Ein Überraschungshit aus dem Vorjahr geht nun schon in die zweite Staffel: Paradise hat einen der Serienmomente 2025 kreiert und sich damit ad hoc zum Überraschungshit aufgeschwungen. Doch trägt das Konstrukt nun auch noch nachdem die Katze vermeintlich aus dem Sack ist?
Darum geht es in den neuen Folgen
Xavier (Sterling K. Brown) sucht draußen in der Welt nach Teri und sieht, wie hier die Menschen die drei Jahre seit „Dem Tag“ überlebt haben. Zurück in Paradise gerät das soziale Gefüge ins Wanken, während der Bunker mit den Folgen der Ereignisse der ersten Staffel zu kämpfen hat und neue Geheimnisse über die Ursprünge der Stadt aufgedeckt werden.

Ist Paradise mehr als DER Twist des Jahres 2025?
Vor gut einem Jahr schlug mit Paradise bei Disney Plus eine Serie auf, die in der Folge die Gespräche an einer Frage festmachte: Hast du die erste Folge schon gesehen oder weißt du noch nicht, worum es in der Serie eigentlich geht? Denn tatsächlich hat die Dan Fogelman-Produktion mit der Enthüllung, wo die Serie spielt, am Ende der Pilotfolge für viele WTFs und respektvolles Staunen gesorgt, hat man doch ziemlich gut bis zur Wendung geschafft die Wahrheit zu Umschiffen. Daraus resultierte dann im weiteren Verlauf eine Mördersuche in der Jetztzeit in einer Truman Show-artigen Kleinstadt-Simulation in Verbindung mit Rückblenden in die Zeit vor dem Ereignis, das den Rückzug in den Untergrund begründete, wobei hier vor allem der ermordete Präsident und der Protagonist Xavier im Zentrum standen.
Am Ende von Staffel eins war klar, wer für das Verbrechen – und warum – verantwortlich war, womit in den Augen vieler Zuschauer das eigentliche Mysterium von Paradise bereits gelöst war. Doch es gab noch reichlich offene Fragen, vor allem in Bezug auf das „Außen“ – und den Verbleib der lange Zeit für tot gehaltenen Lebensgefährten des Protagonisten, sodass die Endmontage der Auftaktstaffel schon andeutete, wie es in Staffel zwei der Show, die Macher Fogelman dem Vernehmen nach auf drei Staffeln hin ausgelegt hat, hingehen wird. Und so sind nun ein Großteil der Besetzung – vor allem auch Julianne Nicholson als Fanfavoritin der Serie – in der Fortsetzung weiterhin dabei, während recht schnell die Dimensionen erweitert werden und damit möglicherweise aber der USP des Thrillers aufgegeben wird. Selten war die Frage so ein Damoklesschwert wie hier: Hat diese Serie überhaupt genug Fleisch am Knochen für mehr als eine Staffel?
Kein One-Trick-Pony!
Tatsächlich vollbringt Paradise – Staffel 2 das Kunststück, sich einerseits nochmal neu zu erfinden und andererseits genau die Elemente wieder aufzugreifen, die mitunter am packendsten in der bisherigen Serie waren. Denn die Show bleibt sich speziell in den ersten drei Folgen in ihrer unberechenbaren, frischen Erzählweise treu, weiß dann sogar zum Ende von Folge eins wieder einen Twist zu platzieren, der zwar natürlich nicht ganz an den Hammer aus der ersten Folge heranreicht, aber in seinem Effekt sehr nah dran ist. Folge eins von Staffel 2 erinnert nämlich erstmal an ganz andere Serien, wahlweise an Station Eleven oder aber speziell an die Bill und Frank-Episode der ersten Staffel The Last of Us:
Wir lernen darin eine neue Figur – außerhalb der unterirdischen Stadt – kennen, bekommen im Schnelldurchlauf deren Perspektive auf einen Zeitraum, den wir aus anderem Blickwinkel bereits mutmaßlich kennen, wobei alles in allem hier die Tragik im Vordergrund steht. Erst ganz am Ende wird klar, wie sich dies nun in das Geschehen fügt, das die erste Staffel über erzählt wurde, was natürlich auch in dieser Staffel wieder nicht vorweggenommen werden soll. Lediglich sei gesagt, dass man mit Shaileen Woodley für diese neue Rolle eine richtig starke Besetzung gefunden hat.
Die zweite Folge ist dann wiederum eine ganz eigene kleine Geschichte: Auf zwei Zeitebenen geht es um Xavier, einerseits um dessen Vorgeschichte mit Teri und andererseits darum, was nach dem Ende der ersten Staffel und seinem Austritt aus dem Bunker passiert ist. Und erneut gelingt den Machern eine Episode voller emotional tief bewegender Momente, aber eben auch wichtiger Erkenntnisse zu den Hintergründen der Figuren und der Tragweite dessen, was in Staffel eins nur beiläufig immer wieder erzählt wurde. Wir verstehen dann von Szene zu Szene mehr, weshalb Xavier so viel am Wiederfinden von Teri liegt – und Sterling K. Brown ist abermals einfach eine Offenbarung in dieser Rolle!
Verschachteltes Puzzle, packend konstruiert
Erst in der dritten Folge geht es dann wieder in die unterirdische Stadt und wir erfahren, was mit Sinatra (Julianne Nicholson) passiert ist – erneut auf mehreren Zeitebenen, also auch zur Zeit als Präsident Crawford noch lebte. Mit dieser Erzählweise rechtfertigt man einerseits, weshalb man zum Start der neuen Staffel direkt wieder drei Folgen auf einmal veröffentlichen muss, weil erst so der komplette Status quo aller wichtigen Akteure klar wird. Andererseits ist sie aber auch ein ziemliches Wagnis, weil man natürlich dem Publikum nicht nur Mitdenken abverlangt, sondern auch verschiedene Handlungsstränge immer über einen längeren Zeitraum unbeachtet lässt.
Doch es hat durchaus Sinn und Verstand, weil bestimmte Elemente sich wie ein roter Faden dafür auf der inszenatorischen Seite durch Paradise – Staffel 2 ziehen. Allen voran greift man auch jetzt wieder auf den ziemlich treibenden Score zurück und lässt die Folgen fast ausnahmslos mit einer Montage zu einem Popsong auf einem Cliffhanger enden. Das mag nicht die galanteste Form sein, aber ist nunmal enorm effektiv.

Neue Schauplätze, alte Bekannte
Paradise – Staffel 2 entfernt sich nicht nur aus dem Setting der unterirdischen Stadt, was sich dann zuweilen ins ziemliche Post-Apokalypse-Metier einordnen lässt: menschenleere Städte, marode, ungenutzte Fabriken, kaum noch fahrtüchtige Fahrzeuge. Doch dabei lernen wir auch Personal dieser Außenwelt – sowohl in der Jetztzeit als auch in den Rückblicken – kennen, das nochmal neue Aspekte in die mysteriöse Erzählung bringt. Vieles wird an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht näher dargelegt, aber insbesondere die Thomas Doherty-Figur ist ein richtig interessanter neuer Charakter. Und in Verbindung mit der Backstory dazu, was in der Zwischenzeit mit Xavier’s Frau Teri im Außen passiert ist, gibt es einen weiteren, extrem starken neuen Mann im Cast, über den man jedoch auch vorab besser nicht zu viel weiß.
Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es, wie oben schon angeklungen, die sprunghafte, in Teilen fast unübersichtliche Erzählweise, bei der man manchmal nicht weiß, wo man sich vor allem zeitlich gerade befindet. Andererseits entstehen auf der Schnittebene durch die Montage-Verschränkung der verschiedenen Zeitebenen immer wieder gelungene Kontextualisierungen. Es bleibt also dabei, dass vor allem die Inszenierung dem Publikum hier einiges abverlangt, aber eben auch viel Gegenwert bietet.
So funktioniert im Verlauf der spannungstechnische Aufbau und die Zuspitzung im Bunker fantastisch, sodass man ein paar logische Widersprüche oder nicht ganz kohärente Figurenzeichnungen kaum merkt. Alles in allem ist die Serie aber in dieser zweiten Staffel noch ambitionierter als in der ersten, sodass man nun hoffen muss, dass alles, was am Ende hier im Vagen verbleibt, dann in einer dritten Staffel zufriedenstellend zum Abschluss gebracht wird.
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Unser Fazit zu Paradise - Staffel 2
Die zweite Staffel steht dem starken Auftakt in nichts nach, weiß abermals zu überraschen und vor allem - wer Dan Fogelmans This is Us kennt, wird dessen Handschrift erkennen - emotional jede Folge Momente zu kreieren, die die Charaktere auf menschlicher Ebene wirklich greifbar machen. Die Figuren stehen noch mehr im Mittelpunkt als die Mysterien und die Thrillerhandlung, was ein Stück weit dann auch darüber hinwegsehen lässt, dass hier nicht alles hundertprozentig ausgegoren wirkt. Am Ende ist die Vorfreude auf Staffel 3 schon jetzt riesig.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

