Außer der Fluch der Karibik-Reihe haben es in den vergangenen beiden Jahrzehnten kaum Piratenfilm aus dem Nischendasein geschafft. Prime Video will das mit The Bluff ändern. Mit Erfolg?
Darum geht’s in The Bluff
Im Mittelpunkt der Handlung steht Ercell „Bloody Mary“ Bodden (Priyanka Chopra Jonas), eine ehemalige Piratin, die versucht, ihrer gewalttätigen Vergangenheit zu entkommen. Auf den Cayman Islands lebt sie mit ihrem Ehemann T.H. (Ismael Cruz Cordova), ihrem Sohn Isaac (Vedanten Naidoo) und ihrer Schwägerin Elizabeth (Safia Oakley-Green) ein ruhiges Leben. Als jedoch ihr früherer Kapitän Connor (Karl Urban) auftaucht, wird Ercell erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Connor ist auf Rache aus und zwingt sie, sich einem Konflikt zu stellen, der ihre Familie in Gefahr bringt. Um ihre Angehörigen zu schützen, greift Ercell erneut zu den Fähigkeiten, die sie hinter sich lassen wollte. Mit Schwertkampf, taktischem Geschick und Entschlossenheit stellt sie sich Connors Crew.

Zweiter Anlauf mit Chopra Jonas
Priyanka Chopra Jonas mag einer der wenigen indischen Mega-Stars sein, die es auch geschafft haben in Hollywood bedeutungsvolle Rollen zu ergattern, doch ihr erster großangelegter Prime-Aufschlag, die Agentenserie Citadel der Russo-Brüder, hat die Erwartungen seemeilenweit verfehlt. Nun bekommt sie in The Bluff eine zweite Chance für den Streamingdienst des Versandriesen das Publikum zu gewinnen und zu begeistern. Mutig ist es dabei allemal, ausgerechnet mit einem Abenteuer-/Piratenfilm in Richtung Massenmarkt zu schielen, ist das Interesse doch schon während die Fluch der Karibik-Filme noch im Kino liefen an diesem Metier wieder merklich abgekühlt. Andererseits: Wenn sich die Disney-Kollegen jahrelang nicht einig werden, ob und wie man die Jack-Sparrow-Story mit oder ohne den Headliner wiederaktiveren will, dann hat man hier zumindest aktuell keine direkte Konkurrenz auf den Weltmeeren zu befürchten.
Der Jahresstart war bei Prime dann im Filmbereich mit The Wrecking Crew gar nicht mal schlecht und tatsächlich war Priyanka Chopra Jonas selbst auch in einer kleinen Rolle Teil des größten Überraschungshits beim Dienst aus dem letzten Jahr, Heads of State. Dementsprechend stehen die Vorzeichen vielleicht gar nicht so schlecht, dass man mit diesem etwas anderen Projekt auch nicht Schiffbruch erleiden wird…
Erwartbar, heiter, anspruchsarm
Man imaginiere sich, was wäre, wenn Karl Urban, der inzwischen mit seiner Figur Billy Butcher aus The Boys eins geworden zu sein scheint, in der gleichen Gangart einen schurkischen Piratenkapitän mimt. Ihr habt das Bild vor Augen? Ja? Ich würde sehr viel drauf wetten, dass das, was er nun hier in The Bluff spielt, exakt dieser kleinen Vorstellungsübung entspricht. Man bekommt genau das, was man anhand von Synopsis und Zutaten von dieser Konstellation erwartet, aber das muss ja prinzipiell nichts schlechtes sein: Wer Wienerschnitzel bestellt, weiß ja auch genau, was er will und hat dann entsprechende Vergleichswerte.
Nicht nur in Bezug auf die Urban-Rolle bekommt man hier ein kurzweiliges Piratenabenteuer, das zu jeder Zeit Erwartungen erfüllen und nie unterwandern will. Der gesamte Film ist überraschungsarme Streaming-Kost, sogar der Look ist ziemlich standardmäßig, obwohl die Geschichte nicht im Hier und Heute sondern im 19. Jahrhundert spielen soll. Während man diesen „cleanen“ optischen Stil inzwischen bei den Streaming-Projekte schulterzuckend hinnimmt, die in unserer Zeit spielen, reißt einen hier dann diese Optik doch aus der Illusion raus und sorgt dafür, dass man sich nie wie an echten Orten fühlt, sondern der ganze Film wie die Vorführung in einem Themenpark wirkt.

Wen schicken wir jetzt dafür über die Planke?
Erstaunlich ist dabei aber, dass sich die Macher dessen schon in gewissem Maße bewusst sind und man deswegen diese Theaterhaftigkeit irgendwann auch akzeptiert und The Bluff als das hinnimmt, was es ist, nämlich ein zutiefst klassisches Kostümdrama, eben nur mit aktueller Technik eingefangen und mit aktuellen Stars besetzt. Nicht ausblenden hingegen kann man über die gesamte Laufzeit hinweg die angesprochene Künstlichkeit dieser Produktion. Einen Piratenfilm, der so sauber, ja nahezu geleckt aussieht, kann man am Ende trotz einer in Teilen gar nicht unspannenden Story und solider Action nicht ernst nehmen.
So ist dann leider auch der neueste Streich der Kombination Chopra Jonas-Prime ein Schlag ins Wasser – während man zumindest mit der Erkenntnis zurückgelassen wird, dass, egal wie schlecht das Finale von The Boys in ein paar Wochen wird, die schlechteste Produktion mit Karl Urban hat man in diesem Jahr bereits gesehen. Und Billy Butcher funktioniert als dauerfluchender Gegner von Homelander wesentlich besser als als Schmalspur-Captain-Hook.
© Amazon MGM Studios
Unser Fazit zu The Bluff
The Bluff ist tatsächlich das, was der Titel schon verspricht - wenngleich das so sicher nicht gedacht war: Eine ziemlich vergessenswerte Luftnummer. Weder funktioniert Karl Urban in diesem zu digital anmutenden Piratenabenteuer noch erreicht man mit Priyanka Chopra Jonas zumindest noch die treusten Kino-Freibeuter. Am Ende ist dieser Prime-Film handzahm und man wird auch nicht bereuen, wenn man ihn sich mal an nem Sonntagnachmittag nebenbei zu Gemüte führt, doch alles in allem bleibt hier wohl kaum ein Bild im Gedächtnis - und die dünne Handlung erst recht nicht.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

