Endlich mal wieder was Neues im Zeichentrick-Fantasy. Nach dem Erfolg von The Legend of Voice Machina schiebt Prime Video mit The Mighty Nein ein ähnlich gelagertes Format hinterher – und kann damit erneut bei Fans von D&D und Co. punkten.
Darum geht’s in The Mighty Nein
Eine Gruppe von Gejagten und Ausgestoßenen – voller Geheimnisse und Narben – wird durch ein gefährliches Artefakt, das sogenannte Beacon, in ein episches Abenteuer gezogen. Um den drohenden Zusammenbruch der Realität zu verhindern, müssen sie lernen, einander zu vertrauen und als Team zu bestehen.
Critical Role, die zweite
Critical Role ist eine amerikanische Webserie, in der eine Gruppe professioneller Synchronsprecher und Schauspieler Dungeons & Dragons spielen. Die Serie wurde erstmals im März 2015 auf dem Twitch-Kanal von Geek & Sundry live ausgestrahlt, nachdem ein großer Teil der ersten Kampagne privat gespielt worden war. Amazon Prime Video erkannte das Potenzial und die Liebe der Fantasyfans für ihre Geschichten und kreierte aus der ersten Kampagne die Animationsserie The Legend of Voice Machina. Bei Kritikern kam das Format überaus gut weg, überzeugte durch die analog zur Vorlage hohen Detailverliebtheit und schaffte es sogar Nicht-Kenner zu verzaubern. Nun wagt man sich an die zweite Kampagne von Critical und verfilmt auch diese unter ihrem Originalnamen The Mighty Nein als Zeichentrickserie für eine erwachsene Zielgruppe.
Nerdtum ernstgenommen
Schon Voice Machina war eine Show von Enthusiasten für Enthusiasten, denn was die Critical Role Crew für Dungeons and Dragons tut, geht weit über klischeehaftes Nerdsein hinaus und ist in Sachen Passion kaum hoch genug einzuschätzen. Entsprechend muss man aber auch Amazon dankbar sein, dass sie dieser Liebe eine Plattform bieten, die über die Nische, die man bei Twitch ohnehin erreicht, hinausreicht. So ist nun auch The Mighty Nein ganz unabhängig vom Kampagnen-Ursprung schlicht und einfach ein wahnsinnig packendes Abenteuerformat mit vielschichtigen Charakteren, einer ausgefeilten Rätselgeschichte, politischer Subebene – und das alles in einer Zeichentrick-Güte, die leider heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist.
Kann man nämlich beispielsweise bei Invincible trotz seiner tollen Einzelbilder zweifelsohne eine ziemlich rudimentäre Animationsqualität unterstellen, so ist hier im Vergleich die Bewegtbild-Animation auf einem anderen, Anime-würdigen Level, weshalb man gut und gerne auch später einmal eine weitere Geschichte aus diesem Kosmos ins Kino bringen könnte, ohne sich stilistisch allzu sehr nochmal verbiegen zu müssen, um Leinwandtauglichkeit zu erreichen.
Diverses Team, mysteriöse Artefakte …
… das klingt schon ein bisschen auch nach der Erfolgsformell der weltbekannten One-Piece-Reihe. Und auch weil sich hier die Charaktere erst im Verlauf der Folgen zu einem Team formieren, ist für diese Form von Abenteuerserien ein bewährter Ansatz. So lernen wir hier erstmal in zum Teil wirklich starken Einführungskapiteln die wichtigen Akteure eigenständig kennen, ehe sich dann peu à peu die Wege mit dem gemeinsamen Ziel kreuzen.

Die laienhafte, aber umso liebevollere Konstruktion des Drehbuchs macht hier einen großen Teil der Faszination aus: Man merkt bei The Mighty Nein zu jeder Sekunde, dass der Fantasie von Critical Role keine Grenzen gesetzt werden, wodurch sich auch getraut wird, groß zu denken, ein extrem forderndes World Building immer weiter zu treiben und die verrücktesten Figurenkonstellation irgendwie zu arrangieren. Bei allem Fan Fiction-Esprit, das schon Vox Machina auszeichnete, hat auch die zweite Kampagne einen wahnsinnigen Charme, einen atemlosen Drive und bei alledem auf der Subebene in Bezug auf Außenseitertum und Queerness noch sehr, sehr viel zu sagen.
Nichts für Quereinsteiger
Man muss mit den grundlegenden Elementen, die Fantasyrollenspiele im Allgemeinen und Dungeons and Dragons im Speziellen über die Jahrzehnte in der Popkultur reifen und überdauern haben lassen, jedoch schon sympathisieren und vertraut sein. Für ein komplett fachfremdes Publikum ist dies nicht gemacht, aber das versteht sich eigentlich fast von selbst. Für Nichtkenner ist die in Ansätzen noch vergleichbare Herangehensweise von Arcane auf alle Fälle zugänglicher und an diese Epicness und audiovisuelle Opulenz kommt The Mighty Nein selbstredend in keinem Moment heran.
Aber bedenkt man, dass hier eben nicht eines der reichsten Spieleunternehmen der Welt unterstützend zur Seite stand, sondern zu einem Großteil wirklich auf der Arbeit von leidenschaftlichen Fans aufgebaut wird, dann kann sich das Resultat mehr als sehen lassen. Abenteuerserie, egal ob in Live Action oder animiert, haben es seit Jahren schwer, aber einmal mehr gelingt es einem Zeichentrickformat für das Genre ein Lebenssignal auszusenden – eines mit viel Liebe, die man honorieren muss.
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Unser Fazit zu The Mighty Nein
Man muss neidlos anerkennen, dass die Liebe, die in das Fanprojekt The Mighty Nein geflossen ist, in jedem Bild erkennbar ist. Das Abenteuer ist darüber hinaus fesselnd geschrieben, die Figuren bieten für jeden die passende Identifikation und auch die Härte stimmt in dieser Animationsserie. Kurzum: Wer The Legend of Vox Machina mochte, wird hier ohnehin keinen Weg dran vorbei kennen, aber auch wer schlicht eine herausragende D&D-Kampagne in Zeichentrick mitverfolgen will, sollte hier definitiv reinschauen!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
