Ein neuer starbesetzter Psychothriller soll bei Apple TV die Führerschaft in diesem Sektor untermauern. Hat Imperfect Women dieses Potential oder ist die Miniserie nur ein weiterer Trittbrettfahrer auf der Welle, die einst Big Little Lies angestoßen hat?
Darum geht’s in Imperfect Women
Imperfect Women untersucht ein Verbrechen, das das Leben von drei Frauen in einer jahrzehntelangen Freundschaft zerstört. Der unkonventionelle Thriller erforscht Schuld und Vergeltung, Liebe und Verrat und die Kompromisse, die wir eingehen und die unser Leben unwiderruflich verändern. Während die Untersuchung voranschreitet, entlädt sich auch die Wahrheit darüber, dass selbst die engsten Freundschaften möglicherweise nicht das sind, was sie zu sein scheinen.

Schon der Einstieg erinnert an HBO
Imperfect Women startet in einem Verhörraum – nachdem das Ereignis, das zunächst jedoch gar nicht konkretisiert wird, schon stattgefunden hat. Dann gibt es nebulöse Andeutungen bevor es den Sprung um einige Stunden zurück an den Anfang der Ereignisse gibt. Damit zu spielen, dass man als Zuschauer erstmal gar nicht weiß, wozu in diesem Fall Kerry Washingtons Figur vernommen wird, erinnert schon sehr deutlich an das Konzept der HBO-Hitserie Big Little Lies, die dieses Genre mit ihrem Erfolg vor in etwa einem Jahrzehnt kolossal umgekrempelt hat und in der Folge unzählige ähnliche Romanverfilmungen nach sich zog, von denen nur wenige annähernd die dramaturgische Dichte des „Originals“ erreichen konnten. Kerry Washington hat mit ihrer Rolle in Little Fires Everywhere dabei sogar schon noch in einem der besseren Subgenre-Vertreter mitgewirkt, wobei ihre Rollen sich zum Glück diametral unterscheiden.
Doch im Gegensatz zu Big Little Lies folgt hier die Auflösung nicht erst gen Ende einer Staffel sondern doch schon binnen der ersten halben Stunde: Es wurde die Leiche von Nancy (Kate Mara) gefunden, die jedoch in den Rückblickszenen noch quicklebendig war. Und so geht es in dieser Geschichte dann einerseits um die klassische Täter- und Ursachensuche und andererseits aber vordergründig vor allem um das Binnenverhältnis der drei langjährigen Freundinnen und derer Familien, was sich innerhalb der acht Folgen als verworrenes, in Teilen extrem tragisches Geflecht vor unseren Augen ausbreitet.
In Teilen eine high budget Soap
Die Kunst von Big Little Lies war seinerzeit, dass obwohl die Geschichte per se auch in einer Seifenoper stattfinden könnte, durch die extrem hochwertige Inszenierung und die doch wesentlich authentischer vorgetragenen Dialoge, der Spagat zwischen Einblick in die High Society und seriöser, tragischer Kriminalgeschichte perfekt gelang. Viele Folgeprojekte, die ebenfalls in der Upper Class der amerikanischen oder auch britischen Gesellschaft situiert waren, mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, dass die Waage zwischen beiden Aspekten nicht immer so ausgeglichen war, weil entweder die Dramaturgie ins soapige abgekippt ist oder zwar die zwischenmenschliche Ebene mitreißend konstruiert war, aber die Krimi-Story dafür extrem unterentwickelt war.

Im Fall von Imperfect Women ist man jetzt tatsächlich auch immer wieder eher im Bereich einer extrem teueren Telenovela unterwegs, weil etliche Dialoge doch merklich wie Drehbuch und weniger wie Lebensrealität wirken – und auch zum Teil so theaterartig vorgetragen werden, dass es schon schwer fällt, hier wirklich komplett anknüpfen zu können.
Acht Folgen, viele Blickwinkel
Auch das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven – manchmal sogar die Wiederholung gleicher Zeitabschnitte aus dem anderen Blickwinkel -, ist in dieser Seriengattung schon mehrfach bemüht worden. The Affair hat es in seiner ersten Staffel dabei in Perfektion geschafft, damit die Spannung ins Unermessliche zu steigern und den Twists nochmal mehr Punch zu verleihen; beispielsweise bei Das Gift der Seele ging dies mit dem Wechsel zwischen der von Robin Wright gespielten Mutterfigur und der von Olivia Cooke verkörperten Gegenspieler in persona der Freundin ihres Sohnes zwar nicht ganz auf, schaffte es aber dennoch aus einer leicht pulpigen, eher umdurchschnittlich geschriebenen Geschichte noch ein Tick mehr rauszuholen als wohl mit konventioneller Erzählweise.
Imperfect Women ist hier nun nicht ganz so einfach konzipiert – also nicht eine Folge aus Sicht x, die nächste aus Sicht y und dann wieder von vorn – sondern episodenübergreifender angelegt. So nimmt man also in den ersten drei Folgen erstmal die Perspektive von Eleanor (Washington) ein, erst dann widmet sich die Miniserie der Sicht des Opfers, gespielt von Kate Mara, was mit einem Wechsel des Voice Overs und zeitlichen Rücksprüngen einhergeht.

Und ab Folge sechs blickt man dann durch die Augen der Elizabeth Moss-Figur Mary auf die verworrenen Verhältnisse dieser Freundesclique – und wiederum erklären sich die Dinge plötzlich ganz anders als zuvor gedacht. Das liegt daran, dass die drei im Zentrum stehenden Frauenfiguren nicht nur andere Perspektiven darstellen, sondern durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten auch emotional andere Bewertungen verschiedener Sachverhalte und Situationen eröffnen. Hierbei ist dann natürlich Washington die offenherzigste der drei Freundinnen, während Mara die offensichtlich tragische und Moss die stille, in sich gekehrte aber genauso tragische Persona mimt – und die ausgerechnet dann die neugierigsten Züge an sich hat, die den detektivischen Aspekt von innen heraus in die Ermittlung hineinbringen. Die Rollenverteilung ist den Machern von Imperfect Women dabei meiner Meinung nach sehr gelungen.
Arg konstruiert und melodramatisch im Schlussdrittel
Typischerweise für diese Art von fast schon Groschenroman-artigem High-Society-Thriller überschlagen sich dann auch hier, nachdem über zwei Drittel der Serie Atmosphäre gut aufgebaut und Mystery-Stimmung hochgehalten wurden, die Ereignisse und – ohne natürlich das Ende zu verraten – münden in für meinen Geschmack ein paar Haken zu viel, um noch ganz die vorher glaubhafte Konstruktion aufrechthalten zu können.
Dementsprechend muss ich am Ende konstatieren, dass zwar zweifelsohne die drei Hauptdarstellerinnen einen guten Job machen, aber auf der anderen Seite die Männerfiguren entweder nicht mithalten können, was die in Teilen auf eine klischeehafte Charakterisierung zurückgeht oder aber auch schlicht daran liegt, dass deren Besetzung nicht mit ihren weiblichen Konterparts schritthalten kann. Eine differenziertere Einschätzung wäre an dieser Stelle schon mit Spoilergefahr behaftet, aber erfahrene Serienjunkies werden wahrscheinlich schon beim Blick auf die Besetzungsliste eine nicht ganz falsche Ahnung haben…
© Apple TV
Unser Fazit zu Imperfect Women
Imperfect Women fängt interessant an, hält durch eine mehrperspektivische Erzählweise lange die Spannung aufrecht und schürt Neugier, vor allem aber auch Empathie für die Charaktere. Doch leider hält der Thriller-Part am Ende nicht Stand, sodass es im Schlussdrittel in eine immer melodramatischere Richtung schwappt. Das bedeutet zwar weiterhin eine solide Dramaserie dank einnehmender Leistungen von Mara, Moss und Washington, aber im großen Vergleich ähnlicher Formate bricht der Apple TV Miniserie ihr zu ambitioniertes Finale zwar nicht das Genick, aber immerhin mehr als einen Zacken aus der Krone.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

