In One Last Kill bekommt der ewige Nebencharakter des MCU endlich seine eigene Rachegeschichte. Doch ist der Film auch tatsächlich mehr als nur ein Daredevil-Epilog?
Darum geht’s in One Last Kill
Frank Castle sucht nach einer Bedeutung abseits der Rachsucht, doch eine unerwartete Macht zieht ihn wieder in den Kampf zurück.

Der Prototyp des Marvel-Antihelden
Allein schon das Pseudonym „Punisher“ ist schon Indiz dafür, dass in der ansonsten oft bunten Heldenriege der Marvel-Comics sich ein Frank Castle nicht so einfach einordnen lässt. Eingeführt in den Siebzigern in einem Spider-Man-Comic war er anfänglich ein Feind des Protagonisten, allerdings nur, weil er vom Superschurken Schakal manipuliert wurde, der diesem einredete, dass Spider-Man ein Verbrecher sei. Die Figur des Punishers war von Beginn an äußerst erfolgreich und hatte während der 1970er-Jahre Gastauftritte in mehreren Spider-Man-Heften und auch anderen Marvelserien. Kein Wunder also, dass schon in den Achtzigern die erste eigene Comic-Serie erschien, die sich auch einige Jahre hielt.
Doch in den Neunzigern erlebte die Popularität der Figur einen jähen Dämpfer, es folgten mehrmalige Neustarts, wobei die Origin-Story immer ähnlich blieb: Frank Castle war ein hochdekoriertes Mitglied der U.S. Marines. Seine Kinder wurden bei einem Picknick durch Zufall Zeugen eines Mafia-Mordes, und da sie keine Zeugen gebrauchen konnten, schossen die Mafiaschergen die gesamte Familie nieder. Nur Castle überlebte und schwor den Verbrechern Blutrache, wobei ihm seine Kenntnisse im Nahkampf, militärische Taktik und schweren Waffen zugutekamen. Und was ihn neben seinen militärischen Kenntnissen im Vergleich mit den meisten populären Marvel-Helden heraushebt, ist der Aspekt, dass er eben keine Superkräfte mitbringt, es aber in den verschiedenen Inkarnationen und Geschichten schon mit nahezu jedem mächtigen Gegner und Helden aufnehmen konnte.
Eine kleine Chronologie des Punishers in Film und Serie
- In der ersten Punisher-Verfilmung (The Punisher, 1989) wurde er von Dolph Lundgren dargestellt.
- Im Jahr 2004 kam ein neuer Film (The Punisher) in die Kinos, diesmal verkörperte Thomas Jane den Punisher. Gegenspieler war dort John Travolta.
- Im Jahr 2008 gab es unter dem Titel Punisher: War Zone eine Fortsetzung, jedoch mit Ray Stevenson statt Jane.
- In der zweiten Staffel von Marvel’s Daredevil, damals eine Zusammenarbeit von Netflix und Marvel Studios, übernahm dann Jon Bernthal die Rolle des Frank Castle. Durch die spätere Integration dieser Serienära in den Disney-Kanon handelt es sich de facto also um den ersten Auftritt der Figur im Marvel Cinematic Universe. Es erschienen dann sogar zwei Staffel von Marvel’s The Punisher mit Bernthal bei Netflix, 2017 und 2019. Dann wurde es wegen dem Aus der Marvel-Projekte mit dem roten N auch um den berüchtigten Vigilanten erstmal still.
- 2025 kehrte Bernthal im Rahmen der ersten Staffel von Daredevil: Born Again als Frank Castle zurück. Schon während diese Serie noch Woche für Woche ausgestrahlt wurde, verkündete Disney das Special, das nun hier besprochen wird: The Punisher: One Last Kill. Bernthal konzipierte selbst die grobe Handlung während der Dreharbeiten von Born Again, das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Reinaldo Marcus Green (King Richard), der ebenfalls als Regisseur engagiert wurde. Inspiration für die Handlung bezog Bernthal von der aus zwölf Ausgaben bestehenden Miniserie The Punisher (auch bekannt als Welcome Back, Frank, 2000–2001) von Autor Garth Ennis.

One Last Kill – Ist der Titel Programm?
Was ist nun aber dieses Disney-Plus-Special eigentlich? Ist es ein Spin-Off zu Born Again, wie es ja als eine Art Epilog dort in Staffel 1 angekündigt wurde? Ist es ein Nachklapp zur ursprünglichen Serie von Netflix? Oder ist es eher sogar eine Brücke, um geschichtlich wie tonal den Punisher für den bereits bestätigten Auftritt im neuen Spider-Man-Film mit Tom Holland Brand New Day in Stellung zu bringen – wann spielt diese Geschichte eigentlich – ?
Nun, gar nicht so einfach, im Wirrwarr des MCU mit einer so vermeintlich kleinen Figur zu operieren, die in jede Subwelt passt – und dank Bernthal unglaublich beliebt ist. Ich würde sogar sagen, dass inzwischen – neben Ryan Reynolds‘ Deadpool, Hugh Jackmans Wolverine und vielleicht noch Patrick Stewarts Charles Xavier – Bernthal einer der wenigen ist, der als Darsteller mit seiner Marvel-Figur so verschmolzen ist, dass er völlig unabhängig vom Status quo im großen Ganzen eine Carte Blanche hat und quasi überall reingeschrieben werden könnte, wenn er denn wollte. Umso schöner also, dass er aber nun erstmal dieses kleine Solo hier als Würdigung erhalten hat. Oder?
Zwischen den Stühlen und im luftleeren Raum
Wer bis hierhin gelesen hat, wird höchstwahrscheinlich gemerkt haben, dass mir an dieser Figur doch etwas mehr liegt als an anderen Comic-(Anti)helden und MCU-Charakteren. Umso mehr blutet mir nun nach der Sichtung von One Last Kill das Herz. Nicht weil dieser netto nicht mal 45-Minuten lange Parforceritt nun eine Katastrophe à la Iron Fist wäre. Nein, Reinaldo Marcus Green hat grundsätzlich schon die Essenz des Punishers sowohl bezüglich seiner Historie als auch im Korsett des MCU verstanden. Und auch in Sachen wirklich – teils unnötig – brutaler Action macht der kleine Film was her, wenn man mit der richtigen Erwartungshaltung bezüglich des Überschreitens moralischer Grenzen daran herangeht. Denn es wird nicht nur zum Teil sinnlos übertrieben gemetzelt, wobei immer wieder der alte Vorwurf der Glorifizierung von Waffengewalt aufkommen wird.
Vor allem in der Dynamik der Kameraarbeit ist man sehr deutlich auf John Wick-Spuren unterwegs, dabei aber nochmal eine deutliche Spur roher, um das Martialische der Titelfigur zu unterstreichen. Interessant ist hier vor allem die Entscheidung, dass man – womit man dann auch an The Raid reminisziert – die Handlung fast komplett im Freien und bei helllichtem Tag stattfinden lässt. Alles in allem fetzt die Action nach einer für die Lauflänge verhältnismäßig langen Einführung dann zumindest so, dass man als rein an den Schauwerten interessierter Fan der Ikone auf seine Kosten kommen wird.

Mein Problem ist daher ein inhaltliches bzw. funktionelles, denn wenn man sich eben daran zurückerinnert, wo Frank am Ende der ersten Staffel von Born Again war – und weiß, dass er nun irgendwie dahin gebracht werden muss, Teil in Brand New Day zu sein, dann wirkt One Last Kill insgesamt wie ein seelenlos dahingeklatschtes Scharnier, bei dem mehr angerissen als ausbuchstabiert, mehr behauptet als begründet, mehr sinnlos agiert als reagiert wird.
Was will man uns damit sagen?
Der Umgang mit der komplett verkorksten Psyche von Frank ist unausgereift, wirkt, nachdem der Charakter ja schon einen gewissen Weg hinter sich hat, eher redundant, zu diesem Zeitpunkt wie eine reine Behauptung. Speziell die ambivalente Beziehung von Frank zu Karen wird in einem Wimpernschlag angerissen, aber dann nichts daraus gemacht. Dafür bekommt man fiebertraumartige manische Sequenzen als Einblick ins ungelöste Trauma vorgesetzt, die einen keinen Schritt weiterbringen und letztlich wohl nur dazu dienen sollen, Frank in Stellung zu bringen, damit er mutmaßlich erstmal in einen Konflikt mit Spider-Man gerät ehe er dann – erwartbar – doch wieder wie ein Pendel gen Heldentum umschlagen darf.
Ich bin ehrlich: Nach One Last Kill weiß ich nicht wirklich, was ich damit nun anfangen soll. Ja, es ist schön, Bernthal in der Paraderolle einmal im Zentrum des Geschehens sehen zu dürfen. Aber ein bisschen was vom Mythos speziell der Inkarnation im MCU macht dieser Punisher dann auch kaputt.
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Unser Fazit zu The Punisher: One Last Kill
Auf Basis anderer, hoher Erwartung an ein Spin-off zu einer meiner Lieblingsfiguren der ganzen Comicwelt ist One Last Kill leider eine Enttäuschung. Fragwürdiger Umgang mit moralischen Fragen, sinnlose Gewalt und plumpe Figurenzeichnung auf Seiten der Gegenspieler waren zu befürchten, aber dass es so seelenlos wird, hätte ich nicht gedacht. Wegen objektiv betrachtet ordentlicher Action und einem Jon Bernthal, der selbst aus diesem dünnen Stoff noch das Maximum rausholt, kann man sich die Dreiviertelstunde schon geben, aber wirklich notwendig für die Zukunft bei Brand New Day oder gar die nächste Staffel von Daredevil ist dieser Kurzfilm wohl nicht.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

