Bob Odenkirk scheint als unscheinbarer Actionstar mittlerweile fast schon zum Trend geworden zu sein. Insofern ist der Sprung vom alternden Durchschnittsvater aus Nobody zum gewöhnlichen Kleinstadt-Sheriff in Normal gar nicht so weit. Doch legt der neueste Actionfilm hier nach, woran Nobody 2 trotz bester Voraussetzungen scheiterte – oder bleibt er am Ende einfach nur… normal?
Darum gehts in Normal
Eigentlich sollte die vorübergehende Versetzung in die verschlafene Kleinstadt Normal für Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) eine willkommene Auszeit von Eheproblemen und beruflichen Rückschlägen sein. Doch als ein misslungener Banküberfall die trügerische Ruhe der Stadt durcheinanderbringt, wird schnell klar, dass die Bewohner weit mehr zu verbergen haben, als zunächst angenommen. Ulysses merkt plötzlich: Diese Kleinstadt ist alles andere als „normal“…

Von Anspruchskino zu Auftragsarbeit
Was Normal tatsächlich schon vor Release auf die Fahndungslisten der Action- und Genrefans gesetzt haben dürfte, ist die Besetzung des Regiepostens. Mit Ben Wheatley übernimmt ein Filmemacher das Zepter, der sich bereits mehrfach als guter Handwerker bewiesen hat. Von absoluten Trash-Granaten wie Meg 2, über die fordernde Romanadaption High-Rise bis hin zu Spannungskalibern wie Kill List lässt sich in seiner vielschichtigen Vita keine klare Handschrift ausmachen. Denn Wheatley verleiht seinen Filmen stets einen individuellen Feinschliff und findet Wege, Erwartungen bewusst zu unterlaufen. Das erschwert zwar den Zugang für ein breiteres Publikum, sorgt aber zugleich dafür, dass seine Werke nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Nur scheint diese Phase inzwischen vorbei zu sein. Sein Megalodon-Ausflug war bereits von harscher Kritik begleitet – und auch Normal scheint nicht unbeschadet davonzukommen. Doch stimmt dieser Eindruck wirklich?
Ruhe bewahren, …
Wheatley findet darauf sehr früh eine eindeutige Antwort: nein. Normal ist keine bloße Auftragsarbeit, sondern mehr als kompetentes Genrekino, das gleich zu Beginn den Ton setzt. Voice-Over, trockener Humor und ein ruhiges Build-up rund um einen Aushilfssheriff in einer leblosen, von der Zeit unberührten Kleinstadt, der sich von brenzligen Situationen fernhält und in den Tag hineinlebt, geben die Richtung vor. Das weckt durchaus Fargo-Gefühle und wirkt zugleich konsequent cartoonesk überzeichnet, bietet jedoch einen funktionalen, wenn auch schwachsinnigen Kern. Dieser ist zwar nicht sonderlich innovativ und arbeitet sich formal an den klassischsten Genre-Checklisten ab, wird jedoch zielführend und ohne große Umwege erzählt. Zudem greift Normal mit satirischen Anklängen das Bild konservativer Amerikaner an und stellt es mit entsprechendem Subtext satirisch infrage.
… Ärger ersparen
Dabei richtet sich der durchaus spezielle Humor klar an ein bestimmtes Publikum und macht den Kinospaß zu einem zweischneidigen Schwert zwischen lauten Lachern und merklich genervtem Ausatmen. Gleichzeitig entfaltet die erzählerische Gelassenheit – insbesondere in der fast schon meditativen Einführung – trotz Action-Engpass eine überraschend starke Wirkung, während sich andere von den eher reduzierten Inhalten und der weitgehend actionlosen Hülle eher gelangweilt fühlen dürften. Denn Normal investiert viel Zeit in den logistischen Aufbau seines Settings.

Zwischen Schneestürmen, Banken und klassischen Tante-Emma-Läden – allesamt bis an die Zähne bewaffnet – etabliert die Actionkomödie eine surreale Welt, die wie aus einer Parallelrealität wirkt. Glaubwürdig ist daran wenig, unterhaltsam hingegen vieles. Aus diesem Fundament schöpft Wheatley die nötige Energie für seinen neuesten Streich. Nach dem Motto „take it or leave it“ verfolgt er einen stark an sein Konzept gebundenen Film, der sich zwar extrem angreifbar zeigt, zugleich aber ebenso schnell akzeptieren wie goutieren lässt.
John… Who?
Formvollendet wird der spaßige erste Akt durch einen groß angelegten Showdown, der modernen Action-Beats mit überraschend solider Qualität begegnet. Hier zeigt sich Derek Kolstads Stärke: Zwar kann er keine ausgefeilten Geschichten schreiben, versteht es jedoch, Actionsequenzen wirkungsvoll zusammenzuführen. Normal wirkt in seiner aus den Fugen geratenen Handlung tonal zwar oft „all over the place“ und deutlich unglaubwürdiger als vergleichbare Genrevertreter – genau daraus zieht er jedoch seine absurde Stimmung. Schließlich mündet das ganze Szenario in einer ausufernden Verfolgungsjagd durch Minnesotas verschneite Einöde, in der sich die Bewohner mit Waffen, Mistgabeln und Sprengstoff verschanzen – während die Yakuza direkt aus Japan eingeflogen kommen.
Was Wheatley damit unter Beweis stellt, ist seine Leidenschaft für Heroic Bloodshed. Als eine Melange aus John Wick und John Woo zitiert Normal zum einen Hard Target, zum anderen fängt er auch den Zeitgeist moderner Action-Reißer wie Bullet Train ein. Damit setzt sich Wheatley hohe Ziele – und erreicht sie zumindest angemessen. Die Schießereien sind laut und wuchtig, die Szenarien funktional, die Kills brutal und die Schläge – insbesondere im Zweikampf mit Peter Shinkoda – deutlich spürbar. Wird die schneebedeckte Kleinstadt erstmals in rot eingefärbt, setzt Wheatley auf Vollgas, denn die Action bringt grundsätzlich alles mit, was sie soll. Allerdings bleibt die Inszenierung etwas durchwachsen, die Kamera wirkt bisweilen zu verwackelt und die Schnitte oftmals hektisch platziert. Die Ausmaße der Ziellosigkeit eines Nobody 2 werden glücklicherweise dennoch nie erreicht.

Better Cold Saul
Dreh- und Angelpunkt ist dabei Bob Odenkirk als Lead. Nach seinem Action-Aufblühen ist er aus dem Genre kaum mehr wegzudenken – und das aus gutem Grund: Schließlich macht er seine Sache erneut hervorragend. Während es inNobody 2 noch so wirkte, als müsse man seine Performance stellenweise kaschieren, steht Normal wieder deutlich näher am Niveau seines Action-Erstlings. Nicht nur überzeugt sein körperlicher Einsatz in den Kampfszenen, auch seine Spielfreude als lustloser Sheriff schlägt ein. Zwar gesellen sich einige schräge Figuren mit soliden Darstellerleistungen an seine Seite, doch Star und Scene-Stealer in Personalunion bleibt Odenkirk.
© Leonine Studios
Unser Fazit zu Normal
Fast unmissverständlich macht Regisseur Ben Wheatley klar, was für ein Film Normal sein möchte: ein völlig absurder, auf Zufällen aufbauender, tonal durchwachsener und bewusst extrem trashiger. Man ist gezwungen, sich auf die einzelnen Versatzstücke einzulassen, um mit der neusten Action-Comedy unterhalten zu werden. Gelingt das, bekommt man genau den Trash serviert, den Nobody 2 schuldig blieb. Wheatley weiß deutlich besser, worauf er aufbauen muss – und verbindet den gelungenen, sehr langsamen Aufbau mit soliden Keilereien zu einer groß angelegten, völlig ausufernden, Action-Hommage - ein mehr als nur „normaler“ Actionfilm.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

