The Supes are back in School! Die Spin-Off-Serie zu Prime’s The Boys geht in die zweite Runde. Kann Gen V das Niveau des Auftakts halten?
Darum geht es in der zweiten Staffel von Gen V
Die Schule hat wieder begonnen. Während sich der Rest Amerikas an Homelanders eiserne Faust gewöhnt, predigt der mysteriöse neue Dekan an der Godolkin Universität einen Lehrplan, welcher die Studenten mächtiger als je zuvor zu machen verspricht. Cate und Sam werden als Helden gefeiert, während Marie, Jordan und Emma widerwillig ans College zurückkehren – belastet von monatelangem Trauma und Verlust. Aber Parties und Vorlesungen erscheinen unwichtig angesichts des drohenden Krieges zwischen Menschen und Supes, sowohl auf dem Campus als auch abseits davon. Die Gruppe erfährt von einem geheimen Programm, das bis zur Gründung der Godolkin Universität zurückreicht und möglicherweise größere Auswirkungen hat als zunächst angenommen. Und irgendwie ist Marie ein Teil davon.

Der Nachwuchs bleibt beinhart
Schon die erste Staffel des Spin-Offs zur ultra-brutalen Superhelden-Satire The Boys steckt in Sachen schwarzen Humors, Blut und Gedärm und sexueller Explizität nicht vor der grenzenauslotenden Hauptserie zurück. Daran schließt man nun auch mit der zweiten Staffel an, wer also wegen der Derbheit und dem anarchischen Charme dieses Anti-Marvel-Universums von Beginn an dabei ist und nach vier Staffeln dem Gore und der Obszönitäten noch nicht überdrüssig ist, der darf bedenkenlos auch hier wieder von Woche zu Woche reinstreamen. Doch wie sieht es in Bezug auf die Geschichte, die Charaktere und eine Weiterentwicklung im Franchise aus?
Gen V – Staffel 2 setzt recht zeitnah an die erste an – und auch an die Ereignisse der vierten Staffel der Hauptserie, denn es wird direkt in der ersten Episode auf den Tod von Victoria Newman eingegangen. Dann gibt es nach dem Ende von Clancy Browns Figur als Dekan der Godolkin Universität hier einen neuen starken Mann, Cipher gespielt von Hamish Linklater (Life of Chuck), bei dem man von Sekunde eins keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass er auch der neue Bösewicht hier ist. Nach den Ereignissen der ersten Staffeln und der Enttarnung dessen, was tatsächlich von den Verantwortlich der Superhelden-Uni betrieben wird, verhärten sich die Fronten zwischen Supes und Normalos, was noch mehr den X-Men-Aspekt der ersten Staffel in den Vordergrund rückt – und Cipher ist quasi hier die Magneto-Version.
Zwischen den Stühlen sitzen hier – wiederum analog zur X-Men-Comicwelt – die jungen übernatürlich Begabten. Und so versucht der Dekan ziemlich offensiv die unsicheren „Mutanten“ gegen eine fingierte menschliche Bedrohung anzustacheln – währen der eigentlich „Big Bad“ ja bekanntlich weiterhin Homelander ist. Und Marie scheint tatsächlich noch mächtiger zu sein als sie selbst weiß, wie schon in Staffel eins angedeutet wurde und nun auch von der flüchtigen Starlight und dem obskuren Cipher bestätigt wird – mit der Folge, dass alle Lager die junge Supe auf ihre Seite ziehen wollen und Marie entsprechend zwischen passivem Spielball und selbstverantwortlichem Akteur zahlreiche wichtige Entscheidungen zu treffen hat.
Inzwischen fast alles gesehen
Lange Zeit schafften es die Boys-Geschichten einen immer wieder mit absurden neuen Superkräften zu überraschen, doch nach fünf Staffeln in Live-Action und einer Animationsserie hat man mittlerweile ziemlich viel absolut Schockierendes, extrem Ekliges oder zum Totlachen Lustiges kredenzt bekommen. Was will einem nach einem Herogasm noch schocken, fragt man sich. Wenn aber dieser Aspekt des Überraschungsmoments immer hintergründiger wird, muss dafür die erzählerische Tiefe noch stärker herausgearbeitet sein.
Man muss Gen V wegen der Story und den interessanten Figurenschicksalen schauen wollen und nur sekundär wegen den Schauwerten. Und tatsächlich gelingt es hier fast mehr als zuletzt in der Hauptserie, dass man interessiert an den jungen Akteuren bleibt und eine ganze Handvoll Sympathieträger ausmachen kann. Denn im Gegensatz zu den inzwischen von der Macht und Düsternis genauso korrumpierten Boys als Gegenspieler zu den vom Kapitalismus verzogenen Seven, haben die Studentinnen und Studentin hier noch inhärent „ehrliche“ Motive und einen einigermaßen intakten Moralkompass.
Coming-of-Age als USP
Wie in jeder guten College-Geschichte sind es auch in Gen V erstmal äußerlich extrem verkommenen Version unserer Realität die kleinen zwischenmenschlichen Geschichte, die das Salz in die Suppe bringen, das Spin-Off vom Original abgrenzen und vor allem hier die emotionale Einfühlung ermöglichen. Der Coming-of-Age-Part mit den Beziehungen und Liebesgeschichten zwischen den Studierenden funktioniert als solcher Anker und sorgt für die Erdung, die die Hauptserie irgendwann über Bord geworfen hat.
Geerdet – wie man es landläufig versteht – ist diese Comic-Serie natürlich trotzdem nicht. Dafür sind die Charaktere wieder zu überdreht und einiges als politischer Kommentar schon ziemlich forciert, plakativ und nicht ganz so treffsicher, wie es The Boys vor allem in der herausragenden zweiten Staffel mal war. Aber dafür funktionieren die Dynamiken zwischen den schon etablierten Figuren richtig gut, die Konflikte, die aufgezogen werden, haben Wucht und sind innerhalb der Boys-Welt nachvollziehbar und wenn dann doch wieder ein paar neue Charaktere noch mit in das ohnehin schon große Ensemble kommen, dann fügen diese sich ausnahmslos perfekt ein.

Und dann heißt es mal wieder warten
Amazon Prime hat im Vorfeld zu den Screenern der neuen Staffel ausdrücklich gewünscht, sich in Bezug auf mögliche Spoiler mehr denn je zurückzuhalten, woran wir uns hier natürlich halten werden. Dementsprechend seit nur gesagt, dass auch die zweite Staffel von Gen V sehr mit Twists und überraschenden Enthüllungen, aber auch wieder mit Cameos arbeitet, die beim Publikum bestimmt die gewünscht positiven Reaktionen und Gefühle auslösen werden.
Und was ebenfalls ohne Spoiler-Gefahr noch gesagt werden kann, ist, dass sämtliche Hauptfiguren mit ihren Kräfte-bedingten Bürden und Entwicklungen weiterhin extrem faszinierend zu begleiten sind: Sei es alles, was mit der doppelten Identität von Jordan, der Vorgeschichte von Marie, der gebrochenen Psyche von Sam oder auch dem Struggle von Emma angeht, schafft es das Spin-Off Fanfavoriten immer weiter auszustaffieren, sodass man sich schon gut vorstellen könnte, auch nach dem angekündigten Ende der Hauptserie dann mit diesen liebgewonnenen Figuren weitermachen zu wollen.
Nun heißt es aber erstmal wieder aushalten bis die finale fünfte Staffel von The Boys im kommenden Jahr erscheint – und dann auch das Prequel rund um Stormfront und Soldier Boy das Franchise um eine weitere Facette erweitert – und dann ist da ja auch noch das Mexiko-Spin-Off, das zwar lange angekündigt ist, aber um das es doch verdächtig still wurde seither. Nun bleibt zu hoffen, dass sich die stellenweisen Abnutzungserscheinungen, die ab Staffel 3 von The Boys und auch in Teilen in dieser Staffel nun zu spüren sind, nicht nur an Gewicht gewinnen und der eigentlich starken Marke eine Marvel-Müdigkeits-ähnliche Zukunft bescheren. Es wäre nur allzu ironisch, wenn die Persiflage am gleichen Problem zugrunde geht wie das Objekt ihrer Parodie…
© Amazon MGM Studios
Unser Fazit zu Gen V - Staffel 2
Ganz frisch ist die neue Staffel von Gen V nicht mehr und damit trägt sie das gefühlt selbe Schicksal wie die Hauptserie inzwischen. Doch dank starker Figuren bleibt man trotzdem interessiert und leidet gern in dieser Coming-of-Age-Geschichte mit ihnen mit. Es ist und bleibt eine extrem spannende Welt, die hier in Teilen unsere Realität satirisch reflektiert und mit gängigen Genre-Tropes Schlitten fährt.
Die neuen Folgen starten am 17. September bei Prime Video.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

