Dachte man, Eli Roths Horrorlabel The Horror Section mit Ice Cream Man schon beerdigen zu müssen, landet nun in Kürze bereits der nächste außerirdische Ableger des Studios in den Heimkinos. Ist Jimmy and Stiggs mit seinem POV-Wahnsinn und Splatter-Trash-Manierismen jedoch die Chance auf Besserung – oder doch nur erneut verzweifeltes Zitateraten?
Darum gehts in Jimmy and Stiggs
Eine Flut schlechter Nachrichten stürzt den arbeitslosen Filmemacher Jimmy Lang in einen völlig außer Kontrolle geratenen Drogen- und Alkoholrausch, der ihn glauben lässt, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Aus Angst, dass die Aliens zurückkehren, kontaktiert er seinen alten Freund Stiggs, um sich gemeinsam auf den Angriff vorzubereiten …

From Trash Till Dawn
Bereits die an die Grindhouse-Zeit erinnernden Teaser-Trailer im Prolog stellen die Zielgruppe dieses Passionsprojekts unmissverständlich klar: All jene, die sich spätestens seit Planet Terror nach überzogenem Trash aus dem Händen von Robert Rodriguez, Quentin Tarantino und Eli Roth sehnen, dürften Morgenluft wittern. Denn Jimmy and Stiggs könnte der erneute Startschuss für eine totgeglaubte Trash-Renaissance sein. Nur ob die beiden Kurzfilme ausgerechnet in diesem Film gut aufgehoben sind, wird sich zeigen, schließlich ist auch Begos’ neuester Regieversuch eher sang- und klanglos untergegangen. Damit also nach Ice Cream Man der nächste Flop für die von Roth groß angepriesene Horror Section?
Nach Hause telefonieren
Ein Blick auf seine Filmografie verrät jedoch, dass dieser Stoff, unabhängig seines Erfolgs, in guten Händen liegt. Schließlich weiß Begos dank Bliss, VFW und Christmas Bloody Christmas nur zu gut, wie man aus absurden Grundideen schmutziges, grobkörniges und kompromissloses Spektakelkino der zweiten Reihe zaubert. Denn wenn Tarantino, Rodriguez oder Roth gerade ausgebucht sind und eine Regal tiefer die Alternative gefunden werden muss, landet man folgerichtig bei Joe Begos. So ist auch Jimmy and Stiggs erneut ein Exzess aus Drogen, Neonfarben, Schimpfwörtern und extremer Gewalt. Er attackiert die Sehgewohnheiten mit den skurrilsten Szenarien, nur um sie anschließend mit seinen gewöhnungsbedürftigen Trademarks auf die Leinwand zu prügeln. Was daraus entsteht, ist meist brachiales und unberechenbares, zugleich aber auch restriktives Genrekino, das immer wieder Gefahr läuft, zur bloßen Zitate-Show zu verkommen. Jimmy and Stiggs entwickelt dank Begos’ typischer „mit dem Kopf durch die Wand“-Eigensinnigkeit dennoch seinen ganz eigenen Reiz.
Begos, Began, Begun
Zwar lässt er sein Publikum länger als gewohnt schmoren, schockiert und überwältigt es jedoch umgehend und liefert gleichzeitig seine kreativste, aber leider auch beliebigste Arbeit ab. Jimmy and Stiggs beweist die Chutzpe, eine Qualität und ein Budget vorzutäuschen, die schlicht nicht vorhanden sind. Das Setting über die eigenen vier Wände hinauswachsen zu lassen, obwohl dafür jegliche Mittel fehlen, und praktische Effekte zu kaschieren, die zu jeder Sekunde als billigste Gummipuppen und sichtbare Attrappen entlarvt werden. Dadurch macht es am Ende auch keinen Unterschied mehr, ob menschliches Blut plötzlich leuchtend-orange, dickflüssig oder schaumartig wie das der Aliens aus den Körpern quillt, denn gedanklich ist man zu diesem Zeitpunkt sowieso längst dem Realitätsverlust des Filmes verfallen. All das könnte problemlos negativ ausgelegt werden. Schließlich wirkt der No-Budget-Film noch einmal deutlich billiger als seine vorherigen B-Movies. Und doch bleibt das Interesse an der schier endlosen surrealen Bilderflut bestehen.
Ein Hoch auf den altmodischen Genrefilm
Um sich an dieser Erkenntnis zu erfreuen und die Begos Formalität über die Funktionalität seines Werkes zu stellen, muss das Publikum allerdings einiges in Kauf nehmen. Das wird garantiert anecken und verärgern, kann aber ebenso begeistern, belustigen und atmosphärisch einziehen. Denn Begos wandelt immer wieder auf dem schmalen Grat, beinahe das moderne Pendant zu Tanz der Teufel zu erschaffen und Jimmy and Stiggs zugleich wie eine überlange V/H/S-Episode wirken zu lassen. Nur fehlt es der Slapstick- und der Freundschaftsebene dafür an Fingerspitzengefühl.

Die Kamera findet immer wieder neue Shots, Perspektiven und Fahrten, um mit diesen Vergleichen bestmöglich gleichzuziehen. Ob POV-Shots, die ungebrochen stehen gelassen werden, eine geradlinige Narrative, die so expressionistisch wie möglich umgesetzt wird, oder hanebüchene Szenarien, die zunehmend irrationaler werden und das Gefühl vermitteln, selbst fliegen zu können: All das stemmt sich mit allen Mitteln gegen die begrenzten Möglichkeiten.
Regression statt Revolution?
Begos beginnt auf einem Hochpunkt, schafft es aber nicht, diesen über die 80 Minuten Laufzeit hinweg aufrechtzuerhalten oder gar zu erweitern. Dadurch nutzen sich die Szenarien schneller ab, als einem lieb ist. Jimmy and Stiggs torpediert das sich ständig wiederholende Szenenmuster nur noch mit bloßer Gewalt, kleinen logistischen Spielereien oder neuen Waffen, sorgt aber weder für differenziertere Action noch abgefahrenere Szenarien. Gerade das wäre jedoch konsequent und angebracht gewesen. Schließlich bewies Begos in seinen bisherigen Regiearbeiten, dass eine gute Dramaturgie der Schlüssel zum Erfolg ist: Die Eskalationsspirale begann stets mit einem routinierten Aufbau, zog kontinuierlich an und steuerte langsam aber sicher auf die große Konklusion zu. So wurde das Ende unweigerlich zu einer Tour de Force für die Figuren und Zuschauer, für die alles auf dem Spiel stand. Genau diese Entwicklung bleibt er diesmal schuldig.
© Lighthouse Entertainment
Unser Fazit zu Jimmy and Stiggs
Als überschaubarer Genreentwurf bedient auch Begos’ neuester Ableger problemlos sein Nischenpublikum. Wer seine Handschrift kennt und liebt, bekommt genau das – und zwar lupenrein. Und doch verwundert die mangelnde Dramaturgie ebenso wie der fehlende Drang, immer noch einen draufzusetzen. Dadurch entstellt sich Jimmy and Stiggs förmlich selbst, bleibt jedoch trotz gewaltiger Abern ein bemerkenswerter Genrebeitrag. Als potentielle Kult-Spielwiese aus Unmengen an Drogen, Farben, Härtespitzen und billigen Puppen sorgt er zwar für ein amüsiertes Grinsen, wirklich viel macht er daraus jedoch nicht. Kurzum: gleichzeitig angenehm unterhaltsam und erschreckend ermüdend.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

