fantastisch ein. Inszenatorisch bewegt sich Lellouche dabei genauso entfesselt, wie die jungen Liebenden: Dynamische Kamera, Warme Farbtöne, sonnenglänzende Sommerabende, selbst kleine Musical- und Tanzchoreographien finden ihren Weg in den Film und sorgen für einen einzigartigen und unausweichlichen Sog in dieses Jugenddrama.

Zukunftsmusik
Dieser Sog spuckt sowohl Protagonisten als auch Zuschauer 10 Jahre später wieder aus: Clotaire kehrt in seine Heimat zurück und begibt sich auf die Suche nach Jackie, die zwischenzeitlich jedoch mit dem erfolgreichen Geschäftsmann Jeffrey liiert ist. Schnell scheint es, als ob sich die Rollenverteilung zwischen Jackie und Clotaire einmal vertauscht hätte. Sie ist es nun, die ziemlich planlos in ihren Tag hineinlebt und keine Erfüllung in einem eigentlich sorglosen Leben findet. Er hingegen hat konkrete Ziele vor Augen, welche er mit aller Kraft erreichen möchte.
Der jugendliche Frohsinn und die Annahme, alles sei möglich und man selber unschlagbar, werden 10 Jahre später jedoch mit aller Härte von der Realität eingeholt. Besonders Clotaire, dem Bildung und ein Zukunftsinvestment stets unnütz erschienen, steht nun vor den Trümmern seines früheren Lebens. Nichts außer seiner unerschöpflichen Liebe gegenüber Jackie lässt ihn einen Sinn in seinem Treiben erkennen – und die Rache an seinen ehemaligen Weggefährten. So sind es doch wieder Emotionen und Impulse, die Clotaires Handeln bestimmen. Bis er in einer exemplarischen Szene selbstbestimmt die Abkehr von seinem alten Lebensweg vollzieht.
Hier wird auch wieder Lellouches Händchen für das Besondere, das Magische, die kleinen Gesten deutlich. Denn anders als im kurzen Prolog angedeutet, nimmt die Geschichte eine gänzlich neue Wendung und umschifft damit gekonnt Genrekonventionen und Erwartungen des Publikums. Trotz der Verlagerung zum Crimethriller stehen in Beating Hearts noch immer die Figuren und deren Schicksale im Vordergrund. Weshalb der gewählte Weg mitsamt seinem für das Subgenre eher untypischen Ausgang auf wohlig warme Weise zufriedenstellt.

Starke Darsteller
Besonders hervorzuheben sind die darstellerischen Leistungen aller Beteiligten, was ganz speziell für die Darsteller von Jackie und Clotaire im Jugendalter gilt. Die Sogwirkung der ersten Filmhälfte hat vieles den authentisch aufspielenden Jungdarstellern zu verdanken. Sie spielen die heranwachsenden Teenager gleichermaßen fragil und verletzlich, aber dann auch wieder unglaublich stark und felsenfest in ihren Überzeugungen und Versprechungen.
Da Beating Hearts sehr von den jungen Darstellern vereinnahmt wird, lief der Film Gefahr, sein Publikum mit dem Zeitsprung zu verlieren – oftmals stellt es sich für die Zuschauer als irritierend heraus, wenn mitten im Film eine Rolle von verschiedenen Darstellern verkörpert wird. Doch Lellouche glückt diese Gratwanderung mit seinem Ensemble. Gemeinsam mit Jackie und Clotaire wächst man mit den Figuren und beobachtet deren Reifeprozesse wie ein entferntes Familienmitglied.
Doch nicht nur die jungen Schauspieler liefern ab, sondern auch deren volljährigen Rollen-Pendants. Adèle Exarchopoulos (Blau ist eine warme Farbe) schafft es problemlos, die Extreme Jackies glaubhaft zu verkörpern: Ihre Selbstbestimmtheit, aber auch ihre Unsicherheit; ihre Unzufriedenheit und Leere in einer scheinbar heilen Welt, aber eben auch die jahrelang unterdrückte Enttäuschung, gepaart mit ungestilltem Verlangen. François Civils (Die drei Musketiere ) Cotaire hingegen ist der vom Leben Abgehängte. Nichts außer Worten der Sehnsucht hat ihn die Jahre durchstehen lassen. Der einst so impulsive Jugendliche findet endlich, was ihn erfüllt und möchte daran festhalten. Raus aus den alten Mustern und als reumütiger Erwachsener die ersehnte Erfüllung mit Jackie finden. Fast könnte man meinen, Beating Hearts stellt eine gegenwärtige Verbindung aus den Stoffen von Romeo und Julia oder Die Schöne und das Biest dar. Liebe ist eben zeitlos, hungrig und unnachgiebig pochend, wie ein schlagendes Herz.
© Studiocanal
Unser Fazit zu Beating Hearts
Beating Hearts stellt eine emotionale Achterbahnfahrt dar, die es problemlos schafft, die zeitlose Kraft einer jugendlichen Liebe in beeindruckende Bilder zu gießen, lässt diesen anfänglichen Coming of Age-Streifen eine Metamorphose zum Gangsterthriller durchlaufen und sich schlussendlich als Beziehungsdrama entpuppen.
Getragen von herausragenden Darstellern, einem fantastischen Soundtrack und einer fesselnden Atmosphäre vergeht die beachtliche Laufzeit von drei Stunden wie im Fluge. Man erwischt sich dabei, noch tiefere Einblicke in das jugendliche Leben Jackies und Clotaires erhaschen zu wollen: Doch irgendwann muss alles enden und der gewählte Ausgang stellt überaus zufrieden.
Beating Hearts ist von immenser Strahlkraft und pumpt, einem gesunden Herzen gleich, unaufhörlich im Takt der Emotionen. Kraftvoll, ehrlich, rau, gefühlvoll und ergreifend – aber niemals kitschig.
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

