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Oeconomia

Die erfahrene Dokumentarfilmerin Carmen Losmann untersucht in Oeconomia die grundlegende Funktionsweise der europäischen Finanzpolitik und der Geldwirtschaft des Kapitalismus im Allgemeinen. Im Folgenden könnt ihr unsere Meinung zu der gefeierten Dokumentation lesen.

OECONOMIA (2021) HD Trailer (Deutsch / German)

TitelOeconomia
Jahr2020
LandDeutschland
RegieCarmen Losmann
DrehbuchCarmen Losmann
GenreDokumentation
DarstellerSamira Kenawi, Dag Schulze, Marc Sierszen, Lino Zeddies, Stefan Krause, Elsa Egerer, Jean-Marc Decressonière, Thomas Mayer, Peter Praet, Armin Schlenk, Joachim Fels, Mathias Rusterholz, Nicolas Peter, Michael Heise, Andrew Bosomworth
Länge89 Minuten
FSKab 0 Jahren freigegeben
Verleihgood!movies
Das Plakat zum Dokumentationsfilm "Oeconomia"
Das Kinoplakat zu „Oeconomia“ © good movies!

Worum geht es in Oeconomia?

Eine Wirtschaftspublizistin, ein Physiker, ein Informatiker, ein Volkswirtschaftler, ein Diplom-Informatiker und Manager sowie eine Volkswirtschaftlerin spielen eine modifizierte Variante von Monopoly. Es beginnt nicht jeder Spieler und jede Spielerin mit einem bestimmten Startguthaben und es gibt auch keine festgelegte Geldmenge. Stattdessen gibt es Banken, bei denen sich die Spielenden zu bestimmten Konditionen Geld leihen müssen, um investieren zu können. Um die Schulden zu tilgen, sind sie letztendlich darauf angewiesen, durch ihre Investitionen Profite zu erwirtschaften. Nur auf diese Weise werden wiederum neue Anlagen ermöglicht, und das Spiel kann gewonnen werden. Den Spielerinnen und Spielern wird sofort klar, dass hier ein völlig andere Strategie vonnöten ist, als beim herkömmlichen Spiel. In den Gesprächen darüber stellt sich auch die Frage, welche der beiden Varianten der realen Geldwirtschaft eher entspricht. Haben wir womöglich völlig falsche Vorstellungen darüber, wie Geld in die Welt kommt?

Carmen Losmann begibt sich auf die Suche nach den Zusammenhängen zwischen Verschuldung, Wirtschaftswachstum und der zunehmenden Konzentration von Vermögen. Nach eigenen Angaben stellte sie seit der Finanzkrise fest, dass mit der steigenden Wirtschaftsleistung eine ebenso starke Verschuldung einherzugehen scheint. Doch wie genau korrelieren diese beiden Parameter und wer profitiert eigentlich von der steigenden Wirtschaftsleistung, und warum? Um Antworten zu finden, steigt sie tiefer in die Grundlagen des Kapitalismus ein. Zu diesem Zweck führt sie beispielsweise Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern privater Banken und Unternehmen, aber auch mit Peter Praet, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, sowie privatwirtschaftlichen Unternehmern wie Nicolas Peter (Finanzvorstand BMW Group). Trotz der tagtäglichen Beschäftigung mit der Finanzwelt scheint es ihnen schwer zu fallen, Antworten auf grundlegende Fragen nach den Ursprüngen des Geldes oder den Folgen eines ewigen Wachstums zu geben. Versteht die Geldpolitik sich selbst nicht mehr?

Die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi erläutert einen bestimmten Sachverhalt
Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi spielt in der Fußgängerzone die modifizierte Version von Monopoly © good movies!

Die Unkenntnis der Finanzwelt

Oeconomia ist eine erstaunliche Dokumentation. Nicht nur deshalb, weil sie dem Publikum spannendes, faszinierendes und lehrreiches Wissen zur Verfügung stellt, sondern vielmehr weil sie einem vor Augen führt, wie gering der Kenntnisstand über die Mechanismen der Geldpolitik bei einem Großteil der Bevölkerung ist. Dabei handelt es sich doch einerseits um einen Sachverhalt, mit dem jeder Bürger und jede Bürgerin tagtäglich zu tun hat und andererseits um ein Thema, welches immense politische Bedeutung hat und daran gemessen verhältnismäßig wenig Raum im öffentlichen Diskurs einnimmt. Losmann begnügt sich jedoch nicht nur mit der Bestandsaufnahme des vorhandenen Wissens, sondern weist darüber hinaus auf zahlreiche, weit verbreitete Fehlvorstellungen hin: Eine Bank muss einen vergebenen Kredit nicht selbst decken können; die Europäische Zentralbank druckt ständig neues Geld, ohne dass es zu einer problematischen Inflation kommt; und ohne Schulden kann niemals neues Wachstum generiert werden.

Auf diese Weise deckt Carmen Losmann auf ihrer Reise in die Finanzwelt geschickt und verständlich das falsche Bild der Funktionsweisen von Banken, aber auch der Wachstumswirtschaft im Allgemeinen auf. Hat man Oeconomia einmal gesehen, so lassen sich massive Investitionsrückstände in Bereichen wie Infrastruktur oder Bildung durch eine Schuldenbremse erklären. Losmann räumt mit dem Mythos, die Schulden von heute seien Lasten für künftige Generationen, ein für allemal auf. Dabei zeigt sie, dass nicht nur die Menschen außerhalb der Finanzblase zu geringe und zum Teil falsche Kenntnisse besitzen, sondern dass auch Politikerinnen und Politiker, sowie Volkswirte und Volkswirtinnen nicht durch angemessenes Hintergrundwissen geleitet werden. Schlimmer noch jedoch ist, dass diese klassischen Vorstellungen immer noch an Universitäten gelehrt werden. Die Regisseurin beweist in diesen Zusammenhängen ein feinfühliges Gespür für einfache, fast schon banal anmutende Fragen, die bei näherer Betrachtung allerdings überaus komplex werden und die interviewten Personen des Öfteren zu entwaffnen scheinen.

Die Regisseurin von "Oeconomia" Carmen Losmann
Regisseurin von „Oeconomia“: Carmen Losmann © good movies!

Fragen über Fragen

Wie auch schon bei ihrem vorherigen, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Work Hard – Play Hard, gelingt es der Regisseurin ihre eigene neugierige Reise zu dokumentieren, ohne sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. So tritt die Regisseurin beispielsweise in Form eines Voice-Over oder auch als handelnde Person an einem Visualisierungsprogramm in Erscheinung, ist jedoch zu keinem Zeitpunkt in visueller Form präsent. Selbst bei den Interviews ist allenfalls eine Bemerkung oder eine Nachfrage ihrerseits zu hören. Die Interviewten nehmen den gesamten Bildrahmen ein, sodass es so scheint, als sprächen sie nicht nur zur Interviewerin, sondern zum Publikum selbst. Durch das Ausschneiden der gestellten Frage ergibt sich außerdem ein interessantes erzählerisches Mittel, dass eine für eine Dokumentation seltene Immersion der Interviewsituation erzeugt.

Oeconomia dokumentiert letztendlich den am Ende scheiternden Versuch, die Geldwirtschaft in ein passendes und praktisch anwendbares Modell zu überführen. Losmann selbst unternimmt den Versuch mithilfe einer Visualisierungssoftware und muss trotz mehrschichtiger Ebenen erkennen, dass sich die Situation als nicht nur kompliziert, sondern kaum übersehbar herausstellt. Bei näherer Betrachtung stellen die meisten Expertinnen und Experten fest, dass es sich aktuell um ein überaus instabiles Gebilde handelt, dass kaum mehr zu sichern ist. Auch wenn der Film selbst nicht auf alternative monetäre Systeme zu sprechen kommt, so kann man sich dennoch auf der Website des Films über diese informieren, wodurch der Film auch über sich hinaus Materialien und Anregungen bietet. Oeconomia hat zu keinem Zeitpunkt den Anspruch einer lückenlosen Aufklärung, sondern räumt vor allem mit gängigen Mythen auf, um anschließend auf die wirklich wichtigen Fragen aufmerksam zu machen. Am Rande werden dabei auch Zusammenhänge zu klimapolitischen Problemen herausgestellt.

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank Peter Praet muss überlegen
Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank Peter Praet lässt sich von seinen Assistenten bei der Beantwortung der Fragen helfen © good movies!

Eine sagenhafte Bildkomposition

Oeconomia bezieht sich auf ein theoretisches, abstraktes Thema. So würde man nicht meinen, dass die Bebilderung einer solchen Dokumentation eine allzu große Rolle spielte und doch sind die Bilder von Kameramann Dirk Lütter von solcher Intensität, dass sie nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Er begibt sich mitten in den Dschungel der gläsernen Frankfurter Gebäudearchitektur. In ihr spiegelt sich einerseits die Öffentlichkeit und Transparenz der Unternehmen und Banken sowie andererseits eine unnahbare Distanz. Dieser Widersprüchlichkeit begegnet auch Regisseurin Losmann immer häufiger im Laufe ihrer Recherche. Zunächst sind alle wesentlichen Informationen zugänglich und können jederzeit abgerufen werden, während anschließend kaum jemand über eventuelle Ungereimtheiten sprechen möchte. Auch die ineinander verwobenen Architekturen und Spiegel erzeugen ständig visuelle Täuschungen und Brechungen mit dem Erwartbaren, trotz ihrer klaren Linien. Der Regisseurin ist in diesem Zusammenhang eine meisterhafte Bildkomposition gelungen, die das kalte und unbehagliche Gefühl der Thematik grundiert.

Nicht zuletzt weist Oeconomia neben klimapolitischen und volkswirtschaftlichen Problemen auch auf eine weitere Komplikation hin. Die meisten Menschen unserer heutigen Gesellschaft entwickeln berufsbedingt eine Art Nischenwissen. Häufig mangele es jedoch an den übergeordneten Fragen. So kennt sich ein Volkswirt der EZB vermutlich sehr gut damit aus, wie ein gewünschtes Wirtschaftswachstum mutmaßlich erzeugt werden kann. Allerdings muss er sich nicht die Frage stellen, welche Folgen dieses Wachstum hat. Wer verschuldet sich und wer gewinnt? Auch in Bezug auf diese Aspekte bemüht sich Carmen Losmann verschiedene Sichtweisen zu präsentieren, kann in diesem Punkt allerdings nicht aus dem Vollen schöpfen, sodass dieser Teil der Dokumentation möglicherweise etwas zu kurz kommt. Es werden allerdings mehrfach Anregungen gegeben, sodass der Film notgedrungen über sich hinausweisen muss.

Die verglasten Gebäude der Frankfurter Finanzwelt
Die Architektur der Frankfurter Finanzgebäude bieten vielseitige Deutungsebenen © good movies!

Unser Fazit zu Oeconomia

Carmen Losmann gelingt mit Oeconomia ein kleines Meisterwerk. In knappen 90 Minuten wirft sie brennende Fragen der Geldpolitik auf, geht diesen zumindest ansatzweise auf den Grund, revidiert gängige Fehlvorstellungen und entwickelt nebenbei eine modernisierte und „realistischere“ Variante von Monopoly in der Fußgängerzone. Dieses Spiel mit verschiedensten Menschen, die über die sich darbietenden Probleme inmitten einer belebten, städtischen Fußgängerzone (also der Gesellschaft selbst) in einen konstruktiven Diskurs treten, scheint die Forderung der Regisseurin zu verdeutlichen. Es müsse dringend über die ökonomische Realität unserer Gesellschaft aufgeklärt werden. Ihr Film liefert dazu einen eindrucksvollen Beitrag, weist zudem noch über sich hinaus und bebildert seine Ausführungen in einer bemerkenswerten Ästhetik. Oeconomia ist in diesem Sinne die vielleicht wichtigste Dokumentation des Jahres und das obwohl (oder gerade weil) sie am Ende mehr Fragen aufwirft als klärt. Allerdings stellt man nun endlich die „richtigen“ Fragen!

Oeconomia ist seit dem 25. März 2021 als DVD und VoD erhältlich!

Unsere Wertung:

 

 

Work Hard - Play Hard
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