Mit Sons of Anarchy hat Kurt Sutter Shakespeare ins Biker-Milieu verlegt – und Serienkult geschaffen. Nun gibt es neues vom Showrunner und Autoren: The Abandons bei Netflix. Diesmal geht es ins Westernsetting. Kann Sutter auch „echte“ Pferdestärken jenseits qualmenden Zweiräder?
Darum geht’s in The Abandons
Washington-Territorium 1854: Das Schicksal zweier Matriarchinnen mit sehr unterschiedlichen Familien – die eine wohlhabend und privilegiert durch Blutsverwandtschaft, die andere zusammengewürfelt aus Waisen und Außenseiter*innen – ist durch zwei Verbrechen, ein furchtbares Geheimnis, eine unglückliche Liebe und ein Stück Land mit Silbervorkommen verbunden. Dieses Zusammentreffen spiegelt den amerikanischen Kampf zwischen Vermögenden und Besitzlosen an einem Ort, wo der Arm der Gesetzes nicht hinreicht.
Female Serial Powerhouses prallen aufeinander
Cersei Lannister versus Dana Scully – klingt nach richtig weirder Fanfiction, ist aber die Konstellation, die Fans der beiden Serienlegenden Lena Headey und Gillian Anderson in der neuen Westernserie The Abandons bei Netflix nun erwartet. Ist diese Konfrontation nun eine weibliche Antwort auf sowas wie Kevin Costners Hatfields and McCoys, wie es vielleicht schon das Poster zur Show andeutet? Will der SoA-Macher nun, bevor der Yellowstone-Hypetrain endgültig aufs Abstellgleis abbiegt, noch selbigen aufspringen? Hat man mit dem Ansinnen, dem Western-Primus Konkurrenz zu machen, mehr Erfolg als die vielen Projekte – einschließlich Costners eigenem Folgeprodukt Horizon? Oder: Will man überhaupt in diesen Gefilden wildern statt von Beginn an ganz selbstbewusst eigene Spuren in den Sand zu setzen, wie es die ersten Trailer suggerierten?
Fest steht, dass zum Ende des Jahres hier nochmal ein heißes Eisen von Netflix in die Manege geschickt wird, aber: hat sich das Warten gelohnt oder ist auch dieses Nachfolgeprojekt eines Machers einer Erfolgsserie nur der lauwarme Versuch, aus einem vermeintlich großen Namen Profit zu ziehen?
Ein smarter Zirkelschluss?
Die erste Serie, die bei Netflix in 2025 für Furore sorgen konnte, war mit American Primeval ebenfalls ein Western-Format. Nun rundet also The Abandons das Serienjahr ab, wobei im Vergleich mit der Peter Berg-Miniserie die Sutter-Produktion nicht von vornherein als Miniserie konzipiert ist. Was die beiden Titel jedoch eint, ist ein verglichen mit Yellowstone doch roherer und härterer Ton und ein hohes Maß an Brutalität. Doch recht viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es dann nicht – leider auch nicht qualitativ. Das fängt schon beim Look der neuen Serie an, der für einen rauen Western viel zu „clean“ ist: selten sah der Wilde Weste so künstlich/digital – und damit hässlich aus. Auch der Look von American Primeval war gewöhnungsbedürftig, aber immerhin ohne Zweifel wertig auf seine Weise. Das war hier nun auf die Augen des Publikums losgelassen wird, ist optisch in Teilen schon eine ziemliche Zumutung, zumal alle, die für einen Western einschalten, eine andere optische Gestaltung erwarten dürften.
Wenn es aber gelingt, über diesen mittelgroßen Malus hinwegzusehen – oder sich irgendwann daran zu gewöhnen, dann bietet sich einem hier durchaus eine zwar recht konventionelle Clan-Auseinandersetzung im Western-Setting, aber diese weiß durchaus dank dramaturgischem Feingefühl zu packen. Immer wieder wechseln wir zwischen den beiden rivalisierenden Familien hin und her, wobei man (vor)schnell Partei für die vermeintlichen Underdogs bezieht – nur um dann vor Augen geführt zu bekommen, dass man immer alle Seiten der Medaille sehen muss, um zu verstehen, wer warum so handelt, wie er handelt.
Es shakespeared mal wieder im Wilden Westen
Ein bisschen Ironie wohnt dem Ganzen schon inne: War Sons of Anarchy schon eine lose Hamlet-Adaption im Biker-Milieu, wandelt nun mit The Abandons eine weitere Sutter-Show auf den dramatischen Pfaden William Shakespeares. Denn natürlich erinnert eine Geschichte, in der zweit Familien im Zwist sind, an die Ausgangslage von Romeo und Julia. Das nun ins Western-Milieu zu übertragen, ist dann nicht ganz so innovativ wie Hamlet mit Motorrad-Gangs zu erzählen, denkt man an eingangs erwähnte Hatfields and McCoys – oder einige andere ähnliche Klassiker des Genres.
Aber natürlich ist Shakespeare per se zeitlos und universell und entsprechend kann man mit kleinen Feinjustierungen auch eine weitere solche Variation locker rechtfertigen, hat man ein so starkes Ensemble beisammen, wie hier – und gibt man den Stars dann entsprechend auch die richtig geschriebenen Rollen.
Tolles Ensemble …
Schon im Konzept ist hier Vieles auf die beiden Matriarchinnen zugeschnitten – und dies funktioniert dank der jeweils nachvollziehbaren Motivation, der im Kern aber gleiche Ziele verfolgenden Leading Ladies wirklich gut. Denn sowohl Anderson als auch vor allem Headey nimmt man ab, dass sie wie Löwinnen – und notfalls mit brutalsten Mitteln – die jeweils ihnen Nahestehenden beschützen wollen.
Darüberhinaus ist es ein smarter Dreh, dass man hier der als Cersei Lannister in einer Bösewichtrolle zur Ikone gewordenen Lena Headey die augenscheinlich sympathischere Rolle in diesem Duell gegeben hat und somit Gillian Anderson mit einer kühlen, kalkulierenden Darbietung hier emotional erstmal die antagonistische Position einnehmen muss. Treffen die beiden dann aufeinander, dann kann man die Spannung bei gleichzeitiger gegenseitiger Wertschätzung zu jeder Sekunde förmlich spüren.
Der überaus umfangreiche Cast ist dann gespickt mit allerhand bekannten Gesichtern, wobei es gar schwierig ist, einzelne noch hervorzuheben, weil in der Kürze der nur sieben Folgen, mit zum Teil nur 30 Minuten Laufzeit, wenige schon genug Screentime haben, um nachhaltig mit ihren Rollen zu verschmelzen. Wenn dann kann man auf jeden Fall noch Ryan Hurst als alten Sutter-Veteranen erwähnen und quasi die Romeo und Julia-Konstellation aus Nick Robinson (Love, Simon) und Aisling Franciosi (The Nightingale) hervorheben.
… in schwelendem Konflikt
Der Konflikt zwischen den beiden Seiten hat innerhalb der sieben Folgen mehrere Eskalations- aber auch Beruhigungsmomente, wobei man stets alarmbereit ist, weil in Western-Serie erfahrungsgemäß die Schwelle für Figurentode recht niedrig ist. The Abandons ist in großen Teilen eine dialoglastige, theaterartige Serie, die zwar auch Action-Szenen hat, aber im Vergleich mit American Primeval hier nicht den Schwerpunkt setzt. Vielmehr hat man den Eindruck, als wollte man mehr an die Erzählweise der Benchmark-Serie Deadwood anknüpfen, was in Teilen auch gelingt, zum Teil aber auch an tatsächlich neuen Ideen mangelt. Wenn es dann aber beispielsweise dann mal zu einer Verfolgung zu Pferd kommt, dann ist der Aufwand mitsamt Drohnenaufnahmen und Totalen zwar sichtbar enorm, wird jedoch von zu hektischen Schnitten in seiner Wirkung jäh ausgebremst.

Wie schon vor Release bekannt wurde, hat Serienschöpfer Sutter noch vor Drehende das Projekt aus den oftkolportierten „kreativen Differenzen“ verlassen, sodass nicht von der Hand zu weisen ist, dass hier erkennbar ist, dass vieles im Nachhinein nochmal umgeschnitten oder dramaturgisch verändert wurde. Wie es demnach um eine mögliche Langlebigkeit der Serie bestimmt ist, ist ungewiss. Fest steht: Zwar hat The Abandons deutliche Makel, doch im Großen und Ganzen ist die neue Serie hochwertig, packend und das World Building mitsamt dem Ensemble hätte Potenzial auch länger zu tragen.
© Netflix
Unser Fazit zu The Abandons
Mehr Potenzial wird in diesen sieben Folgen angedeutet als abgerufen: The Abandons hat einen zentralen, stark gespielten Konflikt zwischen zwei Stars in Topform, denen ein tolles Ensemble an die Seite gestellt wurde. An die zu scharfe 4K-Optik muss man sich dafür aber genauso gewöhnen wie an unausgewogen inszenierte Action-Momente. Alles in allem ist der Netflix-Start aber eher etwas für die Deadwood-Fraktion als für Fans von Neo-Western oder dem noch viel grimmigeren American Primeval.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
