Legends bei Netflix schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das Büro der Legenden aus Frankreich – nur eben in Großbritannien und im Zoll- statt Außengeheimdienst-Bereich. Aber Spionage-Thriller kann man ja ohnehin nie genug haben, oder?
Darum geht’s in Legends
Anfang der 1990er-Jahre verlor die britische Zoll- und Steuerbehörde Her Majesty’s Customs and Excise langsam den Kampf gegen den Drogenschmuggel über die Grenzen Großbritanniens. Die Lösung war außergewöhnlich. Ein kleines Team von Zollbeamt*innen wurde in einer streng geheimen Operation verdeckt eingesetzt. Ihre Aufgabe: die gefährlichsten Drogenbanden Großbritanniens zu infiltrieren.
Es handelte sich dabei aber nicht um ausgebildete Spion*innen, sondern um ganz normale Männer und Frauen aus dem gesamten Vereinigten Königreich, die eine Grundausbildung erhielten und angewiesen wurden, sich in der kriminellen Unterwelt neue Identitäten aufzubauen. Diese Identitäten wurden „Legends“ genannt.

Mehr Narcos als The Agency
Auch wenn die Serie mit ihrem Titel – wie im Teasertext angedeutet – eine inhaltliche Nähe zum französischen Agententhriller Büro der Legenden mit Mathieu Kassovitz nahelegt, so sorgen Thematik und zeitliche Verortung doch schnell dafür, dass man Legends mit einem anderen inzwischen als Klassiker anerkannten Netflix-Projekt vergleichen wird. Denn die neue Serie des Schöpfers der ebenfalls auf wahren Begebenheiten basierenden Paramount-Produktion Gold wildert mit der britischen Geschichte alles in allem doch eher in Narcos-Gefilden – aber das durchaus mit einem Potenzial, das bereits in den ersten Minuten durchscheint und einem Versprechen, das in der Folge auch eingelöst werden kann.
Außerdem umgibt das zusammengewürfelte Team unter der Leitung der Steve Coogan-Figur auch eine leichte Slow Horses-Aura, zum einen wegen des eindeutig englischen Einschlags bzw. Lokalkolorits und zum anderen auch wegen dem ein oder anderen Moment trockenen, britischen Humors. Doch auch wenn es schon einiges an humorigen Sprüchen gibt, so ist das Netflix-Original grundlegend sehr weit weg vom persiflierenden Duktus der Mick Herron-Erfolgssserie von Konkurrent Apple TV. Legends ist eine reinrassige, ziemlich realistische Thrillerserie im Drogenmilieu des Vereinigten Königreiches, die vor allem auch weiß, den zeitlichen Kontext extrem lebendig abzubilden und so einen hohen Grad an Immersion aufbauen kann.
Fantastischer Soundtrack, „echte“ Charaktere
Zum wahrhaft überzeugenden 90s-Setting trägt ein erlesener Soundtrack bei – da macht den Briten keiner was vor! Wenn in Folge zwei eine Sequenz im Nahen Osten mit Happy Mondays‘ „Hallelujah“ unterlegt wird, dann schlägt gleich aus mehreren Gründen das Herz höher. Bei „Personal Jesus“ von Depeche Mode oder spätestens „A Forest“ von The Cure ist die Playlist, die man auch im Nachgang wieder rauf und runter hören muss, voll. Das erinnert dann doch auch an den ebenfalls grandiosen Soundtrack der Disney-Plus-Show Rivals.
Doch noch elementarer für die unmittelbar spürbare Intensität dieser neuen Spionageserie ist die Tatsache, dass die Macher für die Rollen der „fachfremden“ Undercover-Agenten, der Gangster und auch der politischen Entscheidungsträger ein echt starkes Händchen bewiesen haben. Allen voran ist Steve Coogan – inzwischen würdig ergraut – als Pendant zu einem Jackson Lamb in Slow Horses eine exzellente Wahl, aber vor allem die beiden Toms – Hughes und noch mehr Burke (Furiosa) – sind eben nicht die Archetypen für Agentenrollen, sondern Charakterdarsteller mit Ecken und Kanten, denen man die Ambivalenzen ungleich besser abkaufen kann. Für mich die heimlichen Highlights sind aber auch die weiblichen Hauptfiguren Kate und Sophie, die von Hayley Squires und Charlotte Ritchie gespielt werden, und nicht zu vergessen Mylonas, gespielt von Gerald Kyd, der zwar auch gut und gern aus einem Guy Ritchie-Stoff entstammen könnte, aber erstaunlich gut auch hier in dieser tonal seriösen Welt reinpasst.

Sogar die Action ist solide
Und wo wir schon bei Guy Ritchie sind: Wer meint mit Legends die Wartezeit auf die neue Staffel Gentlemen oder MobLand füllen zu können, ist nicht ganz auf der richtigen Fahrspur. Dafür ist diese Geschichte durch die Verankerungen im wahren Geschehen zu „unspektakulär“. Aber im Kontrast dazu tut die Erdung wirklich gut, weil durch die fokussierte Struktur in sechs Folgen hier die Spannung sehr gut hochgehalten wird und die vereinzelten Action-Momenten überraschend wuchtig daherkommen.
Der zeithistorische Kontext, das Britische und der tiefe Cast verleihen dieser neuen Serie einen Anstrich von Prestige-Fernsehen, der Netflix nicht immer zu attestieren ist. Dementsprechend ist das englische Original dann mitunter eine der besten neuen Produktionen des roten Ns in 2026 und vielleicht ein Kandidat für eine Fortsetzung, den man so vorher auch nicht erwartet hat.
© Netflix
Unser Fazit zu Legends
Narcos meets Slow Horses mit einem Hauch von Guy Ritchie: Legends bringt in sechs Folgen viel unter einen Hut. Vor allem in Anbetracht der wahren Hintergründe ist die neue Serie eine eindeutige Empfehlung in Sachen Spannung, Nostalgie und Emotionalität.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

