Es gibt Orte, die uns instinktiv Angst machen. Verlassene Häuser, dunkle Wälder oder enge Keller. Doch was passiert, wenn ein Ort vollkommen harmlos aussieht – und genau deshalb so verstörend wirkt? Mit Backrooms liefert uns Nachwuchs-Regisseur Kane Parsons seine Antwort.
Darum gehts in Backrooms
Clark (Chiwetel Ejiofor), der Besitzer eines heruntergekommenen Möbelgeschäfts, Eentdeckt im Keller seines Ladens eine unsichtbare Tür. Bald ist er wie besessen davon, das Geheimnis dahinter zu lüften, und vertraut sich seiner Psychologin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) an. Als sie ihm dorthin folgt, lauert hinter den Wänden etwas Düsteres – und Gefährliches.
Wie sich ein Independent-Studio entwickelt
A24 hat sich in den vergangenen Jahren vom unabhängigen Filmstudio zu einer der spannendsten Marken des modernen Kinos entwickelt. Mit Filmen wie Hereditary, Midsommar, Everything Everywhere All at Once oder Talk to Me bewies das Studio immer wieder ein Gespür für außergewöhnliche Stoffe und kreative Köpfe. Nun wagt sich A24 gemeinsam mit Horror-Spezialist James Wan an die Verfilmung eines Internetphänomens, das Millionen Menschen fasziniert und verstört hat.
Viele Horrorfilme setzen auf Monster, Ekel oder Dämonen. Andere auf Gewalt oder Schockmomente. Backrooms verfolgt hier jedoch einen völlig anderen Ansatz. Auch wenn einige Jumpscares und verzerrte Fratzen auftauchen, versteht es Kane Parsons bemerkenswert gut, die Faszination der originären Internet-Creepy-Pasta auf die große Leinwand zu übertragen. Die größte Bedrohung geht hier nicht von einer Kreatur aus, sondern von der Umgebung selbst. Die scheinbar endlosen Flure, identischen Räume und das sterile Neonlicht erzeugen eine Atmosphäre, die von Minute zu Minute beklemmender wird. Ein Escape-Room-Extreme eben.
Kleine Nuance der Abweichung, großer Effekt
Gerade weil die Räume so vertraut wirken, entfaltet sich ihr Schrecken besonders effektiv. Jeder Zuschauer kennt Orte wie diese. Verlassene Bürogebäude, Hotelflure oder Einkaufszentren kurz vor Ladenschluss. Orte, die eigentlich harmlos erscheinen und dennoch ein unangenehmes Gefühl auslösen können. Backrooms macht genau dieses Gefühl zum Zentrum seines Horrors. Hinter jeder Ecke könnte die Gefahr lauern. Hinter jeder Tür ein neuer Raum. Eine neue Szene.
Die eigentliche Hauptfigur des Films ist jedoch die Architektur. Parsons inszeniert die Backrooms wie einen lebendigen Organismus. Die Kamera gleitet durch Korridore, verliert sich in Sackgassen und zwingt das Publikum immer wieder dazu, die Orientierung zu verlieren. Türen erscheinen dort, wo vorher keine waren. Räume verändern ihre Struktur. Perspektiven wirken falsch.
Unterstützt wird dies von einem herausragenden Sounddesign. Das monotone Summen der Neonröhren entwickelt sich im Verlauf zu einem regelrechten Stressfaktor. Jeder Schritt hallt durch die Leere. Jede Bewegung scheint Gefahr anzukündigen. Und die Bewegungen werden auch durch die Kameraarbeit unterstrichen. Mal aus der Ego-Perspektive gefilmt, mal aus klassischer Beobachtersicht. Doch zu keiner Zeit unfokussiert.
Die vielen Gesichter des Chiwetel Ejiofor
Atmosphäre allein trägt jedoch keinen Film. Gerade bei einem Werk wie Backrooms, das über weite Strecken auf Isolation, Stille und Desorientierung setzt, braucht es einen Darsteller, der den Zuschauer emotional durch das Labyrinth führt. Diesen Anker findet der Film mit Oscarpreisträger Chiwitel Ejiofor. Was seine Leistung ausmacht, ist die enorme Wandlungsfähigkeit, mit der er Clark durch die Geschichte trägt. Zu Beginn begegnet er den Ereignissen mit nüchterner Rationalität. Er analysiert, beobachtet und versucht, die Regeln dieser fremden Welt zu verstehen. Doch je tiefer er vordringt, desto stärker beginnt diese Kontrolle zu zerbrechen. Zuweilen wirkt es so, als sei der unwirkliche Raum nur ein Spiegelbild seiner angeschlagenen Psyche. Doch wie bei so vielen Erklärungsansätzen, wird man eines besseren belehrt. Es ist eben nichts so, wie es scheint.
Ejiofor zeichnet diesen Wandel präzise nach. Die Veränderungen sind selten groß oder plakativ. Stattdessen sind es Nuancen, die seine Performance so wirkungsvoll machen: ein zunehmend fahriger Blick, eine Stimme, die langsam ihre Sicherheit verliert, oder eine Körperhaltung, die aus anfänglicher Entschlossenheit schrittweise Erschöpfung werden lässt. Mal wirkt Clark entschlossen und mutig, dann wieder verletzlich, verängstigt oder vollkommen verloren. In anderen Momenten blitzt sogar ein fast kindliches Staunen auf, wenn die Backrooms ihre nächste bizarre Ebene offenbaren.
Besonders beeindruckend ist, wie viel Ejiofor allein über Mimik und Präsenz vermittelt. Da der Film bewusst auf lange Erklärungen und ausufernde Dialoge verzichtet, liegt ein Großteil der emotionalen Erzählung in seinem Spiel. Seine Reaktionen werden zum Gradmesser für das Publikum. Wenn Clark beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln, spürt man die Beklemmung beinahe körperlich. Wenn er einen Hoffnungsschimmer entdeckt, keimt auch beim Zuschauer neue Zuversicht auf. So wird Chiwetel Ejiofor letztlich zum emotionalen Zentrum eines Films, dessen Antagonist aus Tapeten, Neonlicht und endlosen Korridoren besteht.
Zwischen Faszination und Frustration
Genau hier liegt allerdings auch die größte Herausforderung: die Atmosphäre ist überragend. Die Bilder bleiben auch lange nach dem Kinobesuch im Gedächtnis. Doch nicht jeder Zuschauer wird sich auf das bewusst entschleunigte Erzähltempo einlassen können. Manche Passagen des Films wirken dafür schlicht zu experimentell und verlangen Geduld. An anderer Stelle bleibt die Handlung bewusst vage, beispielhaft bei der Geschichte der Psychologin Dr. Mary Kline. Renate Reinsve spielt hier zwar solide auf, aber das Skript schafft es nicht, der erfahrenen Darstellerin so viel in die Hand zu geben, dass sie auch nur annähernd ihr Potenzial einbringen darf.
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Unser Fazit zu Backrooms
Backrooms ist kein gewöhnlicher Horrorfilm. Kane Parsons und James Wan verwandeln ein Internet-Phänomen in einen verstörenden, atmosphärisch dichten Albtraum, der weniger auf Schockmomente als auf psychologischen Horror setzt. Wie die rätselhaften Flure seiner Welt bleibt auch dieser Film noch lange nach dem Abspann im Kopf. Und vielleicht ist das die größte Stärke von Backrooms: Er zeigt, dass die beängstigendsten Monster manchmal gar keine Gestalt besitzen.
Pascal, Jahrgang 1998, lebt an der malerischen Nordsee und ist seit Ende 2024 Teil von Filmtoast. Er bringt dort seine Leidenschaft für Film und Serie ein – mit einem besonderen Fokus auf die handwerklichen Aspekte: Schnitt, Ton, Musik und Schauspiel stehen für ihn im Zentrum der Betrachtung. Beruflich ist Pascal als Kaufmann in der (Tiefkühl-)Logistik tätig, wo Struktur und Präzision genauso zählen wie in der Welt des Films. Serien wie House of Cards, The Morning Show und Infiltration gehören zu seinen Favoriten, während sein Filmspektrum von Blockbustern wie Inception und Star Wars bis hin zu Arthouse- und Independent-Produktionen reicht. Besonders beeindruckt hat ihn 1917, insbesondere in Bezug auf Schnitt und Kameraarbeit. Und wenn es um Soundtracks geht, steht für Pascal Hans Zimmer – allen voran mit seiner Komposition für Interstellar – ganz oben auf der Liste.
