Bill Lawrence geht Apple TV fremd! Aber keine Angst, auch bei HBO Max bleibt er sich treu – mit Rooster. Wo ordnet sich die neue Comedyserie mit Steve Carrell im Œuvre des Shrinking-Machers ein?
Darum geht’s in Rooster
Rooster handelt von einem Autor (Steve Carell), der ein kompliziertes Verhältnis mit Tochter Katie (Charly Clive) hat, die als Dozentin an einem College lehrt.
Typisch Lawrence, …
Scrubs, Ted Lasso, Shrinking – die Verwandtschaft der Serien von Comedy-Autor Bill Lawrence fällt einem Blinden auf – wortwörtlich, weil sein Stil zu einem Großteil auf der Dialogwitz-Ebene durchschlägt. Entsprechend wird es nun keinen verwundern, wenn ich gleich an dieser Stelle wahlweise für Erleichterung oder für Enttäuschung sorge und Rooster exakt in diese Reihe einfüge. „Erleichterung“ für diejenigen, die nach Shrinking nur einen Streamingdienst weiter quasi mit einer Story fortfahren möchten, die genau in die gleiche Kerbe schlägt, sei es in der Charakterzeichnung, in der Art und Weise, wie die Gags ausgespielt werden, im soziokulturellen Milieu, in der gleichen von Akademikern durchzogenen Einkommensschicht, mit der gleichen Genre-Musikauswahl, der gleichen Folgenlänge und der selben Waage zwischen Witz und zwischenmenschlichem Drama.
Wüsste man es nicht besser, bzw. würden die beiden Formate nicht auf anderen Diensten laufen, Rooster könnte ohne jeden Zweifel als Shrinking-Spin-off durchgehen – was wiederum zu „Enttäuschung“ bei denen führen könnte, die sich Varianz in der Schreibe von Lawrence durch den Anbieterwechsel erhofft haben. (Die bietet vielleicht dann eher das bald erwartete Scrubs-Reboot, wobei selbst dort auf die Signature-Elemente dem ersten Eindruck nach nicht verzichtet werden muss und der Macher auch weiterhin immer wieder befreundete Schauspieler:innen in allen seinen Produktionen unterbringen kann.
… typisch Carrell?
Und dann kommen wir zur zweiten Déjà-vu-Gefahrenquelle dieser neuen Serie: Steve Carrell. Denn auch seine Figur kommt einem als Kenner seiner bisherigen Rollen nur allzu bekannt vor. Ja, er ist für diesen Charakter die Idealbesetzung, macht einen tollen Job, hat Chemie mit allen anderen im Cast und sein unnachahmliches Comedy-Timing findet auch in der Rooster-Rolle Anklang. Doch während er gefühlt durch die Rollen in The Morning Show oder Foxcatcher auch darstellerisch mal Neues zeigen konnte – quasi an seinen Aufgaben gewachsen ist -, ist das wieder der Steve Carrell aus dem Handbuch: leicht verpeilter Mid-Ager, Klischee-Boomer, dem man nicht böse ist, dass er auch mal die aktuellen political-correctness-Gepflogenheiten hinten anstellt und vor allem wieder ein Mensch der Kategorie „knuffig“.
„Sometimes I wish to become someone else“
„Sometimes I wish to become someone else“ – wenn der Autor in Bezug auf seinen titelgebenden Charakter diese Projektionsfläche aufmacht, dann fragt man sich schon, ob nicht auch ein großes Stück von Steve Carrell selbst wiedermal in seiner Rolle steckt. Doch bei all den bekannten Elementen dieser Dramedy-Show, kann man ihr handwerklich wirklich nicht am Zeug flicken: Rooster ist schlicht und einfach eine schöne, familiär-intime, jederzeit bombenfest pointierte Geschichte mit greifbaren Charakteren, in einem Setting, dessen eigene Regeln hier fantastisch zum eigenständigen Charakter der Produktion werden und mit einem Look and Feel, was zeitlos aber hochwertig daherkommt.
Analog zu Shrinking hat Rooster im College-Milieu wirklich glaubhafte Dialoge bei gleichzeitig romantisch überhöhter Rahmenhandlung. Das, was dann dort an leichter Sentimentalität durch den Harrison Ford-Charakter reinkommt, schafft hier in Ansätzen Scrubs-Veteran John C. McGinley, die Danielle Deadwyler-Figur ist das Äquivalent zur Jessica Williams-Rolle und Phil Dunster spielt eine Abwandlung von Luke Tennies Sean. Wie geschrieben: positiv kann man es als Handschrift, als Kontinuität, als Verlässlichkeit, als Erfolgsrezept bezeichnen. Will man jedoch etwas kritischer zu Werke gehen, könnte man auch sagen, dass sich inzwischen abgezeichnet hat, dass die Varianz von Bill Lawrence doch in einem überschaubaren Rezeptbuch festzustecken scheint.
Serien, die sich wie Nachhausekommen anfühlen
Wie bei einem guten Theater aber reicht auch eventuell schon das Personal auf der Bühne, um immer wieder zurückzukehren während sich Bühnenbild und Staffage nicht umfassend weiterentwickeln. Denn neben Carrell, der trotz aller Bekanntheit einfach wieder herausragend als Sympathieträger funktioniert, sind die anderen Figuren allesamt mehrdimensional und – fast noch wichtiger – werden von ihren Darstellenden jeweils binnen weniger Szenen zu gefühlt langjährigen Bekannten auf der Mattscheibe, weil man „Typen“ ähnlicher Art irgendwie immer aus seinem eigenen Leben kennen wird.
Wenn dann immer wieder doch noch die eine oder andere frische Idee, der ein oder andere unverbrauchte Gag hinzukommt, sodass man ein paar Mal auch als Kenner der Materie kleine Überraschung erleben wird, dann kann man sagen, dass sich Formelhaftigkeit für den Mensch als Routinier schlicht angenehm anfühlt. Kaum ein Seriencreator unserer Zeit hat wohl so eine Treffsicherheit, wenn es um das berühmte Heimkehr-Gefühl geht. Am Ende eines harten Tages ist es dann doch diese Verlässlichkeit, die zumeist die Seele genau richtig streichelt.
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Unser Fazit zu Rooster
Rooster ist Serien-gewordenes Safe Play. Nach Shrinking bekommt man hier eine weitere Facette der scheinbar gleichen Welt präsentiert: Ähnlicher Ton, vergleichbarer Witz, aber gleichwohl ein wieder astreiner Cast mit Identifikationsfläche für jedermann - und trotzdem noch der ein oder anderen netten Überraschung.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
