Fünf mal war Daniel Craig im Geheimdienst ihrer Majestät unterwegs, aber nun immerhin auch schon zweimal als Detektiv Benoit Blanc – er scheint seine zweite Paraderolle gefunden zu haben. Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery ist nun also der dritte Fall für den Exzentriker, erneut starbesetzt und wendungsreich. Doch bekommt Rian Johnson diesmal den tonalen Spagat besser hin als in Glass Onion?
Darum geht’s in Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery
Der Priester Jud Duplenticy wird geschickt, um dem charismatischen Monsignore Jefferson Wicks zu helfen. Zu dessen bescheidener Gemeinde gehören die gläubige Kirchendame Martha Delacroix, der umsichtige Hausmeister Samson Holt, die angespannte Anwältin Vera Draven, der aufstrebende Politiker Cy Draven, der Stadtarzt Nat Sharp, der Bestsellerautor Lee Ross und die Konzertcellistin Simone Vivane. Als ein plötzlicher und unmöglich erscheinender Mord die Stadt erschüttert, kontaktiert die örtliche Polizeichefin Geraldine Scott (Mila Kunis) den renommierten Detektiv Benoit Blanc (Daniel Craig), um den Todesfall ohne offensichtlichen Verdächtigen aufzuklären.

Auf ein drittes!
Mit seinem ersten Knives Out-Film hat Filmemacher Rian Johnson maßgeblich zum Revival des Whodunnits beigetragen, dass dann in Serien- und Filmform mit schwankendem Erfolg Früchte trug: Poker Face, High Potential, Thursday Murder Club oder auch der unterschätzte See How They Run wären allesamt wohl ohne den Stein des Anstoßes nicht so gepushed worden. Doch wie schon bei seinem Star Wars-Projekt gingen mit Johnson für die Fortsetzung etwas die Ambitionen durch, sodass Glass Onion nicht alle Fans des oberflächlich klassischen Erstlings glücklich machte. Zu Benoit Blanc-zentriert, zu sehr auf die Eat the Rich-Schiene abgebogen, zu sehr Versteckspiel und zu wenig des verschrobenen Charme vom ersten Teil, lauteten die Vorwürfe, die mit Sicherheit nicht von der Hand zu weisen waren.
Doch Rian Johnson gilt als Egozentriker, der nur begrenzt auf die Resonanz von außen reagiert, seiner Vision treu bleibt – und manchmal erst recht kritischen Stimmen den metaphorischen Mittelfinger entgegenstrecken will. Und so war nun für den dritten Teil der Reihe, der zugleich das Ende des Netflix-Deals markiert, spannend zu beobachten, in welche Richtung sich dieses Krimiformat entwickeln/neu erfinden wird. Eines haben dabei die ersten Bilder aus der Promo direkt deutlich gemacht: Das Setting ist nun definitiv wieder nah dran an der ersten Geschichten im Herrenhaus – und damit auch der Tonfall?

Wer diesmal dabei ist
- Daniel Craig als Benoit Blanc
- Josh O’Connor als Reverend Jud Duplenticy
- Glenn Close als Martha Delacroix
- Josh Brolin als Monsignore Jefferson Wicks
- Mila Kunis als Polizeichefin Geraldine Scott
- Jeremy Renner als Dr. Nat Sharp
- Kerry Washington als Vera Draven
- Andrew Scott als Lee Ross
- Cailee Spaeny als Simone Vivane
- Daryl McCormack als Cy Draven
- Thomas Haden Church als Samson Holt
Wo bleibt Blanc?
Was im ersten Film unter der Netflix-Ägide Daniel Craig bereits im ersten Bild dabei, so muss man sich nun in Wake Up Dead Man verhältnismäßig lang gedulden ehe der Headliner die Bühne betritt. Doch das Vorprogramm ist diesmal genau richtig zusammengestellt, damit man sich erst so richtig auf den Main Act einlassen kann. Denn bis Benoit Blanc etwa nach einer Dreiviertelstunde ins Geschehen tritt, erfahren wir diesmal wesentlich mehr Backgrounds zu den Ereignissen davor, lernen die schrägen Figuren besser durch die eigenen Augen und nicht Blancs Brille kennen, wodurch von Beginn an hier eine andere Form von Seriosität an den Tag gelegt wird.
Und so gelingt im dritten Fall das, was in Teil 2 mit der Janelle Monáe Figur nicht so ganz aufgehen wollte: Wir bekommen mit Josh O’Connors Reverend Jud einen waschechten zweiten Protagonisten – und auch die anderen Figuren sind diesmal wieder durch die Bank weg mehr als Abziehbilder, Klischee-Klopse und Bauern auf dem Whodunnit-Schachbrett.
Ein Haufen verrücktere Charaktere…
Und was auch ein Problem des zweiten Teils war, war die etwas befremdlich abgelegene Milliardärs-Insel, die zwar in der Corona-Zeit als Projektionsfläche gut funktionierte, aber streng genommen eigentlich ein ziemlich ödes, kaltes Setting war. Nun geht man hiervon weiter weg, wie es weiter weg kaum ginge: Von der Tech-Mogul-Fantasie ins Sakrale.
Und selbstverständlich hat auch hier wieder der Schauplatz mehr als nur Kulissenfunktion, sondern zahlt auf das Thema ein, mit dem sich der dritte Teil nun auf der Subebene recht kritisch auseinandersetzt. War Glass Onion eine recht plumpe Anprangerung des abgehobenen Konsum-Lifestyles der Geldelite, so nimmt sich Johnson nun dem ungleich komplexeren Themenkomplex des kirchlichen Glaubens – und all der sich dort angehäuften Kritikpunkte – an. So ist es dann natürlich ein „etwas“ vom Weg abgekommener Geistlicher, der hier zum Mordopfer wird, genial gespielt von Josh Brolin, der hier gänzlich konträr zu seiner warmherzigen Aura vergangener Jahre (abgesehen von Thanos) performed. Ein Highlight dabei sind seine inbrünstigen Predigten – und vor allem die Beichten gegenüber seinem jungen, verhassten Kollegen.
… in einem nicht ganz so verrückten Setting
Doch nicht nur Brolin spielt wieder einen Knives Out-typischen etwas überzeichneten Charakter, auch die anderen namhaften Stars wirken oberflächlich wieder wie ein Cluedo-Kabinett möglichst auffälliger potenzieller Verdächtiger. Doch diesmal – durch die erwähnte Einführung – wirkt die kleine, verkommene Gemeinde des manipulativen Priesters wie ein Haufen echter Personen mit Tiefe und Geheimnissen, denen ein Benoit Blanc dann auf die Schliche kommen muss.
Nicht alle bekommen naturgemäß natürlich vom Skript hier die gleiche Aufmerksamkeit zugemessen, wodurch die Andrew Scott Figur und auch der Jeremy Renner Charakter etwas „unterentwickelt“ bleiben. Doch die anderen Ensembleteile werden überzeugend ambivalent ausstaffiert und allesamt auch durch die bekannten Gesichter schnell greifbar. Natürlich aber ist es wie schon im starken ersten Teil das Erfolgsrezept Johnsons, dass dann doch nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint – aber das wäre dann natürlich Spoiler-Territorium.
Ein überzeugender Krimi – nur minimal gestreckt
140 Minuten sind wieder eine stolze Laufzeit, die sich aufgrund der Dialoglastigkeit sogar noch länger anfühlen kann. Verglichen mit den bisherigen Teilen ist Wake Up Dead Man in puncto Twists und Überraschungen auf gleichem Niveau, doch die Zahl der Gags ist merklich zurückgedreht worden – und das ganze Sujet um einiges düsterer, mitunter sogar nachdenklicher ausgelegt. Ein bisschen spielt Johnson auch mit seinem Publikum, wenn er zu Beginn ein paar falsche Fährten legt, die vermeintlich erfahrene Krimifans vermitteln könnten, schon frühzeitig erahnen zu können, wohin die Reise führt. Dass es aber dann doch – zumindest auch für mich als einen der Krimi-affinen Zuschauer – noch ein, zwei unvorhersehbare Haken schlägt, die jedoch nicht aus dem Nichts kommen, sondern schon plausibel erläutert werden, zeigt, dass der Autor sein Handwerk weiterhin versteht.
Entsprechend ist dieser Whodunnit-Streifen von Anfang bis Ende fesselnd, wenngleich man im Mittelteil schon hätte noch 15 bis 20 Minuten straffen können, um das Tempo etwas höher anzusetzen. Bei aller eher kritisch-düsteren Atmosphäre lässt es sich Johnson aber nicht nehmen, ein paar dafür umso pointiertere Gags einzustreuen, bei denen man dann fast vor Lachen vom Sitz kippen kann. Nichtsdestotrotz sind es die ernsteren Szenen, die diesmal die Paukenschläge bekommen: Dabei sitzen die Enthüllungen punktgenau, die finale Auflösung – sensationell eingeläutet von Benoit Blanc, der im Kontrast zu Jud als häretischer Part auftritt, und dann aber von der Kanzel herab in bester Poirot-Manier den Tathergang seziert – und auch ein augenzwinkernder Schlussakkord darf abermals in einem Knives Out-Film natürlich nicht fehlen.

Abzüge in der B-Note minimal
Muss man neben der teils etwas gestreckten Lauflänge noch Kritikpunkte ansprechen, dann wäre dies wohl die eindeutig dann nicht mehr primär fürs Kino gemachte Audiovisualität. Schon Glass Onion sah leider sehr nach „Streaming“ aus – und hier schließt man mit Wake Up Dead Man nun an, denn einige Szenen sind wirklich schlecht ausgeleuchtet, was maßgeblich auf der Leinwand eher ins Gewicht fällt, als auf einem mittelgroßen Fernseher im Wohnzimmer. Sollte die Reihe also unter anderer Ägide weitergehen – und das kann man sich nach einem bockstarken dritten Part nur wünschen -, dann sollte man in Bezug auf die Optik die Messlatte genauso hoch anlegen, wie beim Spannungsaufbau, den Pointen und den stark geschriebenen Charakteren mit ausnahmslos fantastisch geskripteten Dialogen.
© Netflix
Unser Fazit zu Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery
Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery bringt die Reihe zurück zur Bestform mit einem Benoit Blanc, der sich etwas zurücknimmt, dafür aber lässiger denn je rüberkommt, und einem Josh O'Connor, der hier seinen Status als heißestes Eisen seiner Generation zu zementieren weiß. Ein bisschen zu lang ist der Krimi vielleicht trotzdem, aber die Tonalität passt, die Auflösung ist stimmig und Spannung zu jeder Zeit vorhanden. Dass man im Vorbeigehen noch einen klugen Schatten auf das Thema Machtmissbrauch kirchlicher Würdenträger wirft, ist die Kirsche auf der Sahne eines rundum gelungenen Netflix-Films.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

