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    Startseite » Bis ans Ende der Welt
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    Bis ans Ende der Welt

    Andreas Krasseltvon Andreas Krasselt4. Dezember 2019Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    Claire, gespielt von Solveig Dommartin, läuft links von Farber, gespielt von William Hurt, durch die australische Wüste. Zwischen sich tragen sie eine Flugzeugtür. Bei ihrer Wanderung passieren sie ein Wasserloch.
    Claire und Farber wandern mit einer Flugzeugtür durch die Wüste. © Studiocanal Home Entertainment
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    Ein Mammutwerk von fast fünf Stunden Laufzeit: Bis ans Ende der Welt gilt als Opus Magnum von Wim Wenders. Bei seiner Erstveröffentlichung im Kino brutal gekürzt, kann er erst in seiner gesamten Länge als Director’s Cut überzeugen. Wie sehr, erfahrt ihr in unserer Rezension.

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    Das Cover der Blueray von Bis ans Ende der Welt zeigt Claire Tourneur, gespielt von Solveig Dommartin, am Steuer ihres Wagens über eine frantösische Hochebene fahren. Sie hält ihre rechte Hand hoch aus dem Seitenfenster gestreckt.
    Das Cover der Blueray von Bis ans Ende der Welt. © Studiocanal Home Entertainment

    Darum geht es in Bis ans Ende der Welt

    Die bevorstehende Jahrhundertwende galt vielen Apokalyptikern als der perfekte Zeitpunkt für den Weltuntergang. So spielt auch Wim Wenders 1990/91 gedrehte Science-Fiction-Poesie Bis ans Ende der Welt im Übergang des Jahres 1999 zum Jahr 2000. Ein indischer Atomsatellit gerät außer Kontrolle, die USA wollen ihn vom Himmel schießen. Die Welt erwartet eine Katastrophe.

    Vor diesem Hintergrund irrlichtert Claire Tourneur (Solveig Dommartin) durch die Weltgeschichte und eben Bis ans Ende Welt, unklar, ob auf der Suche nach oder auf der Flucht vor sich selbst. Dabei trifft sie auf Sam Farber (William Hurt), der sich zunächst unter einem falschen Namen vorstellt. Farber wird verfolgt, weil er den Amis eine von seinem Vater entwickelte Spezialkamera gestohlen hat, die Gesehenes in Gedankenbilder umsetzt und abspeichert. Er hofft, dass seine blinde Mutter mit dieser Technik sehen wird.

    Farber, gespielt von William Hurt, ist links im Bild. Er blickt über seine linke Schulter auf Claire, gespielt von Solveig Dommartin, und hält sie in seinem linken Arm. Zwischen den Beiden hat sich eine Liebesbeziehung entwickelt.
    Zwischen Claire und Farber entwickelt sich eine Liebesbeziehung. © Studiocanal Home Entertainment

    Claire verliebt sich in Farber und setzt sich auf seine Fersen, unterstützt von dem leicht trotteligen und nie um ein Sprichwort verlegenen Detektiv Phillip Winter (Rüdiger Vogler). Die Verfolgung führt Claire und in unterschiedlichen Konstellationen etliche andere Beteiligte einschließlich ihres Ex-Lovers Eugene Fitzpatrick (Sam Neill) rund um den Globus, eben bis ans Ende der Welt. Denn schließlich landen alle im australischen Busch bei Farbers Eltern, die mit einem Aborigine-Stamm zusammen ein Geheimlabor betreiben.

    Die Träume des verrückten Wissenschaftlers

    Henry Farber (Max von Sydow) ist ein besessener Wissenschaftler. Als es gelingt, seiner blinden Frau Edith (Jeanne Moreau) zu relativ klaren visuellen Eindrücken zu verhelfen, stirbt sie aufgrund der Anstrengung. Henry Farber entwickelt sein Gerät weiter zu einer Traumaufzeichnungsmaschine, die eifrig von allen genutzt wird – aber leider abhängig macht. Claire wird schließlich von Fitzpatrick entführt und einem kalten Entzug unterzogen.


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    Ach ja, dann war da noch die Sache mit dem Satelliten. Der wurde in der Tat abgeschossen, der Weltuntergang fand aber nicht statt. Doch der EMP hatte unsere Protagonisten von der Welt abgeschottet und bis auf weiteres auf sich selbst zurückgeworfen. So weit, so komplex die Handlung.

    Es kommt doch auf die Länge an

    So komplex, wie der Film mit seiner Laufzeit von fast fünf Stunden selbst. Eine Länge, die er braucht. Die auf nicht einmal drei Stunden herabgekürzte Kinoversion von 1991 – von Wenders selbst als Reader’s-Digest-Version bezeichnet – konnte zu Recht damals niemanden hinterm Ofen hervorlocken. Erst im Director’s Cut kann Bis ans Ende der Welt die ihm eigene episch-philosophische Breite entfalten.

    Wer unterwegs ist, will in der Regel an ein Ziel gelangen. Im Roadmovie ist das Ziel eher nebensächlich, in einem Roadmovie von Wim Wenders erst recht. Auch wenn wir am Ende der Welt das Ende der Welt erwarten, sind es doch die Erkenntnisse, die wir auf dem Weg dorthin gewonnen haben, um die es geht. Oder anders gesagt: Es sind die Bilder, die wir unterwegs gesehen haben.

    Wenders Bis ans Ende der Welt ist eine Allegorie auf das Sehen, auf das Festhalten von Bildern. Aber auch auf die Gefahr, die von Bildern ausgeht, wenn sie sich inflationär in unsere Gehirne brennen. Die Sucht nach Bildern kritisch beleuchtet von einem Meister der Bilder. Schon in dieser Konstellation wird deutlich, das Wenders uns hier keine einfachen Antworten auf einfache Fragen liefert, sondern komplexe Sinnzusammenhänge entblättert.

    Sam Farbers Schwester Elsa, gespielt von Lois Chiles, posiert für die Aufnahme mit Farbers Spezialkamera. Sie sitzt auf einem Stuhl und blickt nach links in Richtung eines Fensters. Sie trägt ein Stirntuch um ihr Haar. Wenders stellte mit dieser Aufnahme ein Gemälde des niederländischen Barockmalers Jan Vermeer nach.
    Elsa Farber (Lois Chiles) posiert für die Aufnahme mit Farbers Spezialkamera. Wenders stellte mit dieser Aufnahme ein Gemälde Jan Vermeers nach. © Studiocanal Home Entertainment

    Zugleich produziert er ein Paradoxon: Die Kritik am Bild durch das Bild muss notgedrungen an ihre Grenzen stoßen. Insbesondere, wenn diese Bilder eine derartige Qualität besitzen. Wenders Kameramann Robby Müller fängt atemberaubende Landschaftspanoramen ein, die einen regelrecht einsaugen können. Bilder auch von surrealer Kraft, wenn etwa Claire bei ihrer Wüstenwanderung mit Farber eine Flugzeugtür mit sich herumschleppen muss. Bilder eben, nach denen man süchtig werden könnte.

    Wenn Bilder zur Gefahr werden

    Wenders dämonisiert die Bilder nicht, denen er schließlich selbst huldigt. Aber er kritisiert die Perversion der Bilder durch ihre technische Perfektion. Womit Bis ans Ende der Welt auch nach 30 Jahren von ungeheurer Aktualität ist. Wenn Bilder die Wirklichkeit ersetzen, wird der Fake zur Wahrheit. Wenn Wenders die falschen und narzisstischen Bilder der Traumsüchtigen anprangert, die wie gebannt vor ihren Handmonitoren sitzen und alles andere darüber vergessen, klingt dies wie die Vorwegnahme der heutigen instagramabhängigen Smartphone-Zombies. Und wenn die künstlichen Bilder die Träume ersetzen, oder anders gesagt: Wenn das Kino die eigenen Träume ersetzt, zerstört das die Träume. Und damit die Utopie. Denn wie Fitzpatrick sagt: „Wir müssen uns in unseren Träumen ein Bild von der Zukunft machen.“

    Bilder wohin man sieht

    Bilder durchdringen Bis ans Ende der Welt in allen denkbaren Variationen. Claire selbst filmt ihre Reise mit der Handkamera. Am Anfang bewegt sich sie sich auf einer Party zwischen etlichen Bildschirmen, auf denen ein Musikvideo flimmert. In nahezu allen Räumen gibt es Gemälde, Häuserfassaden sind übersät mit Graffitis. Doch es gibt auch den Widerstreit zwischen Bild und Wort, wenn etwa im australischen Höhlenlabor vor einem Bildschirm, über den Fitzpatrick das Geschehen beobachtet, sowohl ein Buch von Walt Whitman wie auch eine Ausgabe des Silver Surfers liegen.

    Fitzpatrick ist die heimliche Hauptfigur von Bis ans Ende der Welt, der Erzähler, der die Geschichte häufig aus dem Off kommentiert. Er ist Schriftsteller, der, nachdem der Computer versagt, tapfer wie Don Quixotte die Geschichte auf einer alten Schreibmaschine zu Ende bringt. Und den die Angst umtreibt, dass das Wort zwar am Anfang war, am Ende der Welt aber nur noch das Bild sein könnte. Dem setzt er die „heilende Kraft von Worten und Geschichten“ entgegen.

    Nachdem sie sich geprügelt haben, sitzen Fitzpatrick, gespielt von Sam Neill, und Farber gespielt von William Hurt, in Bis ans Ende der Welt im Knast. Fitzpatrick lehnt in der Zelle mit seinem Kopf an den Gittern, während Farber davor am Pult der Polizisten stehend und seine Ellenbogen darauf stützend seine Aussage macht.
    Nach einer Prügelei sitzen Fitzpatrick (Sam Neill) und Farber (William Hurt) in Bis ans Ende der Welt im Knast. © Studiocanal Home Entertainment

    Die Musik führt bis ans Ende der Welt

    Eine andere Form von Kommunikation ist die Musik, die in Bis ans Ende der Welt eine zentrale Bedeutung hat. Im Narrativ selbst, wenn in der australischen Abgeschiedenheit die Protagonisten nach und nach zu irgendwelchen Instrumenten greifen, bis sie schließlich bei einem Fest zum Jahreswechsel zu einer Band zusammengewachsen sind. Extrem erfolgreich aber war auch der Soundtrack, erfolgreicher sogar als die gekürzte Erstfassung des Films. Wenders gelang es, 16 seiner Lieblingsbands und -musiker – darunter Lou Reed, Nick Cave, Patty Smith, The Talking Heads, U2, REM und viele andere – dazu zu bewegen, eigens für Bis ans Ende der Welt Songs zu komponieren, die dem Film seinen hypnotischen Rhythmus verleihen.

    Formal fällt Bis ans Ende der Welt in zwei Teile: das tempo- sowie handlungsreiche Roadmovie und der lange Aufenthalt im australischen Outback. Dort hält die Zeit gleichsam an, die Reise rund um die Welt weicht einer Reise nach Innen. Nicht zufällig dient Australien hier als Handlungsort, das Land der Aborigines und der Traumzeit. Und in dem Maße, wie Farber Macht über Träume zu gewinnen versucht, ziehen sich die Aborigines von ihm zurück.

    Mein Fazit zu Bis ans Ende der Welt

    Ein Film von Wim Wender ist nicht zum abschalten, sondern zum einschalten des Kopfes. Bis ans Ende der Welt gilt als Hauptwerk des Autorenfilmers. Nicht nur wegen seiner exorbitanten Länge, sondern gerade wegen seiner intensiven Reflexion über das eigene Metier, über das Schaffen von Bildern. Dabei ist der Film ein wilder Mix unterschiedlicher Genres. Mal Science-Fiction, mal Drama, mal Liebesfilm, mal Film Noire, doch durchzogen von zahlreichen witzigen und aberwitzigen Momenten. Dabei nimmt er visionär tatsächliches vieles vorweg, was heute selbstverständlich ist. Vor allem aber ist es ein Film über die Macht von Bildern, auf den man sich einlassen muss. Trotz seiner Länge ruhig mehrmals, um immer wieder Neues zu entdecken.

    Der Director’s Cut von Bis ans Ende der Welt erscheint digital restauriert als Special Edition auf DVD und Blu-ray am 5. Dezember 2019. Die Bildqualität ist hervorragend und das Bonusmaterial enthält aufschlussreiche Interviews mit Wim Wenders.


    © Studiocanal Home Entertainment

    Andreas Krasselt

    Andreas lebt im Raum Hannover. Er ist Journalist und fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung – und nebenbei Musiker in einer Bluesrock-Band. Bei Filmtoast schreibt er seit 2019 Rezensionen. Filmfan ist er, seit er im zarten Alten von sechs Jahren von seiner Mutter jeden Sonntag in die Kindervorstellung des Stadtteilkinos abgeschoben wurde (so was gab es damals noch). Lieblingsgenre: Western, insbesondere die italienische Variante. Daher ganz klar der Lieblingsfilm: Spiel mir das Lied vom Tod, den er mit 12 schon dreimal im Kino gesehen hatte. Aber es gibt kaum ein Genre, dem er nichts abgewinnen kann. Weitere Favorites: Der Tod in Venedig, Im Zeichen des Bösen, 2001 sowie Leichen pflastern seinen Weg. Tja, und sein Guilty-Pleasure-Favorite ist Predator 2 von dem total unterschätzen Stephen Hopkins. Filme guckt er zwar gerne im Kino, ist aus Zeitmangel aber auf das Heimkino gewechselt, weshalb seine private Filmsammlung auch mehr als 1000 Titel umfasst.

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