Lord of the Flies – zu deutsch „Herr der Fliegen“ ist Klassiker der Jugendliteratur und Blaupause vieler Stoffe, die danach ebenfalls zu Erfolgen wurden, wie zuletzt beispielsweise Yellowjackets. Die BBC hat nun aber nochmal nah an der Vorlage eine Serienversion produziert. Womit will man das rechtfertigen?
Lord of the Flies – Die altbekannte Story
Etwa 30 Schuljungen stranden nach einem tödlichen Flugzeugabsturz ohne Erwachsene auf einer tropischen Insel. In dem Versuch, zivilisiert zu bleiben, organisieren sie sich unter der Führung von Ralph und mit Unterstützung von Piggy, dem Intellektuellen der Gruppe. Doch als Jack stärkeres Interesse am Jagen entwickelt und nach der Führung strebt, beginnt er bald, andere Jungen aus der Gruppe herauszulocken. So führt er sie schließlich von der Hoffnung in die Tragödie.

Von Buchklassiker zur Miniserie
Jack Thornes Adaption ist die erste für das Fernsehen. Getreu dem Originalroman, der in den frühen 1950er Jahren auf einer namenlosen Pazifikinsel spielt, vertieft Thornes Adaption die emotionalen Themen des Buches: die menschliche Natur, den Verlust der Unschuld und die Männlichkeit in der Kindheit. Jede der vier Episoden ist nach einer Figur benannt, die im Mittelpunkt der Geschichte steht – Ralph, Piggy, Simon und Jack – und bietet eine leicht unterschiedliche Perspektive auf die kollektive Notlage der Jungen und darauf, wie sie mit ihrer Situation umgehen. Die Serie wurde mit Unterstützung von William Goldings Familie produziert.
Die Grausamkeit der Natur – und des Menschen
Bei all den guten Anlehnungen an den Klassiker der Geschichte um die Entstehung eines neuen Gesellschaftssystems infolge des unfreiwilligen Landens fernab jedweder Zivilisation, stellt sich schon die Frage, mit welchem neuen Blick oder Twist man nun nochmal Lord of the Flies einem Publikum schmackhaft machen will, dass nahezu alle Variationen vermeintlich schon gesehen hat. Man hatte es in der Lindeloff-Variante vermutlich am prominentesten mit Lost, in der 90s-Version mit einer fast ausschließlich weiblichen Besetzung jüngst in Yellowjackets oder auf wahren Begebenheiten basierend in den Höhen der Anden in Die Schneegesellschaft – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sehr häufig haben sich dann doch wieder ähnliche Dynamiken, Konflikte und Eskalationen ergeben.
Doch tatsächlich macht schon die erste Folge der BBC-Version nun klar, dass man einerseits back to the roots geht, indem man sich auf die literarische Vorlage in Bezug auf die Figuren, die Zeit und das Dschungelsetting besinnt. Andererseits aber ist die mehrperspektivische Erzählweise, aufgeteilt auf die vier Folgen und zugeschnitten auf vier grundverschiedene Jungen doch ein Novum in bekanntem Terrain. Hier rückt tatsächlich der kindlich-naive Aspekt wieder in den Fokus, der spannenderweise jedoch die Erbarmungslosigkeit der „Versuchsanordnung“ nur umso greifbarer macht.
Lord of the Flies vermittelt eine wahnsinnige rohe, aber irgendwie dadurch auch ehrliche Interpretation auf der inhaltlichen Ebene, verlagert das Experimentieren auf ein paar kleine, aber wirkmächtige audiovisuelle und inszenatorische Facetten, die den Machern überaus gut gelungen sind. Als Adaption und zeitlose Aufbereitung ist hier womöglich tatsächlich ein großer Sprung gelungen, wenn es um die Vermittlung der Kernaussage Goldings geht: die Aufgabe des zivilisatorisch andressierten Regellebens binnen kurzer Zeit im Ausgeliefertsein der natürlichen Gewalten.
Starke Kinder, starke Bilder, starker Sound
Tatsächlich ist der Einstieg fast schon eine Art kleine Reminiszenz an Lost, weil auch hier deutlich nach dem Absturz eingestiegen wird und die Eröffnungsszene die Perspektive des Jungen Piggy einnimmt, an dessen Seite wir erste Orientierungsschritte im tropischen Paradies unternehmen. So überwiegt erstmal der Abenteuercharakter der prekären Situation – eingefangen in wirklich schöne Naturaufnahmen: saftiges Grün, türkisblaues Wasser. Binnen weniger Dialoge und Szenen werden die wichtigen Akteure auch ganz gut charakterisiert und erste Unterschiede im Umgang mit der Notlage preisgegeben. Als erste Perspektive ist dabei der eher körperlich unbeholfene Piggy, der aber auf der intellektuellen Seite seinen Altersgenossen erkennbar voraus ist, eine spannende Wahl, zumal David McKenna in der Rolle auch schnell ans Herz wächst.
Die zweite Folge ist dann durch die Verlagerung auf Jack aber auf mehreren Ebenen etwas anderes: mehr Survival-Drama, mehr Thriller, ein Fokus auf eine andere Form der Angst – und damit wird die Truppe direkt nochmal in den Einzelteilen aber auch im Kollektiv ambivalenter. Schon nach der Hälfte von Lord of the Flies kann man sich sicher sein, dass das mehr als nur ein Gimmick ist, sondern erzählerischen Mehrwert bietet. Das setzt sich dann auch in Folge drei und vier fort mit weiteren Aha-Momenten und kleinen Tonartwechseln.
Manche der Jungs sind noch extrem kindlich, andere wittern eine Chance, sich zu profilieren, wieder andere hingegen offenbaren schnell ihr wahres, grausames Gesicht im Angesicht der Tatsachen, die sich auf ihre eigenen Überlebenschancen auswirken könnten. So weit, so bekannt, aber wie das hier bebildert wird – und vor allem, wie die Kinderdarsteller hier eben sämtliche Varianten im Umgang mit der Situation schauspielerisch abbilden, zeugt recht schnell davon, dass hier der Materie mit Verstand begegnet wurde und in Bezug auf die Besetzung reichlich Sorgfalt an den Tag gelegt wurde.

Noch fesselnder als die Bildgestaltung mit dem teilweisen hypnotisierenden Einsatz von weichzeichnenden Vignetten ist allerdings die sensationelle musikalische Arbeit von Cristobal Tapia de Veer (The White Lotus), in Verbindung mit dem Hauptthema und zusätzlicher Musik von Hans Zimmer und der Unterstützung von Kara Talve (The Tattooist of Auschwitz). Die Streicherklänge passen hervorragend zur Bedrohlichkeit und dem klassischen Appeal dieser Adaption. So gelingt es schon in der ersten Folge eine extrem dichte Atmosphäre aufzubauen – und mit dem Gimmick, die Gesichter der Kinder in Nahaufnahme einzublenden, fällt es auch schwer, hier nicht emotional sofort an Bord zu sein.
© Sky/BBC
Unser Fazit Lord of the Flies
Auf der einen Seite als rohes Coming-of-Age-Drama, auf der anderen als wildromantischer Survival-Thriller überzeugt dieser multiperspektivische Vierteiler in seinem Spagat zwischen klassischen Elementen und modernem Einschlag. Lord of the Flies hat durch die herausragend aufspielenden Kids die Möglichkeit, ad hoc zur besten Adaption des literarischen Klassikers zu werden, wenn nur genug Leute dieses Kleinod, das es in der Vermarktung mutmaßlich nicht leicht haben wird, entdecken.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

