Robin Wright war der eigentliche Star in House of Cards, doch anschließend kam im Serienbereich erstmal nichts mehr mit dem Forrest Gump-Star. Bis jetzt. Denn nun ist sie die Hauptfigur in Das Gift der Seele. Ist auch dieses Projekt wieder ein Genre-Höhepunkt?
Darum geht’s in Das Gift der Seele
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Michelle Frances erzählt Das Gift der Seele (OT: The Girlfriend) die Geschichte von Laura (Robin Wright), einer Frau, die scheinbar alles hat: eine erfolgreiche Karriere, einen liebevollen Ehemann und ihren geliebten Sohn Daniel. Doch als Daniel seine neue Freundin Cherry (Olivia Cooke) vorstellt, gerät Lauras perfekte Welt aus den Fugen. Nach einer angespannten ersten Begegnung ist Laura überzeugt, dass Cherry ein dunkles Geheimnis verbirgt. Doch ist Cherry wirklich eine berechnende Intrigantin – oder ist Laura einfach nur paranoid? Die Wahrheit bleibt eine Frage der Perspektive.

Psychoduell in der High Society
Das Setting, die Prämisse, die Machart – vieles erinnert in Das Gift der Seele an die Verfilmungen von Harlan Coben, die seit Jahren Netflix und weitere Streamingdienste quasi fluten. Und zugegeben: Selbst der Titel könnte von diesem Autor stammen. Doch entgegen der zumeist eher zweitklassigen Besetzung dort, wartet nun die Prime-Produktion mit einem Cast aus A-Listern auf, was im Prinzip dann das Projekt auch schon deutlich von der „Massenware“ abheben kann, nutzte man die schauspielerischen Qualitäten bestmöglich aus.
Aber bleiben wir zuerst nochmal bei der inhaltlichen Ausgangslage: wir befinden uns in London – und wie die ersten Szenen einem nur allzu offensiv vor Augen führen in der absoluten Einkommenselite der englischen Hauptstadt. Was dann hier multiperspektivisch erzählt wird, ist ein Thriller, der mit falschen Fährten, immer wieder kolossalen Twists und klassischen Genre-Elementen daherkommt, wobei das Publikum bewusst an der Nase herumgeführt wird, ob die Paranoia der Protagonistin berechtigt ist oder es eben ganz anders ist, wenn man auch die Gegenseite kennenlernt. Wir verfolgen also ein Psychoduell zwischen zwei Frauen, wobei die Männerfiguren hier sehr deutlich in die zweite Reihe verdrängt werden.
Schwarzhumorig, flott und mit Mystery-Touch
Das Gift der Seele weiß von Beginn an durch sein Pacing zu überzeugen, das mit treffsicherer Musikauswahl zusätzlich unterstützt wird. Die Konstellation mit zwei Frauen, die um eine dritte Person buhlen, wobei eine davon für die andere wegen ihrer mysteriösen Hintergründe eine Bedrohung darstellt, erinnert erstmal schon ziemlich an die kürzlich erschienene Netflix-Serie Sirens, wobei sogar das Milieu und das Look-and-Feel ziemlich ähnlich sind. Doch während sich die Netflix-Konkurrenz schnell als ziemliche Luftnummer in Sachen Mysterium entpuppt und am Ende eher einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, geht dem Pendant von Amazon nun nicht so schnell die Puste aus. Bei aller scheinbarer Vorhersehbarkeit, die der erste Eindruck vorgaukelt, ist diese Geschichte dann doch wirklich gespickt von WTF-Momenten, schwarzem Humor und bissiger Gesellschaftskritik.
Hatten die überzeichnete Charaktere in Sirens fast schon etwas Parodistisches an sich, überwiegt hier in Figurenzeichnung und vor allem auch im Schauspiel eindeutig der Psycho-Aspekt, wodurch der Mystery-Part nicht von den „dummen“ Ideen unterminiert wird. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass hier vereinzelt – mit Erfolg – mit Psychohorror-Stilmitteln agiert wird, wodurch die Spannungsebene erst ihr ganzes Potenzial ausschöpfen kann.

Zwei Darstellerinnen, die überzeugend die Psychos mimen
Und dass das hier so gut funktioniert, liegt vor in erster Linie daran, dass man Robin Wright die paranoide Mutter vollkommen abnimmt und dass Olivia Cooke nach Vollblüter wieder eine Psychopathin verkörpert, die einem wirklich den kalten Schauer den Rücken hinunter jagen kann. In manchen Momenten erinnert das hier sogar an den Oscar-Hit Parasite, denn es geht hier um eine Form von Eindringen in eine fremde Gesellschaftsschicht, wobei am Ende die Frage, wer eigentlich wo fehl am Platz ist, jede und jeder für sich selbst beantworten kann.
Robin Wright hat eine natürliche Autoritätspräsenz, die ihr in ihrer House of Cards-Paraderolle extrem geholfen hat, um mit der machthungrigen, eiskalten Politikerfrau und später Politikerin quasi eins zu werden. In Das Gift der Seele überträgt sich diese Form von unnahbarer Aura auf eine Mutterfigur, was jedoch überraschend gut funktioniert, um glaubhaft zu verkaufen, wie viel Kontrolle sie über ihren Sohn versucht zu behalten – und sie sich deswegen schon allein angegriffen fühlt, wenn dieser überhaupt eine andere Frau in sein Leben bringt. Dass das dann ausgerechnet eine junge Dame ist, die – so suggeriert es der Plot – tatsächlich berechtigterweise die Alarmglocken schrillen lässt, ist dann der Faktor, der das Ganze erst wirklich interessant macht.
Ja, das alles ist hier schon ziemlich konstruiert, aber dank zweier so stark ausspielender Antagonistinnen macht das bitterböse Duell richtig Spaß. In den besten Momenten erinnert der Vibe stark an Gone Girl von David Fincher – in ein paar Szenen, wenn das Drehbuch die Grenze zum Pulpigen zu sehr ausreizt, aber dann leider auch an Nur ein kleiner Gefallen von Paul Feig.
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Unser Fazit zu Das Gift der Seele
Das Gift der Seele hat zwei überragende Gegenspielerin, einen mitreißenden Erzählfluss und immer wieder starke Musikmomente, die die sechs Folgen nur so im Handumdrehen vergehen lassen. Da verzeiht man dann auch die teils hanebüchen konstruierte Story und den ein oder anderen Cringe-Moment.
Das Gift der Seele läuft an dem 10. September bei Prime Video.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

