Mit VisionQuest endet die unkonventionelle Trilogie, die einst mit WandaVision begann und mit Agatha All Along fortgeführt wurde. Nun konzentriert sich die dritte Miniserie im Bunde auf den von Paul Bettany gespielten synthetischen Charakter. Ist das Ende rund oder hätte man die Maschine besser nicht neu hochgefahren?
Darum geht’s in VisionQuest
Vision lebt im Verborgenen, seit er neu gestartet wurde und jenen entkommen ist, die ihn als Waffe einsetzen wollten. Auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn wendet er sich an die in seiner Programmierung eingebetteten KI-Persönlichkeiten, darunter F.R.I.D.A.Y., E.D.I.T.H., J.A.R.V.I.S. und den berüchtigten Ultron. Sein unauffälliges Leben findet ein jähes Ende, als ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird und er gemeinsam mit Thomas Shepard auf der Flucht ist, einem mysteriösen Jungen, der möglicherweise Visions Sohn in einer neuen Inkarnation ist. Während Vision der Gefangennahme entgeht, muss er sich seiner eigenen Natur stellen, Ultrons Einfluss widerstehen und das Rätsel um seinen jungen Gefährten lösen, wenn er überleben will.

Letzter Strohhalm: VisionQuest
Als WandaVision 2021 als erste Serie des MCU auf Disney+ den Startschuss hallen ließ, war die Streamingwelt beim Maus-Konzern noch eine andere. Auch wenn man bezüglich des Kinoerfolgs nach Avengers: Endgame schon die Superhelden-Fatigue beschwor, waren die Verantwortlichen noch überschwänglich optimistisch, dass die MCU-Zukunft – Kinofilme und Streaming-Serien Seit an Seit – das Comicuniversum in der Phase nach dem großen (Zwischen-)finale in neue Sphären heben würde. Und tatsächlich kann man mit 5,5 Jahren Abstand heute sagen: Hätten alle folgenden Serien noch den Qualitätsstandards des Auftakts genügt, wäre Marvel bei Disney+ 2026 nicht in der Krise, in der sich die Sparte tatsächlich befindet.
Schon mit Falcon and the Wintersoldier kehrte damals Ernüchterung ein, weil man gefühlt am Ende der kleinen Serie genau wieder dort war, wo man am Beginn bereits war: Bringen die Serien auf dem heimischen Fernseher das große Ganze überhaupt voran? Wie sehr kann man bei den Kinofilmen darauf vertrauen, dass jede und jeder alles noch mitverfolgt? Die Resonanz des Publikums und vor allem auch der Kritiker verschlechterte sich – weil sich Disney zunehmend selbst im Weg stand – von Serie zu Serie, was in unterirdisch schlechten Projekten wie Secret Invasion und She-Hulk oder kompletter Belanglosigkeit wie Echo, Ms. Marvel oder Moon Knight mündete.
Und damit nahm der Teufelskreis seinen Lauf. Die Stimmung unter Fans wurde noch schlechter, die Klicks gingen in den Keller, die Werbung wurde auf ein Minimum zurückgefahren, was mit noch weniger Interesse an den Marvel-Serien bei Disney+ quittiert wurde. Parallel dazu wurde auch das Budget der Serienprojekte extrem zusammengedampft, was einerseits dazu führte, dass es immer weniger wurden und andererseits mit kleinerer Kasse die Qualität nochmals litt.
So viel vergebenes Potenzial
Eigentlich schade um dieses Standbein von Disney+, das nun komplett zu verschwinden droht, denn die zweite Staffel von Loki hatte nicht nur positive Resonanz geerntet, sondern auch bewiesen, dass die ursprüngliche Strategie doch hätte funktionieren können, weil man augenscheinlich nun auch bei künftigen Großprojekten im MCU auf die Ereignisse dieser Staffel rekurrieren wird. Agatha All Along und Werewolve by Night haben überdies mit dem Horror-Touch für die Spooky-Season durchaus stand alone funktioniert und Wonderman war mehr als nur ein Lebenszeichen.
Schaut man sich aber die Berichterstattung und die Ankündigungen des Konzerns der letzten Monate an, dann wird ersichtlich, dass man tatsächlich wenig Hoffnung auf Live-Action-Formate im Streamingkorsett setzt. Wonder Mans zweite, schon bestellte Staffel, wurde wieder abgesagt, das letzte, durchaus erfolgreiche Format Daredevil: Born Again wird auch mit der dritten Staffel enden.
Fortan sind erstmal nur noch Animationsprojekte im Marvel-Kosmos bei Disney+ in Planung. (Ob die jüngst angekündigte Zodiac-Serie 2028 kommt, muss sich erst noch bewahrheiten.) Und damit ist die Marvel-Live-Action-Sektion bei D+ im selben Krisenterrain angekommen, wo auch die zweite, altehrwürdige und eigentlich bombensichere Marke Star Wars inzwischen umhertümpelt. VisionQuest ist damit gleichzeitig das Ende einer Ära. Die Frage ist: Kann man das Buch mit einem Knaller abschließen oder unterstreicht das letzte Kapitel nur, weshalb es Zeit ist, Schluss zu machen?
Ein Androide auf der Flucht und auf der Suche
Was WandaVision damals zu einem kleinen bis mittelgroßen TV-Ereignis gemacht hat, waren vor allem zwei Faktoren: Das Konzept des Springens durch die Jahrzehnte der TV-Unterhaltung der USA als Erzählmittel mit Sinn und die Art und Weise, wie sich quasi eine ganze Staffel nur in versinnbildlichter Weise der fragilen Psyche der Protagonistin widmete. Das mündete am Ende zwar in eine, wiederum recht MCU-typische, Final-Effektorgie. Doch letztlich hatte das, was man über eine ganze Staffel beobachten durfte, wiederum für MCU-Verhältnisse, konsequente Auswirkungen.
Interessant ist nun, wie VisionQuest ein Stück weit diese Idee der Visualisierung des Innenlebens der Hauptfigur aufnimmt und in gewisser Weise spiegelt. Während Wanda nämlich wegen des Traumas der Verluste durch den „Blip“ quasi eine ganze Kleinstadt in Geiselhaft nahm (beeinflußt von der Hexe Agatha natürlich), hat sich Visions „Persönlichkeit“ in verschiedene KIs zerteilt, die in ihm nun verschiedene Aufgaben und Charaktereigenschaften repräsentieren. Das Konzept erklärt sich besser, wenn man es selbst sieht, aber was man auf jeden Fall noch sagen kann – schließlich ist es dieser Konflikt, mit dem die Serie auch beworben wird -, ist, dass eine dieser „Persönlichkeiten“ der ehemalige (?) Schurke Ultron ist, der nun wiederum aus einem in der ersten Folge eruierten Grund, in der „menschlichen“ Gestalt, gespielt von James Spader, auftaucht und quasi sowas wie das Teufelchen auf der Schulter von Vision ist, aber streng genommen und schnell ersichtlich ein Eigenleben und eigene Pläne verfolgt.
Themenreich, überbordend, packend
VisionQuest erzählt nun also einerseits vom Innenleben und den dort agierenden KIs der Titelfigur und andererseits eine Thrillergeschichte im „Außen“, zu einem großen Teil in Edinburgh. Das geht alles in konzeptionell auf, weil man sich bei den KI-Themen auf omnipräsente Fragen stützen kann, sich beispielsweise bei den Auswirkungen von Aktionen im Außen auf das Innen an Inception und ähnliche Sci-Fi-Stoffe anlehnt und weil man schafft den kleinen Krimi-Part spannend zu halten.
Für Disney-Verhältnisse (Familientauglichkeit etc.) war ja schon WandaVision – und auch Agatha All Along – mutig, erwachsen und anspruchsvoll im Umgang mit Trauer, Verlust und moralischen Grauzonen. Hier geht VisionQuest den Weg konsequent weiter und sorgt damit, dass man sich im Jahr 2026 auf eine spielerische und gleichzeitig doch auch philosophisch-moralische Weise mit der KI-Thematik auseinandersetzt, dafür, dass diese MCU-Show tatsächlich relevant sein könnte. „Könnte“, weil man sich schon darauf einlassen und damit beschäftigen muss. Denn tatsächlich kann man alle tangierten KI-Fragestellungen auch nahezu ausblenden und sich auf die Krimi-/Abenteuer-/Superhelden-Parts konzentrieren.
Denn den Machern ist es gelungen, die Geschichte weiterzuerzählen, die auf mehreren Ebenen funktioniert – mit ein paar Abstrichen. Zum einen VisionQuest ist etwas zu lang geraten und das ein oder andere wird zu oft erklärt und ausgesprochen, womit man sich selbst etwas unterminiert, weil andererseits dem Publikum doch einiges zugetraut wird. Und vielleicht gibt es mal wieder bei Marvel etwas viel CGI-Standard-Footage, das 2026 leider eher ermüdend daherkommt.
Synthetisch.
Das weitaus größte Problem aber ist, dass – mal von der Synth-Basis abgesehen – die Vater-Problematik von Vision komplett altbacken ausgespielt wird. Und durch diese und auch andere Redundanzen fällt es schwer, hier noch emotional voll mitzugehen. Die große Kunst in den beiden vorigen Teilen dieser losen Trilogie war es, trotz der sehr speziellen Probleme der Akteure eine Nahbarkeit aufzubauen, die man speziell zuletzt nur noch selten in Comic-Verfilmungen bekam. Doch irgendwie will hier der Funke diesbezüglich nicht mehr überspringen.
Das ist natürlich ein Stück weit auch subjektiv, aber es liegt für mich hauptsächlich daran, dass Paul Bettany als Androide paradoxerweise schon zu gut ist, aber eben noch nicht perfekt. Er ist hier wirklich wieder stark in seiner Paraderolle, aber als Gegenpol zu Wanda hat das alles noch besser funktioniert. Hier spielt er nun – ohne zu viel zu verraten – vor allem zu Ultron das „Gegenmodell“, was man eben auch schon so erzählt bekommen hat. Die anderen Antagonisten bleiben weitestgehend platt, unausgefeilt und reihen sich in die lange Riege von austauschbaren Schablonen-Schurken des MCU ein: abgedroschene Motivation, langweilige Skills als „Spiegelbild“ des Guten und letztlich auch ohne Punch als Bedrohung.

Tommy.
Während in Agatha All Along die Billy-Enthüllung der finale „Twist“ war, wird diese Nummer zum Glück nicht nochmal 1:1 genauso durchgezogen und bezüglich Tommy mit offenen Karten gespielt. Was man dann aber mit der (Synth-)Vater-Sohn-Dynamik macht, ist schlicht zu wenig für die Laufzeit der Serie und den Status quo im MCU. Auch das liegt nicht am Personal, weil Ruaridh Mollica wirklich eine klasse Leistung – auch als Speed – abliefert und man von ihm gern auch noch mehr zeigen darf.
Aber es ist eben alles schon mal durchgekaut worden, sodass man sich am Ende fragt, was diese Geschichte jetzt fürs „Große Ganze“ beigetragen hat. Es überwiegt der Beigeschmack, dass man mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus kreativer Erzählfreude diese Trilogie nun noch zu einem Abschluss führen wollte. Das Herzblut der Macher, das in WandaVision in jedem Frame zu spüren war, ist hier nur noch in Ansätzen zu erkennen.
Sterben in Schönheit?
Was man abschließend VisionQuest aber unabhängig von den Kritikpunkten zugutehalten muss, sind Ausstattung und Production Design. Natürlich kann man auch hier den seit Jahren größten Elefanten im Blockbuster-Raum nicht ignorieren und kritisieren, dass sehr viel vor digitaler Kulisse entstanden ist. Doch vor dieser Kulisse glänzt die Serie mit Detailliebe, um der Innenwelt von Vision einen ähnlich ikonischen Look wie der TVA in Loki zu verleihen. Tatsächlich passt es aber hier auch eigentlich ganz gut, dass ein Gros vor Green Screens gefilmt wurde, schließlich existiert ja streng genommen diese Welt in Teilen auch nur zur Visualisierung von Rechenprozessen des „Computers“ Vision. Unter den Marvel-Serien ist das eine der hochwertig aussehenden und fügt sich auch gut in den Look von WandaVision und Agatha All Along ein.
Ob und in welchem Maß, Figuren und Storyansätze in der Zukunft des MCU nochmal eine Rolle spielen werden, ist indes nach dem Ende der acht Folgen ungewiss. Positiv ist, dass man trotz der Andeutungen, was eventuell nochmal aufgegriffen werden könnte, mit dem Schlusspunkt auch gut leben kann. Das unterscheidet wiederum VisionQuest von so etwas wie Moon Knight, wo schon mehr als deutlich auf eine weitere Staffel – die dann nie kam – hingearbeitet wurde.
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Unser Fazit zu VisionQuest
Mit VisionQuest enden zwei Ären: Einerseits die Trilogie, die einst mit WandaVision das Serienzeitalter des MCU eingeläutet hatte und andererseits auch diese gesamte Phase der Live-Action-Serien von Marvel bei Disney Plus. Künftige Formate, sollten diese überhaupt noch in Angriff genommen werden, werden definitiv noch weniger mit dem Kino-MCU verwoben sein. Als Abschluss funktioniert diese Geschichte demnach auch ganz gut, obgleich man nicht mehr die Höhen von WandaVision erreicht und die acht Folgen auf jeden Fall zu langatmig daherkommen. Paul Bettany, James Spader und T'Nia Miller schaffen es dank ihres Engagement aber die Längen ein Stück weit zu kaschieren und auch die übrigen Nebenfiguren haben immer wieder Szenen, die rechtfertigen, weshalb es dieses Abschlusses noch bedurfte. Mehr aber als ein versöhnlicher Abschluss mit wenig emotionaler Wirkung, durchschnittlichem CGI-Gewitter und oberflächlicher KI-Thematisierung ist die Serie aber leider nicht.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

