Crime 101 – das ist nicht etwa ein Ratgeber für aufsteigende Kriminelle, sondern der neue, bis zum Rand starbesetzte Thriller von Regisseur Bart Layton. Kann der Inhalt halten, was die Verpackung verspricht? Hier erfahrt ihr es!
Darum geht’s in Crime 101
Der geheimnisvolle Mike Davis (Chris Hemsworth) betätigt sich als gut organisierter Räuber auf dem Freeway 101 in Los Angeles. Durch seine minutiös ausgefeilten Pläne schlägt er der Polizei seit jeher ein Schnippchen. Lediglich Detective Lou Lubesnick (Mark Ruffalo) erkennt ein Muster in den Überfällen des Gangsters, wird jedoch von seinen Vorgesetzten nicht ernstgenommen. Auf eigene Faust ermittelt er und heftet sich an Mikes Fersen. Dieser plant indes seinen bislang größten Coup, doch auch ihm liegen Steine im Weg. Nicht nur muss er Informationen aus der Versicherungsmaklerin Sharon Colvin (Halle Berry) herauskitzeln, ihm folgt außerdem der ungestüme Kleinganove Ormon (Barry Keoghan) auf Schritt und Tritt, um sich an Mikes Vorhaben selbst zu bereichern.

Ein Michael Männchen?
Atmosphärische Nachtaufnahmen der Straßen von Los Angeles, in denen Ganov:innen und Ermittler:innen Katz und Maus spielen. Ein dröhnender, bombastischer Score, der die Einstellungen der Autoscheinwerfer und Ampeln untermalt. Ein Cast aus Stars und Charakterdarsteller:innen, deren Figuren hin- und hergerissen sind zwischen dem Verbrechen und der Freiheit. Wen das an die Filmografie von Michael Mann und insbesondere seinen Action-Klassiker Heat erinnert, der dürfte die Hauptinspirationsquelle von Crime 101 erkannt haben. Bart Layton hangelt sich hier elegant, aber eng am Strickmuster von Manns L.A. entlang und liefert eine werkgetreue Übersetzung in die 2020er. Mark Ruffalo mag beileibe kein Al Pacino sein, Chris Hemsworth kein Robert De Niro und Barry Keoghan vielleicht nur knapp ein Val Kilmer. Trotzdem weht ein Hauch von Nostalgie durch dieses retroschicke Werk. Erinnert fühlt man sich an eine Zeit, in der Kompetenz und Stilsicherheit nicht der Feind des hochkarätig besetzten Ensemblefilms waren, sondern dessen Grundbedingung.
Laytons Vision, so man sie denn als solche bezeichnen kann, glänzt nicht durch eine eigene Handschrift oder neu gedachte Form. Wir finden mit Crime 101 wohl kaum den Neuling eines begnadeten Autorenfilmers in spe, sondern die Konstruktion eines überaus talentierten Handwerkers. So sehr der Streifen einen einzigartigen Ansatz vermissen lässt, so erfrischend wirkt es, wie spielend leicht es aussieht, wenn Layton ein handlungsfokussiertes Drehbuch in knackige Bilder überträgt. Wo sich 2026 Spielfilme von miserabel beleuchteten Werbespots kaum unterscheiden lassen, kann gekonnte Routine im Direktvergleich fast wie ein Zaubertrick erscheinen.

Von Szene zu Szene
Neben dem eleganten Kamerastil sticht in Crime 101 insbesondere die effektive Schnittarbeit des Editoren-Duos Julian Hart und Jacob Secher Schulsinger heraus. Der Fluss zwischen aufeinanderfolgenden Szenen wird durch den Einsatz kreativer Matchcuts gewährleistet, die nicht immer zwei visuelle Spiegelbilder miteinander verbinden, sondern oft auch auf Bewegungen abgestimmt sind. Zeit- oder Locationsprünge erfolgen streckenweise abrupt und werden scheinbar nur durch subtile Schauspielmomente oder Kameratricks eingeführt. Wenn Mark Ruffalo seinen Blick abwendet und das Bild umschneidet, wechseln wir nicht – wie ein geübtes Publikum vielleicht erwarten mag – in seine Perspektive, sondern bisweilen in eine neue Szene. Die einzelnen Versatzstücke greifen somit wie Hände ineinander und verschränken sich; das Ergebnis ist ein windschnittiges Seherlebnis mit einer 140-minütigen Laufzeit, die sich eher wie zwei Stunden anfühlt.
Bemängeln lässt sich indes die Regiearbeit Bart Laytons in puncto Statist:innenführung. In der längsten und komplexesten Actionsequenz des Films, in der Chris Hemsworth einem Motorrad fahrenden Barry Keoghan hinterherjagt, fällt bei aufmerksamer Betrachtung etwa auf, wie leer sich das Bild anfühlt, sobald wir die Nahaufnahmen verlassen. Autofahrer:innen, die Unfälle beobachten, fallen wie Marionetten, denen die Schnüre gekappt wurden. Niemand steigt aus, interagiert mit den Protagonisten der Szene oder schreit auch nur im Hintergrund. Selbst die diversen Kund:innen eines Kiosks, in dem Mike Ormon stellt, scheinen vom Angesicht der Erde zu verschwinden, sobald die Kamera sich von ihnen abwendet. Einmal registriert, können diese Ungeschicklichkeiten kaum ignoriert werden.

Stars im Fokus
Filmfans, denen die Schnörkel der Inszenierung vielleicht weniger ins Auge springen als die Starpower der Besetzung, dürfen aufatmen. Der bis zum Rand mit bekannten Gesichtern gefüllte Film weiß allen Spieler:innen einprägsame Momente auf dem Silbertablett zu präsentieren. Vor allem Halle Berry, um die es seit dem dritten Teil der John-Wick-Reihe recht ruhig geworden war, spielt ihre prominente Hauptrolle überzeugend und liefert eine respektable Comeback-Darbietung. Ihr Casting ist die Speerspitze der durchweg klug gewählten Besetzung, in der die meisten Darsteller:innen ihre eigenen Stereotypen bewusst herausarbeiten, ohne sie zu überspitzen. Der weltmännische Hemsworth trifft auf den unermüdlichen Ermittler Ruffalo, dem die nächtliche Denkarbeit aus den müden Augen spricht. Sogar Barry Keoghan funktioniert auch nach Oscar-Nominierung, Saltburn-Durchbruch und Beatles-Casting exzellent als tickende Zeitbombe. Keine der Besetzungsentscheidungen in Crime 101 ist subversiv, doch sie alle stützen wunderbar die Rollen, die sie ausfüllen.
Dabei ist angenehm, dass die Schauspieler:innen trotz allem nie lediglich sich selbst porträtieren. Sicher, Ruffalo hat in seiner Karriere schon genug Aktenschränke durchwühlt, um jede Bibliothek der Welt zu füllen. Durch kleine Variationen in Akzent, Betonung und Stimmlage hebt er seinen Lou jedoch von vorherigen Einträgen in seiner Filmografie ab. Keiner der Stars ruht sich auf der eigenen Persona aus – im Zeitalter eitler Selbstdarstellungen, besonders auf Selbstverständlichkeit belohnenden Streaming-Plattformen, bedauerlicherweise eine Seltenheit.
© Amazon MGM Studios
Unser Fazit zu Crime 101
Bart Laytons Crime 101 ist – nicht anders als sein Protagonist Mike – schwierig zu greifen. Ein wirkliches Profil, eine Geschichte, scheint er nicht zu haben. Sein Muster ist klar, doch Spuren hinterlässt er nicht. Abgesehen von unbestreitbaren äußeren Reizen scheint zunächst nicht viel hinter der Fassade zu stecken. Doch ein näherer Blick offenbart eine Effizienz, die unter dem Strich schlicht funktioniert. So richtig gelingt es Layton noch nicht, seinen Film tanzen zu lassen; dafür fehlen die Ausgelassenheit und der Kontrollverlust, die seine Vorbilder auszeichnen. Wer aber daran erinnert werden möchte, dass es möglich ist, tatsächliche Stars in Werken zu sehen, die ticken wie ein gut geschmiertes Uhrwerk, der ist hier an der richtigen Adresse. Trotz abgeschliffener Ecken und Kanten ist Crime 101 ein effektiver Crime-Thriller, der sich hinter wenigen Genrevertretern der letzten Jahre zu verstecken braucht. Der Regisseur lässt Hochambitioniertes einfach aussehen und macht Lust auf mehr. Auch die simple, aber konsequent ausgearbeitete Darstellung des Herausalterns aus einem Metier, das mit langjährigem Überleben darin zwangsläufig einhergeht, ist stringent erzählt und passt zur 90er-Atmosphäre, ohne nostalgisch verkitscht zu wirken. Schlussendlich trifft es der Titel doch perfekt: Dieser Film wurde nach Handbuch gebaut. Doch auch ein Handbuch muss erst einmal so makellos befolgt werden.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

