Rachel Sennott und Dan Levy haben im Comedy-Segment reichlich Erfahrung vorzuweisen, nun arbeiten die US-Branchengrößen für die neue Netflix-Serie Big Mistakes zusammen. Sitzen die Gags – und ist der Krimipart zudem spannend?
Darum geht’s in Big Mistakes
Nicky (Dan Levy) und Morgan (Taylor Ortega) sind zwei heillos überforderte Geschwister, die durch einen dilettantischen Diebstahl für ihre sterbende Großmutter plötzlich in die Welt des organisierten Verbrechens gezogen werden. Durch Erpressung werden sie gezwungen, immer riskantere Jobs anzunehmen. Das Chaos wird immer größer, als sie unbeholfen von einem Missgeschick ins nächste stolpern.

Sitzt der zweite Schuss?
Mit Schitt’s Creek hat Dan Levy zweifelsohne an einer richtungsweisenden Comedyserie der 10er-Jahre mitgewerkelt, sodass sein Name nicht ohne Grund Fans von beobachtungsstarker, zeitgemäßer Comedy von vornherein auch auf seine neuen Projekte neugierig macht. Doch bereits seine erste Kooperation mit Netflix, die Trauerbewältigungs-Dramedy Good Grief, schlug weder Wellen noch konnte der Autor für die angesprochenen Themen den wirklich richtig Ton treffen. Am Ende war der Film irgendwo zwischen Tränendrüsen-melancholisch und Brechstangen-optimistisch unterwegs, wobei das größte Problem neben der Rollenauslegung von Levy selbst auch der eher auf Sparflamme agierende Cast war.
Nun hat der Sohn von American Pie-Altstar Eugene Levy mit Big Mistakes eine Serie nachgeschoben – und hat diesmal auch von Autorenkollegin Rachel Sennott tatkräftige Unterstützung bekommen. Sennott wiederum hat einen wesentlich höheren Output als ihr Kollaborateur Levy, wobei in den letzten Jahren das Spektrum von bahnbrechend origineller Dark-Comedy (Shiva Baby und Bottoms) bis Rohrkrepierer mit Ansage (I Love L.A. oder The Idol) vor und hinter der Kamera komplett ausgeschöpft wurde.
Während also Levy eher für den Wohlfühl-Ton steht, bringt Sennott – so die Hoffnung bei diesem Projekt – eine gehörige Prise Provokation und Anarcho-Humor mit ein. Was die beiden aber schon mal verbindet, ist ihr Gespür dafür, welche Themen sich derzeit nahezu aufdrängen, um in Form einer Thriller-Comedy aufbereitet zu werden.
Schwarzer Humor, derbe Sprüche, unnatürlich viel Zufall
Vor der Kamera ist jedenfalls hier nur Levy zu sehen, Sennott ist lediglich als Autorin und Produzentin beteiligt. Dan Levy wiederum spielt einmal mehr eine für ihn typische Figur: permanent unter Strom, nervös, dass es schon wehtut, irgendwie aber liebenswert trotz der extrem anstrengenden Aura. Im Großen und Ganzen aber ist Big Mistakes dann eine ziemlich formelhafte, aber dabei kurzweilige und über aller Maßen lustige Mischung aus tiefschwarzem Humor in einer doch merklich überzeichneten kleinen Gesellschaftsgruppierung, wo sich recht schnell ein dummer Zufall an den nächsten reiht, sodass man der Eskalation quasi im Sekundentakt beiwohnt.
Von einem peitschenden Techno-Score werden von Beginn an die beiden Hauptfiguren von Lapsus zu Lapsus gehetzt. Da aber ebenfalls vom Start weg kein Hehl daraus gemacht wird, dass hier Realismus nicht die erste Geige spielen wird, kann man sich auf diesen Trip sehr gut einlassen, wenn man eben derlei Comedies mag, bei denen sich die Menschen quasi pausenlos anbrüllen, jeder Aggressionsprobleme hat und wirklich jede Figur leicht karikaturesk überzeichnet und gespielt wird.
Im Geiste der starken Genrevertreter früherer Jahre
Politisch inkorrekt, aber nicht komplett ohne moralische Grundlage, derb und laut, aber nicht über der Schwelle zum Selbstzweck-Gefluche und zwar gespickt von aufbrausenden Charakteren, denen aber allesamt eine gewisse Herzlichkeit zu eigen ist: Big Mistakes schlägt in die Kerbe, die vor ein paar Jahren noch regelmäßig von Seth Rogen und seinen Zeitgenossen mit Comedy-Kinofilmen à la Bad Neighbors oder Hangover adressiert wurde. Gefühlt ist diese Serie damit irgendwie nicht ganz auf Höhe der aktuellen Mode im Comedy-Bereich – aber als Ausnahmeerscheinung dann auf der anderen Seite schon wieder irgendwie ein angenehm frischer Wind.

Hat Rachel Sennott zuletzt mit I Love L.A. auf Biegen und Brechen versucht, die aktuellen Entwicklungen und eine bestimmte Generation (ihre eigene) aufs Korn zu nehmen und dabei aber in Sachen Pointen fast komplett ins Leere geballert, fährt man hier die Meta-Gags zugunsten einer kleinen, aber feinen Krimistory komplett zurück und schafft damit Unterhaltung pur. Kein Fremdscham, kein erhobener Zeigefinger, kein übles Nachtreten.
© Netflix
Unser Fazit zu Big Mistakes
Flotte Sprüche, wirklich lustige Figuren, ein hohes Tempo und wenig Grund, (zu) lange über vermeintlich smarte Botschaften zu sinnieren. Big Mistakes ist eine für heutige Verhältnisse angenehm aufs Wesentliche reduzierte Mischung aus Thriller und Comedy und mit den kurzen Folgen prädestiniert für einen Binge-Marathon.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

