Mit Nobody Wants This hat im letzten Herbst bereits eine RomCom das etwas angeschlagene Genre bei Netflix wiederbelebt. Too Much will es dem gleichtun und hat nicht minderinteressante Namen im Cast. Kann die Lena Dunham-Show aber auch qualitativ mit dem letztjährigen Hit mithalten?
Darum geht’s in Too Much
Die New Yorkerin Jessica (Megan Stalter) ist Mitte dreißig, überarbeitet und leidet unter ihrer Trennung – es sollte doch für die Ewigkeit sein. So kapselt sie sich langsam von allen ab, die sie kennt. Als sie jeder Block in New York nur noch an ihr eigenes Fehlverhalten erinnert, bietet sich ein Job in London als Ausweg an, wo ihr ein Leben in Einsamkeit ganz wie eine der Brontë-Schwestern vorschwebt. Doch dann begegnet ihr Felix (Will Sharpe), der eine wandelnde Red Flag zu sein scheint. Die ungewöhnliche Verbindung zwischen ihnen lässt sich nicht ignorieren, auch wenn sie eher Probleme schafft als löst. Doch zuerst müssen die beiden eine entscheidende Frage klären: Spricht man in Amerika und Großbritannien überhaupt dieselbe Sprache?
Jessica in London
Eine Amerikanerin flüchtet nach Europa und erlebt dort im Selbstfindungstrip einen Clash der Kulturen. Das klingt doch verdächtig nach dem Rezept, nach dem auch Emily in Paris bei Netflix gekocht hat. Doch Too Much ist anders – zum Glück! Denn hier werden die Klischees nicht wiedergekäut oder missverständlich interpretiert, sondern von Beginn an als Trope verwendet, anhand derer sich die eigentliche Story aufziehen lässt. Jessica erlebt in UK direkt eine harte Landung, als sich London eben nicht als das realgewordene Klischee aus ihrer US-amerikanischen Vorstellung entpuppt.
Sämtliche Typen, die hier aufeinanderprallen, werden ernstgenommen, nicht bloßgestellt. Diversität ist hier eben kein bloßes Label, sondern integraler Bestandteil, damit die einzelnen Figuren lebendig werden können. Ja, auch hier wird mit dem ein oder anderen Stereotyp gespielt, aber eben mit Sinn und Ziel. Bissiger Humor trifft auf Fremdscham-Comedy trifft auf Gesellschaftsporträt aus ungewohnter, unterrepräsentierter Perspektive.
Lena Dunham wurde durch Girls bekannt und hat damit das Romantic-Dramedy-Genre der Zehnerjahre maßgeblich mitgeprägt. Dann wurde es etwas stiller um die US-Amerikanerin, doch jetzt ist sie mit diesem Projekt für Netflix wieder da und verpflanzt ihre Beobachtungsgabe zum einen auf das britisch-amerikanische Verhältnis und zum anderen in das neue Jahrzehnt. Too Much ist Zwanzigerjahre durch und durch, also sowohl was die Zielgruppe und ihren Humorgeschmack anbelangt als auch was die Figurenkonstellationen betrifft. Das ist mutig, denn damit ist das Publikum, das sich hier wohl wirklich abgeholt fühlen wird, eher spitz als breit.
Will they, won’t they anno ’25
Erreichen wird die Serie aber auch Fans gefeierter Romantikserien der letzten Jahre, denn die Unperfektheit im gesamten Ensemble, speziell aber natürlich der beiden sich Begegnenden, namentlich Jessica und Felix, wird hier ein weiteres Mal als Statement ohne den erhobenen Zeigefinger verwendet. War schon Normal People quasi eine Antithese und zugleich der endgültige Abgesang auf das von Kitsch und Stereotypen überladene RomCom-Fernsehen, das sich um die Jahrtausendwende herum im Mainstream Bahn brach, ist Too Much nun zwar deutlich mehr auf den ein oder anderen schnellen Gag hin geschrieben, aber im Kern der Love Story auf der gleichen Wellen unterwegs.
Um die UK vs. US-Komponente vollends auskosten zu können, führt kein Weg daran vorbei, die neue Serie im O-Ton zu schauen, denn extrem viel der Komik, aber auch der Romantik kann sich nur über die sprachliche Ebene entfalten, wie sie die Macher sich erdacht haben – und was eben nicht übersetzbar ist. Universell hingegen funktionieren die feinen gesellschaftlichen Beobachtungen, die in den Figuren abgehandelt und teils auch durch den Kakao gezogen werden. Im exzessiven Smartphone-Umgang wird sich mit Sicherheit ein Gros der Zuschauerschaft wiederfinden – und leicht verschämt ertappt fühlen.
Paddington als Metapher für… alles?!
Direkt, ehrlich, unangenehm und dann wieder verträumt und abstrakt: Too Much ist schon nicht die Form von RomCom, mit der man sich berieselt, sondern steht wie gesagt in der Reihe der aktuellen Genre-Beiträge, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss. Und darauf muss man sich einlassen können, denn immer wieder übertreibt es das Dialogskript mit dem Zynismus und der Hang zum Kulturpessimismus kann auch schon etwas auf die Stimmung schlagen, sodass man sich beispielsweise in einer ausgedehnten Debatte über Paddington schon fragt, ob das ziellos ist. Die Pointen kommen hier nie mit dem Dampfhammer, manchmal sind sie sogar die Tatsache, dass es keine Pointe gibt und manchmal muss man extrem viel Geduld haben, bis der Aha-Moment kommt. Dann aber klickt es mehrmals so richtig und einem wird bewusst, wie stark tatsächlich die Hauptfiguren hier geschrieben sind.

All das wäre jedoch nur halb so gut vermittelbar, wenn nicht das Duo vor der Kamera so exzellent aufspielen würde und vor allem eine Chemie versprüht, die genauso strange ist, wie die Beziehung, die sich im Verlauf hier entwickelt. Will Sharpe war schon in der zweiten Staffel von The White Lotus eine Entdeckung, aber nun darf er als Hauptfigur noch mehr zeigen. Und Megan Stalter spielt sich hier ad hoc in die Riege der Favoriten für die kommende Award-Season: keine Scham, offenherzig, aber zugleich überzeugend darin, auf eine Sinnsuche zu sein und mit ihrem Selbst gerade nicht im Reinen zu sein.
Überraschungen garantiert
Kleiner Blick hinter die Kulisse: Wenn Netflix vorab seine Projekte zur Verfügung stellt, folgt dem Ganzen meist eine Liste an potenziellen Spoilern, die in der Berichterstattung ausgespart werden sollen. In diesem Fall hier gab es hier einen freundlichen Hinweis, etwaige prominente Gastauftritte nicht zu erwähnen. Dem wird hier natürlich entsprochen, ABER soviel sei gesagt: Die Cameos haben es in sich, und sind, wenn man es schafft, sich vorab von Spoilern abzuschirmen, wirklich gelungene Überraschungen!
© Netflix
Fazit zu Too Much
Too Much fährt mit dem RomCom-Genre Schlitten, ist zugleich aber eine der feinfühligsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. Dazu punktet die Serie von fantastischer Musik, treffsicheren Popkulturgags und herausragend aufgelegten Darstellenden. Man muss sich jedoch bewusst sein, was für eine Art von Serie man hier vorfindet - und wer dahintersteckt. Die direkte, explizite Tonalität will und soll anecken, kann aber auch teils zu offensichtlich provokant wirken. Ein bisschen Culture Clash, schräge Charaktere soweit das Auge reicht und einige wirklich frische Perspektiven entschädigen dafür, dass hier Tempo wirklich ein Fremdwort gewesen zu sein scheint.
Too Much startet am 10. Juli 2025 bei Netflix mit der ersten Staffel.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

