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    Startseite » Carrie
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    Carrie

    Jan Wernervon Jan Werner1. Oktober 2026Keine Kommentare9 min Lesezeit
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    Summer H. Howell spielt die "neue" Carrie. © Amazon MGM Studios
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    1974 schrieb Stephen King eines seiner erfolgreichsten Bücher: Carrie. Schon zwei Jahre später wurde der Horrorthriller erstmals verfilmt und war entsprechend zeitlich in Vorlage und Adaption gleich verortet. Bei Amazon Prime Video schlägt man nun ein neues Kapitel auf. Nicht nur wählt man diesmal die Serienform für die Verfilmung des Kultbuchs. Auch versetzt man die Handlung in unsere Zeit, was in diesem Fall diametrale Änderungen zur Folge hat. Geht dieser Spagat auf?

    Darum geht’s in Carrie

    Die Außenseiterin Carrie White (Summer Howell) hat ihr ganzes Leben hinter den Mauern ihres Zuhauses verbracht – abgeschirmt von ihrer überfürsorglichen Mutter Margaret (Samantha Sloyan). Als der plötzliche, viel zu frühe Tod ihres Vaters sie in das gnadenlose Ökosystem einer öffentlichen Highschool katapultiert, muss Carrie sich einem viralen Mobbing-Skandal stellen, der die Schulgemeinschaft spaltet. Während sie dem unerbittlichen Druck und der beiläufigen Grausamkeit des Social-Media-Zeitalters zu trotzen versucht, erwachen in ihr mysteriöse telekinetische Kräfte, die immer stärker werden. 

    Die auf acht mitreißende Episoden angelegte Serie erweitert Stephen Kings Kultroman, vertieft seine Figuren und Konflikte und zeigt, wie scheinbar kleine alltägliche Entscheidungen schließlich zu einer einzigen, erschütternden Nacht führen. Daraus entsteht eine spannende und zutiefst menschliche Geschichte über Mitgefühl und Grausamkeit – und darüber, ob hier die Entstehung einer Heldin, eines Monsters oder von etwas weitaus Komplexeren zu beobachten ist.

    verspricht Prime Video
    Key-Art © Amazon MGM Studios

    Ein Geschenk von Mike Flanagan zum 50.

    1976 war es, da verfilmte Brian De Palma den gerade erst hohe Wellen schlagenden Stephen King Roman Carrie mit Sissy Spacek in der Titelrolle. Was vor allem von dem damaligen Film im popkulturellen Gedächtnis und auch in der individuellen Erinnerung der Zuschauer:innen verbleibt, sind die Oscar-nominierten Darstellerleistung der Hauptdarstellerin und ihrer Filmmutter – und das legendäre Finale, das sich sprichwörtlich ganz tief und unwiderruflich ins Bewusstsein brennt. Darüber hinaus ist der de Palma-Beitrag aber auch ein exzellentes Relikt seiner Zeit, was den Coming-of-Age-Part und den Mobbing-Strang angeht. Eine neue Verfilmung der King-Geschichte muss sich also nicht nur mit dem ikonischen Film von damals vergleichen lassen, sondern steht auch vor der Herausforderungen die verhandelten Themen so upzudaten, dass die Essenz erhalten bleibt, aber die heute in den Vordergrund gerückten Probleme des Erwachsenwerdens die gleiche Würdigung erfahren wie die der damaligen Teenager 1976.

    Vor allem in diesem Punkt – und natürlich auch auf verschiedenen handwerklichen Ebenen – versagte 2013 das Remake, trotz einer eigentlich darstellerisch mehr als würdigen Chloë Moretz in der Titelrolle. Wenn nun aber einer bewiesen hat, dass er das beste von King auch aus Stoffen herausholen kann, die nicht mal von King stammen, dann ist es ein gewisser Mike Flanagan, der nun dieses Serien-Remake verantwortet. Entsprechend hoch waren die Erwartungen genau 50 Jahre nach De Palma an die Übersetzung der Geschichte ins Hier und Heute, wobei im Vorfeld eine gewisse Skepsis nie ganz ausgeräumt werden konnte, wie es bei Neuverfilmungen von Kultstoffen quasi immer der Fall ist.

    Der Big Little Lies-Weg

    Flanagans Schaffen durchzieht vor allem eine unvergleichliche Atmosphäre, irgendwo zwischen Slow-Pace-/Elevated-Horror, menschlichen Tragödien und einer audiovisuellen Stilsicherheit, bei der jeder Shot, jeder Needle Drop wie tausendfach überlegt wirkt. Seine Netflix-Serien haben dem Creator einen exzellenten Ruf verschafft, sodass man ihm beim roten N nach seinem Wechsel zur Konkurrenz noch die ein oder andere Träne nachweinen wird. Auch Carrie trägt in großen Teilen die eindeutige Handschrift des Machers von The Haunting of Hill House und Co., fühlt sich aber dann doch durch das Entlanghangeln an der Vorlage etwas konventioneller an.

    Summer H. Howell als Carrie © Amazon MGM Studios

    Da fügt sich auch gut ins Gesamtbild, dass der Einstieg und viele Momente der ersten Folge dramaturgisch und stilistisch an die HBO-Serie Big Little Lies erinnern. Denn wir steigen direkt mit einer Vorschau auf das vermeintliche Ende der Geschichte ein: Flammen, Zerstörung, Tod. Das Ganze wird dann parallel dazu, dass in der Pilotfolge die ersten Schritte der Schülerin Carrie als Neuling an einer öffentlichen Schule und die ersten unangenehmen Begegnungen des schüchternen Außenseitermädchens mit den Altersgenossen gezeigt werden, mit Interview-Ausschnitten von Mitschüler:innen im Anschluss an die Katastrophe geschnitten, die mit ihrer Perspektive auf das, was das Publikum dann in den nächsten Folgen erwartet, vor offene Fragen stellt und die Neugier fantastisch bis ins Unermessliche steigert.

    Schule ist höllisch, nur anders als vor 50 Jahren

    Jugendliche untereinander konnten auch schon vor dem Internet grausam sein. Speziell diejenigen, die sich als überlegen und cooler fühlen, die mangelndes Selbstvertrauen durch die Erniedrigung anderer, meist von Außenseitern, kompensieren, brauchten kein Social Media, um ihre Gemeinheiten auszuleben. Doch die technischen Entwicklungen, haben das Schadpotenzial – hier würde wohl keiner ernsthaft anno 2026 noch widersprechen – um ein Vielfaches verstärkt, da unter dem Deckmantel der Anonymität einerseits und wegen der ungleich größeren Reichweite und des Tempos andererseits die „Bullys“ unserer Zeit viel „effizienter“ werden konnten.

    Und hier setzt nun auch der Ansatz der Übertragung der Carrie-Geschichte in unsere Zeit an: Die junge Halbwaise mit der Mutter, die nicht nur streng erzieht, sondern sich sämtlichen zeitlichen Konventionen zu verweigern scheint, wird in ein Haifischbecken voller Pubertierender geworfen und weiß mangels sozialer Bildung überhaupt nicht, wie ihr geschieht. Weder wurde sie, die jahrelang privat unterrichtet wurde, über das „echte Leben“ aufgeklärt, noch hatte sie die Chance, die selbe Sozialisierung bezüglich Internet und Social Media wie ihre Altersgenossen durchzumachen. Für Carrie gibt es Literatur, Religion, aber keine echte Jugend.

    Die Jugendliche ist eine Bilderbuch-Außenseiterin, die schnell drangsaliert wird, viel schlimmer noch: sie wird unter falschen Versprechungen in die Opferrolle gedrängt – ohne dies überhaupt zu realisieren. Mike Flanagan hat die Neuverfilmung in erster Linie mal als Highschool-Drama angelegt, bei dem die nerdige Außenseiterin aufs Unangenehmste blamiert wird. Das bringen die ersten Episoden auf eine so unangenehme Weise rüber, dass es beim Zuschauen immer wieder fast körperlich schmerzt.

    Telekinese, Kultismus und Homecoming

    Gleichzeitig wissen wir aber von Beginn an, dass Carrie Telekinese beherrscht – oder besser: dass sich ihre Emotionen zumindest über weite Strecken in nicht kontrollierbarer Weise entladen können, was dann schon mal Fernseher von der Wand fallen oder Autos schweben lassen kann. Das Mobbing im digitalen Raum geht unter die Haut, aber da ja bereits mit der Katastrophe am Ende in die Serie eingestiegen wurde, wissen wir, dass es irgendwann dazu kommen wird, dass Carrie ihre Peiniger erwischt – die Frage ist nur, wann.

    Vieles kommt einem hier womöglich bekannt vor. Aber was diese Adaption von beispielsweise 13 Reasons Why, wo man ebenfalls das Highschool-Mobbing-Thema zum Psychothriller gemacht hat, fundamental unterscheidet, ist eben dieses übernatürliche Element. Wiederum stilistisch ähneln tun sich diese beiden Formate mit dem sehr forcierten Einsatz des Soundtracks. Carrie glänzt durch eine richtig starke Songauswahl, wobei die Lieder in nicht wenigen Szenen mehr als nur die Spannung steigern oder die Stimmung verstärken, sondern überhaupt erst den Ton setzen.

    Arthur Conti und Alison Thornton © Amazon MGM Studios

    Carrie erzählt die zeitlose Geschichte einer Eskalationsspirale, bei der die letztlich finale übernatürliche Stufe natürlich auch als Metapher gelesen werden muss. Das hat sich seit 1976 kaum verändert, doch es wäre zu kurz gesprungen, die Veränderungen allein nur auf die technische Weiterentwicklung zu reduzieren. Flanagan gelingt es auf nahezu jeder Ebene den Stoff aufzuwerten und für das Heute aufzubereiten, weil er junge Darstellende gefunden hat, die dem heutigen Archetyp-Teenager sehr gut entsprechen, weil er eine extrem wertige Bildsprache gefunden hat, die sich klar von De Palmas optischem Trash-Charme abhebt, weil er eine Nebenhandlung einwebt, die das Gesamtpaket vervollständigt.

    Flanagans Freunde und neue Gesichter

    Was bei Nolan Michael Caine oder bei Raimi Bruce Campbell, sind bei Mike Flanagan Samantha Sloyan, Kate Siegel und Raoul Kohli: Die Stammbesetzung des Horror-Maestros ist wieder dabei und wie erwartet bockstark! Vor allem natürlich ist von diesem Trio Sloyan als Mutter der Titelfigur hervorzuheben, die den Vergleich mit ihrer Oscar-nominierten Vorgängerin von 1976 nicht scheuen muss. Und dann ist da unter den Erwachsenen noch ein gewisser Matthew „Shaggy“ Lillard, der derzeit seinen dritten Frühling erlebt und nach Alex Cross und Daredevil: Born Again binnen weniger Monate in einer weiteren großen Serie reüssiert – und als Schuldirektor hier ebenfalls überzeugen kann.

    Selbstredend aber sind hier die wahren Stars – und Identifikationsfiguren für das Zielpublikum die jungen Mimen. Und ja: Mit einer Sissy Spacek kann Summer H. Howell nicht mithalten, soll sie aber auch gar nicht. Vielmehr spielt sie eine anfangs extrem naiv-schüchterne Carrie, die behutsam ihre Kräfte entdeckt und dann die „logische“ Entwicklung durchmacht. Dieser Transformationsprozess gelingt der jungen Darstellerin wirklich auf ihre ganz eigene Weise zu vermitteln. In ein paar Szenen hätte vielleicht etwas weniger Impulsivität der Glaubhaftigkeit noch gut zu Gesicht gestanden, aber im Großen und Ganzen kann man mit dieser Besetzung extrem glücklich sein.

    Und dann ist da – neben weiteren starken, unverbrauchten Gesichtern – noch die stereotyp angelegte Bully-Antagonistin, die natürlich nicht ohne eigene Probleme daherkommen kann, die ihr Verhalten etwas einnorden sollen. Doch aus der vermeintlichen Standardfigur Chris Hargensen holt Alison Thornton richtig viel raus, deutet sogar Ambivalenzen in Momenten an, die vielleicht sonst noch plakativer wären.

    Zurück zum Ursprung

    Vieles, was in Film und Serie im Coming-of-Age-Bereich mit übernatürlichen Kräften unterfüttert seit 1976 gemacht wurde, hat sich auf Kings und/oder De Palmas Carrie bezogen: Stranger Things natürlich, viele Elemente, die ihren Weg zu den X-Men gefunden haben, auch sowas Nischiges wie die Prime-Adaption Die Gabe oder der Indie-Hit Chronicle – überall werden die Motive des Genre-Klassikers übernommen, rezitiert, als Hommage geadelt.

    Leider verhält es sich nun aber mit der 2026er Carrie zumindest ein bisschen wie bei Star Wars und Valerian oder John Carter: obwohl die späteren Verfilmungen auf Ideen zurückgehen, auf denen der Welterfolg von Lucas‘ Sternenkriegssaga erst aufbauen konnte, gelten die zu späten Verfilmungen als maue Kopien des dann wiederum als „Original“ fehlinterpretierten Welterfolgs.

    Nun wird also ein Stoff neuadaptiert, der Stranger Things und Co. erst möglich gemacht hat – und dennoch werden viele wohl sagen: das hat man woanders doch schon so gemacht. Das ist allerdings nur ein Problem für die älteren Zuschauer:innen und an die wendet sich Prime mit diesem Format mutmaßlich gar nicht primär. Vielmehr ist Carrie, so zumindest mein Verdacht, für das junge Publikum konzipiert, das hiermit womöglich erste Erfahrungen mit Horror machen soll und wird. Hat man tatsächlich wenig Genre-Vorwissen, wirkt diese Serie um ein Vielfaches frischer, überraschender, origineller.

    Für diejenigen wiederum, die den Vergleich ziehen können – nicht nur zum alten Film, sondern eben auch zu zig ähnlich gelagerten Stories -, ist diese Serie immer noch auf emotionaler Ebene herausragend, wartet mit klasse Figurenentwicklungen auf und schafft es ohne jeden Zweifel, den essentiellen Themen respektvoll zu begegnen und doch auch neue Perspektiven zu verleihen.

    © Amazon MGM Studios

    Unser Fazit zu Carrie

    4.0 Stark

    Carrie hinterlässt Eindruck und das durchaus positiv - entgegen aller Skepsis. Mike Flanagan liefert mit der Wiederverfilmung einerseits eine weitere starke, mit seiner Handschrift angereicherte King-Adaption ab. Andererseits ist die Serie dann doch im Schaffen des Hill House-Schöpfers die konventionellste Produktion. Handwerklich wiederum stimmt nahezu alles: verdammt guter Musikeinsatz, toller Schnitt, Schauspiel, das man in Erinnerung behält und Bilder, mit denen man auch auf der Leinwand würde stattfinden können. Was ein kleiner Wermutstropfen dieser Prime-Serie sein kann, ist zu viel Vorwissen und Erfahrung im Genre, denn viele Szenen kommen Vielschauern dann doch vertraut vor. Und auch wenn mir das Ende sehr gut gefallen hat, könnten sich hieran die Geister scheiden...

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    Jan Werner

    Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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