Auch in 2026 versucht Netflix direkt zum Jahresstart mit einem Hochkaräter zu punkten. Das war in den vergangenen Jahren selten von Erfolg gekrönt. Wie sieht es mit The Rip also diesmal aus?
Darum geht’s in The Rip
Als in einem verlassenen Versteck Bargeld in Millionenhöhe entdeckt wird, gerät das Vertrauen innerhalb eines Polizeiteams aus Miami ins Wanken. Als externe Kräfte vom Ausmaß der Beschlagnahmung erfahren, stellt sich die Frage, auf wen sie sich noch verlassen können.

Sitzt der erste Schuss 2026?
Schaut man zurück auf die letzten Jahre, dann muss man doch mit wenigen Ausnahmen resümieren, dass die Jahresstart-Titel von Netflix selten qualitative Highlights waren: The Pale Blue Eye 2023 war zwar okay, aber in Anbetracht des Cast doch ernüchternd belanglos, Lift und Good Grief waren 2024 richtige Rohrkrepierer und im vergangenen Jahr hat man mit Back in Action ein außerordentlich missglücktes Comeback von Cameron Diaz für einen holprigen Jahresstart auserkoren. Nun sollen es die Buddies Ben Affleck und Matt Damon richten, aber schon der Regisseur Joe Carnahan wird beim geneigten Filmfan schon wieder die Alarmglocken schrillen lassen, hat der US-Amerikaner 2025 mit Shadow Force einen der schlechtesten Actionfilme des Jahres verbrochen. Doch vielleicht kann er nun dank des starken Cast an bessere Zeiten und solide Thriller wie Copshop, The Grey oder Smokin‘ Aces anknüpfen.
Immerhin hat die Netflix-Produktion neben dem Dogma-Duo noch weitere derzeit gefragte und gelobte Stars im Cast: Teyana Taylor hat in One Battle After Another wahrlich Eindruck hinterlassen, Steve Yeun ist inzwischen sowohl im Blockbuster- als auch im Indie-Kino eine etablierte Größe und Nestor Carbonell und Kyle Chandler stehen auch sowohl in Serie als auch auf der Leinwand für Qualität. Zusätzlich wartet The Rip noch mit dem Kampfsport-Star Scott Adkins und dem Kurzzeit-Supergirl Sasha Calle auf. Die Zeichen stehen für Carnahan also eigentlich eindeutig auf Trendwende.
Ja ja, das Liebe Geld
Wie oft wurde es in Filmen – und in der Realität?! – Leuten schon zum Verhängnis, wenn plötzlicher Reichtum in unmittelbarer Reichweite scheint und man nur ein „bisschen“ in „rechtliche Grauzonen“ abdriften muss? Nun ja, insbesondere im Cop-Milieu hat das ja auch schon den ein oder anderen Filmplot zu füllen geschafft. Auch in The Rip geht es mal wieder um eine ziemlich klassische Korrupte-Bullen-Story, aber die Art und Weise, wie Carnahan diesen auf wahren Begebenheiten beruhenden Stoff nun inszeniert hat, sticht qualitativ zum Glück etwas mehr hervor als man es von Netflix-Thrillern zuletzt erleben musste.
Zum einen ist schon mal das Setting in Miami ein kleines aber angenehmes Novum, haben zum Beispiel der erste Criminal Squad-Film , Guy Ritchies Cash Truck oder Afflecks The Town andernorts tonal vergleichbare Stories geliefert, während man bei Miami zuerst einmal an die deutlich übertriebener angelegte Bad Boys-Reihe denken wird. Verglichen damit ist nun aber The Rip deutlich näher an der kammerspielartigen Atmosphäre von Carnahans leicht unterschätzten Copshop mit Frank Grillo dran – hat aber hier im direkten Vergleich einen doch um einiges potenteren Cast vorzuweisen, der glücklicherweise auch in Gänze sichtlich Bock auf dieser Projekt hatte.
Wendungsreicher als erwartet
Wenn man hier direkt ein Manko ausmachen kann, dann ist es wahrscheinlich das Tempo im Anfangsdrittel, wenn die Story doch etwas zu viel Anlauf braucht, um in Fahrt zu kommen. Doch ab einem gewissen Punkt ist man dann voll drin und wird in mehreren einengend inszenierten Situationen auch richtig gut in die Geschichte gezogen.
Man merkt zwar schon immer wieder, dass sich Joe Carnahan hierfür bei bekannten Genre-Hits Inspiration geholt hat, beispielsweise bei so etwas wie The Departed, aber im Großen und Ganzen gelingt es hier innerhalb der knapp zwei Stunden einen stimmigen, für sich geschlossenen Thriller vorzutragen, der vor allem ab der Hälfte mit mehr Twists daherkommt, als man es zu Beginn erwarten würde. Denn die in Teilen etwas flach gezeichnet anmutenden Charaktere haben fast ausnahmslos mehr Fleisch am Knochen als es anfangs scheint, was man durchaus als guten Kniff im Skript honorieren muss. So kommt man als Zuschauer nicht allzu schnell selbst dahinter, was tatsächlich im Hintergrund vor sich geht – ohne zu viel an dieser Stelle zu verraten.
Mit Schauspielern, die Bock haben
Die Action ist dann zwar auf wenige Szenen begrenzt, aber dann durchaus wuchtig umgesetzt, wobei hier eindeutig nicht die Stärke und der Fokus von The Rip liegt. Vielmehr überzeugt hier das behördeninterne Katz-und-Maus-Spiel mit den unerwarteten Wendungen und vor allem den ideal besetzten Rollen: Teyana Taylor ist einfach auch hier wieder richtig cool, Matt Damon hat inzwischen eine Art Mid-Life-Gravitas entwickelt, die ihn verglichen mit früher zu ganz anderen Möglichkeiten im Schauspiel treibt und endlich kann man Ben Affleck auch mal wieder ansehen, dass er Bock auf eine Rolle hatte.
Dann kommen noch die drei Schauspieler Kyle Chandler, Steven Yeun und Scott Adkins in prominenten Parts vor, die zum Teil gekonnt damit zu spielen wissen, was man auf Basis ihrer Vergangenheit von ihnen erwartet – was sie dann gut für überraschende Brechungen zu nutzen wissen. Und zusätzlich muss man auf jeden Fall noch Sasha Calle lobend erwähnen, die in dieses Macho-Milieu dann doch so etwas wie Emotionen bringt, die das Ganze um eine wichtige Sphäre aufwerten.

The Rip ist bei weitem kein Streifen, der lange nachhalt oder innerhalb seines Genres Bäume ausreißen wird, aber „für einen Netflixfilm“ ist das – man muss es leider so hervorheben – tatsächlich mal wieder ein Achtungserfolg. Handwerklich gut gemacht, dicht konstruiert, sodass man die kleineren Logikfragen einfach ausblenden kann und dank des herausragenden Cast auch vor der Kamera absolut kinotauglich.
© Netflix
Unser Fazit zu The Rip
The Rip hat Drive, nutzt vor allem die Enge der in Teilen kammerspielartigen Szenarien gekonnt aus und motiviert die beteiligten Stars zu engagierten Performances. Netflix hat endlich mal wieder einen Film, der nicht nur Content ist, sondern tatsächlich eine Daseinsberechtigung im Filmjahr 2026 auch redlich verdient.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

