Deutsche Antikriegsfilme genießen in der Regel einen sehr guten Ruf. Hat Dennis Gansels Der Tiger das Potenzial, in einem Atemzug mit Das Boot, Im Westen nichts Neues oder Stalingrad genannt zu werden?
Die offizielle Inhaltsangabe von Der Tiger
Ostfront, 1943: Die fünfköpfige Besatzung eines deutschen Tiger-Panzers wird auf eine geheime Mission weit hinter die hart umkämpfte Frontlinie geschickt. Auf ihrem Weg nach Osten geraten die Soldaten nicht nur immer tiefer in feindliches Gebiet, sondern müssen sich auch ihren eigenen Ängsten und Abgründen stellen. Aufgeputscht durch das Methamphetamin der Wehrmacht, wird ihre Mission immer mehr zu einer Reise in das Herz der Finsternis.

Am Start und doch am Ende
„This Is the End“ – mit diesem legendären Song von The Doors beginnt der Klassiker Apocalypse Now. Unterlegt von hypnotischen Klängen sinniert Jim Morrison über das Ende einer Beziehung. Dafür nutzt er Bilder, die vermutlich einem Drogentrip entsprangen, zugleich aber auch perfekt den Wahnsinn des Krieges beschreiben. Während die US-Armee einen Wald mit Napalm in Schutt und Asche legt, sieht man immer wieder das Gesicht von Captain Willard (Martin Sheen), der, vom Alkohol umnebelt, seine Tage im Bett verbringt. Er ist wortwörtlich am Ende – und dennoch am Beginn einer Reise.
Dieses Lied passt inhaltlich auch perfekt zum Prolog von Der Tiger. In einem ähnlich apokalyptischen Szenario befinden sich 1943 der deutsche Leutnant Phillip Gerkens und die übrige Besatzung des namensgebenden Kampfpanzers im Zuge des Rückzugs aus Stalingrad. Während um sie herum alles in Flammen steht, überqueren sie in letzter Sekunde eine zur Sprengung freigegebene Brücke. Doch damit enden die Parallelen zu Francis Ford Coppolas Meisterwerk nicht: Auch Gerkens ist schwer drogenabhängig, geplagt von Schuld und eigentlich am Ende. Doch genau wie Willard muss er weit ins Feindesland vorrücken, um einen hochrangigen Offizier zu finden – und auch seine Reise besteht aus verschiedensten, teils surrealen Stationen, die allesamt fantastisch inszeniert sind.
Dantes Inferno
Der Tiger ist die erste deutsche Amazon-MGM-Produktion, die eine – wenn auch limitierte – Kinoauswertung erhalten hat. Betrachtet man die infernalischen Bilder gleich zu Beginn, versteht man diese Entscheidung nicht nur, man wünscht sich zugleich, dass Amazon den Kinorelease ausgeweitet hätte. Als zentrales Motiv wählt Gansel das Feuer. Kaum ein Ort bleibt verschont: Das ganze Land liegt unter einer Rauchwolke, Dörfer brennen nieder, während Schusswechsel in grellen Expositionen enden. Die Flammen werden zum Sinnbild des Krieges. Sie wüten unaufhaltsam, zerstören alles und hinterlassen nur Leid. Da Gerkens nach einer Rechtfertigung für seine im Krieg begangenen Gräueltaten sucht – jedoch nicht findet – greift man natürlich auch auf die christliche Symbolik des Feuers zurück.
Zugegeben, die Analogien sind nicht besonders einfallsreich, doch sie entfalteten ihre Wirkung. Die Zuschauer:innen werden – auch dank des brachialen Sounds – von Beginn an mitten ins Geschehen geworfen und begreifen, analog zu den Soldaten, dass der Krieg keine positive Seite kennt. Mag sein, dass wir das alle wissen, doch momentan wird deutlich, dass wir hin und wieder eine eindringliche Erinnerung an die Schrecken jener Zeit benötigen.
Innenansichten
Die Geschehnisse erleben wir ausschließlich aus der Sicht der Besatzung. Wie schon in Das Boot fährt man im namensgebenden Gefährt mit und spürt die Enge hautnah. Gansel und Kameramann Carlo Jevalic greifen dabei vermutlich auf ihre Erfahrungen aus der Serien-Neuinterpretation von Lothar-Günther Buchheims Roman zurück, um eine enorme Intensität zu erzeugen. Nahezu alle Angriffe auf den Panzer werden aus der Innenperspektive gezeigt. Da der Raum begrenzt ist, bleibt die Kamera zwangsläufig nah an den Figuren. Den Feind bekommt man dabei nie zu Gesicht – er ist und bleibt eine unsichtbare Bedrohung. Dadurch übertragen sich Anspannung, Angst, aber auch die Erleichterung nach einem überstandenen Angriff unmittelbar auf die Zuschauenden. Auch außerhalb des Tigers bleibt Jevalic mit seiner Kamera konsequent auf Augenhöhe. Muss etwa eine Mine entschärft werden, liegt er mit im Gras oder positioniert sich hinter den zur Untätigkeit gezwungenen Kameraden, sodass man den Nervenkrieg beider Seiten unmittelbar miterlebt.
Diese subjektive Sichtweise wird konsequent in die Erzählung integriert. Schon früh erfährt man, dass die Besatzung regelmäßig Methamphetamine schlucken. Auch wenn dies nicht explizit ausgesprochen wird, vernebelt es zunehmend ihre Sinne. Gansel und sein Co-Autor Colin Teevan – der ebenfalls am Das-Boot-Reboot mitgearbeitet hat – erzählen daher nur bedingt ein realistisches Kriegsdrama. Passend zur Kameraarbeit interessieren sie sich stärker für das Innenleben ihrer Figuren. Dieses ziehen sie so konsequent durch, dass einige das Ende verfluchen werden. Es ist – wie vieles im Leben – eine Frage des persönlichen Geschmacks: Bevorzugt man die Nüchternheit von Das Boot oder den Wahnsinn von Apocalypse Now?

Der Tiger hetzt die Meute
Damit Sympathie für Wehrmachtssoldaten entstehen kann, werden sie von jeglicher Nazi-Ideologie befreit: Fahrer Helmut verbietet explizit sämtliche Politik in seinem Panzer. Stattdessen sichern sie lieber das Überleben anderer, hinterfragen Befehle und sind – wie viele andere auch – lediglich Opfer eines sinnlosen Krieges.
Im Zuge der Auflösung macht diese Art der Figurenzeichnung durchaus Sinn. Wer sich allerdings daran stört, sollte sich von Gansel lieber Die Welle oder Napola – Elite für den Führer ansehen. Die Soldaten benötigen keine lange Einführung. Schon in den ersten Sekunden spürt man eine so starke Chemie unter ihnen, dass man gar nicht erst anzweifelt, dass sie ein eingespieltes Team sind. David Schütter, Laurence Rupp, Leonard Kunz, Sebastian Urzendowski und Yoran Leicher liefern allesamt bemerkenswerte Leistungen ab. Ihnen gelingt es – ohne viel Exposition – dreidimensionale Charaktere zu erschaffen.
Ebenso lebendig erscheint der titelgebende Tiger. Da er maßgeblich für das Überleben der fünf Männer ist, wird er gehegt und gepflegt. Sein Wohlergehen steht über dem der Crew. Wird er beschädigt, trifft sie das hart, denn die Auswirkungen seiner Zerstörung lassen sich mit Jim Morrisons berühmten Worten zusammenfassen: This is the end, my only friend, the end.
© Amazon MGM Studios
Unser Fazit zu Der Tiger
Prime Video startet stark ins neue Jahr. Regisseur und Autor Dennis Gansel liefert mit Der Tiger einen experimentellen Roadtrip in eine grausame Vergangenheit. Dank großartiger Darsteller, apokalyptischer Bilder und eines passenden Soundtracks bekommt man einen intensiven Einblick in die zerstörte Seele deutscher Soldaten. Wer jedoch großen Wert auf Realismus, historische Genauigkeit und eine klare Aufarbeitung der Schuldfrage legt, sollte vielleicht eher zu anderen Antikriegsfilmen aus der Epoche greifen.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

