Benedict Cumberbatch wandelt stets zwischen Mainstream und Indie-Kino. Das Ding mit Federn bedient nun wieder zweiteres. Gleichzeitig soll der Sherlock-Darsteller darin besser denn je sein. Sollte also das kleine Projekt auch von der Masse wahrgenommen werden?
Darum geht’s in Das Ding mit Federn
Nach dem unerwarteten Tod seiner Frau ist ein junger Vater (Benedict Cumberbatch) mit seinen kleinen Söhnen plötzlich auf sich allein gestellt. Doch je mehr er sich um Halt bemüht, desto deutlicher spürt er in seiner Wohnung eine unheilvolle Präsenz: eine übergroße, menschenähnliche Krähe, die aus den Schatten auftaucht und sich nicht mehr verscheuchen lässt. Je tiefer sich der Vater in seiner Verzweiflung verliert, desto schwerer lässt sich die Kreatur von seiner eigenen aufgewühlten Psyche trennen – bis er nicht mehr weiß, wovor er seine Kinder eigentlich schützen muss.

Neigt Cumberbatch zur Wiederholung?
Benedict Cumberbatch scheint es mit übergroßen, imaginären Fantasietieren zu haben. Selbst wenn die Netflix-Serie Eric nur wenige überhaupt gesehen haben, so werden sich diese wenigen Zuschauenden, sollten sie nun Das Ding mit Federn sehen, schon über diverse Parallelen wundern. In der Miniserie spielte der Brite einen Vater, dem die von seinem verschwundenen Sohn erfundene Fabelkreatur erscheint, hier erscheint ihm – wiederum als Vater, vor allem aber als trauender Witwer – nun ein Vogelwesen, das er selbst gezeichnet hat. In beiden Geschichten spielt Cumberbatch indes einen Menschen, der im kreativen Gewerbe aktiv ist. Und auch tonal sind sich die beiden Projekte gar nicht so unähnlich.
Doch es gibt etwas, was einen fundamentalen Unterschied macht, obwohl es jeweils darum geht, dass sich ein erwachsener Mensch statt sich in der Realität mit einem psychischen Problem auseinanderzusetzen die Flucht in der Fantasie sucht. Und dieser Unterschied ist die Ursache dieser Realitätsflucht: In Eric ist es die Verzweiflung, die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein eines Elternteils in Anbetracht der Entführung des einzigen Kindes, wobei da natürlich immer die Hoffnung auf ein gutes Ende noch intakt ist. In Das Ding mit Federn hingegen ist es die manifeste Trauer, die mit dem albtraumartigen Vogel auftaucht und quasi die depressive Schwere, für die der alleinerziehende Vater keinen anderen Kanal findet, mehr als nur symbolhaft darstellt.
Schauermärchen der plumpen Art
Die Metaphorik ist derweil hier so offensichtlich, dass man darauf eigentlich nicht groß eingehen muss. Hingegen diskussionswürdig ist die Inszenierung, die durchaus einige spannende Ansätze hat, vor allem, wenn der Film sich traut, mit typischen Horror-Stilmitteln, mit menschlichen Urängsten, mit einer bedrohlichen Stimme, die den Protagonisten heimsucht, spielt. Dabei setzt Regisseur Dylan Southern mehrfach auf den abrupten Szenenwechsel, was sich leider im Verlauf etwas in der Intensität abnutzt. Wenn nach einer Situation, wo der Trauernde eben von seinen Gefühlen in Form von halluzinationsartigen Ansagen der imaginären Krähe terrorisiert wird, er plötzlich seinem Therapeuten gegenüber sitzt und dieser mehrfach an der eigentlichen Schwere der Psychose vorbeitherapiert, dann verliert das Ganze ein bisschen an Glaubhaftigkeit und Punch.
Je weiter der Film voranschreitet, desto massiver wird der Einfluss der Krähe auf den künstlerisch veranlagten Witwer und desto manischer wird dessen Umgang mit den „Befehlen“ des Wesens. Das erinnert dann fast schon an Jack Torrance in Shining nur eben an der Staffelei statt an der Schreibmaschine. Natürlich kommt dabei Cumberbatch nicht an die Performance eines Jack Nicholson ran, aber er ist in diesem Drama mit Horroranstrich noch das Go-to-Argument. Auch wenn man vom Sherlock-Star schon ähnliche Leistungen sehen konnte, ist das, was der Brite macht schlicht auf einem so herausragenden Niveau, dass er selbst aus diesem wirklich vorhersehbar-klischeehaften Schauermärchen noch ein bisschen was an Reiz rausholen kann.
Vergebenes Potenzial
Artverwandt ist Das Ding mit Federn dann nicht nur zu Eric, sondern auch zu in diesem Jahr erschienenen Fantasyfilm Dust Bunny von Bryan Fuller, wo sich ein Mädchen aus gar nicht so unähnlichen Gründen einen brutalen Unter-dem-Bett-Hasen imaginiert und letztlich beschwört. Doch Dust Bunny war leichtfüßiger, weil er visuell zugänglicher inszeniert wurde, war kurzweiliger, weil man sich für eine Verortung in einer John-Wick-artigen Fantasiewelt statt der „Realität“ entschied, war ausgefeilter, weil man sich an den typischen Kinderfantasien bediente und nicht versuchen musste, in eine erwachsene, kaputte Seele auf abstrakter Ebene einzutauchen.

Letztlich sorgen all diese kleinen Schwächen im Zusammenspiel dafür, dass diese Romanadaption der Emotionalität der Geschichte nicht wirklich gerecht wird, weil Das Ding mit Federn tonal unausgewogen wirkt, weil man die ansprechenden visuellen Ideen zu wenig zur Geltung bringt und weil letztlich für die Lauflänge viel zu wenig erzählt wird.
Dass hier mehr drin gewesen wäre, deutet vor allem das Kapitel an, das aus der Sicht der Jungen erzählt wird. Hier schafft es der Film, besser die Gefühlswelten zu veranschaulichen, weil hierbei durch die Kinderaugen geblickt wird. Wenn ein Kind sagt, „Dad war mal anders“, und auf diese Frage mit Schuldgefühlen reagiert, während jener Vater selbst mit einer Manie zu kämpfen hat und die Kinder zu vernachlässigen droht, dann wird klar, dass hier durchaus ein psychologisches Drama vorhanden ist, das sich zu erzählen lohnt. Leider hat Regisseur Dylan Southern nicht durchgehend die richtigen Mittel gefunden und gewählt.
© Plaion Pictures
Unser Fazit zu Das Ding mit Federn
Das Ding mit Federn ist eine klein angelegte Trauerbewältigungs-Schauergeschichte mit einem soliden Benedict Cumberbatch, aber darüber hinaus mit zu wenig Verve, um derlei emotionalem Drama etwas Neues abzugewinnen. Am Ende überwiegt der Verdacht, dass hier reichlich Potenzial ungenutzt bleibt - und dass es zu viele Filme und Serien gibt, die mit den verhandelten Themen einen versierteren Umgang gefunden haben. Denn unabhängig von irgendeiner Botschaft muss ein Film immer noch das Interesse halten und dieses Drama wird ein Gros der Zuschauer schon im ersten Drittel verloren haben.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

